Kapitalismus im 21. Jahrhundert 

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Ein neuer Sammelband des IWM im Passagen Verlag enthält Beiträge führender KapitalismusexpertInnen, die die Grenzen des Kapitalismus aufzeigen und Wegen zu seiner Zähmung nachspüren. Die nachfolgenden Artikel von Branko Milanović und Mariana Mazzucato sind Auszüge aus diesem Band. 

Der Kampf der Kapitalismen 

von Branko Milanović 

Der Kapitalismus regiert die Welt. Abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen ist die wirtschaftliche Produktion auf der ganzen Welt gleich organisiert: Die Arbeit ist freiwillig, das Kapital überwiegend in privater Hand und die Produktion dezentral koordiniert und von Profit getrieben. Historisch ist dieser Triumph beispiellos. Früher musste der Kapitalismus mit anderen Organisationsformen der Produktion koexistieren. Heute jedoch ist er die einzige verbliebene Produktionsweise.

In der Menschheitsgeschichte folgt auf die Durchsetzung eines Systems oder einer Religion häufig ein Schisma von zwei Varianten desselben Kredos. In dieser Hinsicht ist der Kapitalismus nicht anders: zwei Modelle, die sich voneinander in politischen, wirtschaftlichen und sozialen Aspekten unterscheiden, sind vorherrschend.

In den Staaten Westeuropas und Nordamerikas und einer Reihe anderer Länder wie Indien, Indonesien und Japan dominiert eine liberale, meritokratische Form des Kapitalismus: ein System, in dem die Produktion überwiegend im Privatsektor konzentriert ist, Talente scheinbar rasch aufsteigen können, und das durch Maßnahmen wie kostenlose Schulbildung oder Erbschaftssteuern Chancen für alle zu ermöglichen versucht. Demgegenüber steht das staatlich gelenkte, politische Modell des Kapitalismus, dessen bestes Beispiel China ist, das jedoch auch in anderen Teilen Asiens (Myanmar, Singapur und Vietnam), in Europa (Aserbaidschan und Russland) und in Afrika (Algerien, Äthiopien und Ruanda) in Erscheinung tritt. Dieses System setzt auf hohes Wirtschaftswachstum und schränkt die individuellen politischen und Bürgerrechte ein.

Die beiden Modelle offerieren signifikant unterschiedliche Möglichkeiten, wie politische und wirtschaftliche Macht in der Gesellschaft strukturiert werden können. Der politische Kapitalismus gewährt politischen Eliten größere Autonomie und verspricht den Normalbürgern höhere Wachstumsraten. Chinas wirtschaftlicher Erfolg untergräbt die Behauptung des Westens, es gebe eine notwendige Beziehung zwischen Kapitalismus und liberaler Demokratie.

Die Regierungen Chinas und anderer Staaten des politischen Kapitalismus müssen ständig wirtschaftliches Wachstum erzeugen, um ihre Macht zu legitimieren – ein Kraftakt, den zu bewältigen immer schwieriger werden dürfte. Sie müssen auch versuchen, die systeminhärente Korruption und die damit einhergehende rasant wachsende Ungleichheit zu begrenzen. Der Prüfstein ihres Modells wird sein Vermögen sein, eine immer größere kapitalistische Schicht, die sich oftmals an der arroganten Macht der Staatsbürokratie stößt, im Zaum zu halten.

Der liberale Kapitalismus hat viele bekannte Vorteile, von denen Demokratie und Rechtsstaat zu den wichtigsten zählen. Diese beiden Merkmale stellen Werte an sich dar, denen auch eine schnellere Wirtschaftsentwicklung durch die Förderung von Innovationen und sozialer Mobilität zugeschrieben werden kann. Doch das System steht vor einer enormen Herausforderung: der Herausbildung einer sich selbst erhaltenden Oberschicht in Verbindung mit zunehmender Ungleichheit. Darin liegt derzeit die gravierendste Bedrohung für die langfristige Existenzfähigkeit des liberalen Kapitalismus.

Wenn es den liberalen, meritokratischen, kapitalistischen Systemen nicht gelingt, das Problem der wachsenden Ungleichheit anzugehen, riskieren sie, einen anderen Weg einzuschlagen: nicht hin zum Sozialismus, sondern zur Annäherung an den politischen Kapitalismus. Die wirtschaftliche Elite im Westen wird sich weiter isolieren und ihre Macht noch ungehinderter über angeblich demokratische Gesellschaften ausüben, so wie die politische Elite in China über ihr Land herrscht. Je enger wirtschaftliche und politische Macht in den liberalen, kapitalistischen Systemen verschmelzen, desto plutokratischer wird der liberale Kapitalismus, der immer mehr Züge des politischen Kapitalismus annimmt. In letzterem Modell führt der Weg zu wirtschaftlichen Vorteilen über die Politik; im plutokratischen – ehemals liberalen, meritokratischen – Kapitalismus wird die wirtschaftliche Macht die Politik unterwerfen. Der Endpunkt beider Systeme wird der gleiche sein: sich schließende Reihen einer privilegierten Minderheit und eine endlose Reproduktion dieser Elite.  

Branko Milanović ist Ökonom und prominenter Ungleichheitsforscher. Er war mehr als zwei Jahrzehnte lang führender Ökonom der Forschungsabteilung der Weltbank.

Kapitalismus im 21. Jahrhundert  
Herausgegeben von Shalini Randeria, Wien: Passagen Verlag, 2021. Mit Beiträgen von Dani Rodrik, Branko Milanović, Nancy Fraser, Wolfgang Merkel, Claus Leggewie, Friedrich Lenger und Mariana Mazzucato. 


Der Kapitalismus nach der Pandemie 

von Mariana Mazzucato 

Nach der Finanzkrise 2008 haben die Regierungen weltweit mehr als drei Billionen US-Dollar in das Finanzsystem gepumpt. Ziel war es, die Kreditmärkte aufzutauen und die Weltwirtschaft wieder in Gang zu bringen. Doch anstatt die Realwirtschaft zu unterstützen, landete der Großteil der Hilfen im Finanzsektor. Die Regierungen retteten die großen Investmentbanken, die unmittelbar zur Krise beigetragen hatten, und als die Wirtschaft wieder in Gang kam, waren es diese Unternehmen, die die Früchte des Aufschwungs ernteten. Die Steuerzahler ihrerseits blieben einer Weltwirtschaft überlassen, die genauso kaputt, ungleich und kohlenstoffintensiv war wie zuvor.

Jetzt, da die Länder von der Covid-19-Pandemie und den daraus resultierenden Lockdowns betroffen sind, müssen sie es vermeiden, denselben Fehler noch einmal zu machen. 

Während sie sich aus der aktuellen Krise befreien, können sie mehr tun, als nur das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Sie können auch die Richtung dieses Wachstums lenken, um eine bessere Wirtschaft aufzubauen.

Zu lange haben Regierungen die Risiken sozialisiert, aber die Gewinne privatisiert. Die Öffentlichkeit hat den Preis für das Aufräumen von Schlamasseln bezahlt, aber die Vorteile dieser Aufräumarbeiten sind größtenteils den Unternehmen und ihren Investoren zugefallen. Fortgeschrittene Volkswirtschaften litten schon lange vor dem Ausbruch von Covid-19 unter großen Strukturmängeln. Zum einen finanziert sich das Finanzwesen selbst und untergräbt damit die Grundlage für langfristiges Wachstum. Ein weiteres Problem ist, dass viele große Unternehmen langfristige Investitionen zugunsten kurzfristiger Gewinne vernachlässigen. Hinzu kommt die Aushöhlung der staatlichen Kapazitäten. Erst nach einem expliziten Marktversagen greifen die Regierungen in der Regel ein, und die von ihnen vorgeschlagenen Maßnahmen sind nicht weitreichend genug und kommen zu spät. Wenn der Staat nicht als Partner bei der Wertschöpfung, sondern lediglich als Reparaturinstanz gesehen wird, werden öffentliche Ressourcen ausgehungert. Sozialprogramme, Bildung und Gesundheitsversorgung bleiben allesamt unterfinanziert. Diese Versäumnisse haben sich zu wirtschaftlichen wie planetarischen Mega-Krisen summiert. Die Covid19-Krise hat all diese Probleme nur noch weiter verschlimmert.

Generell müssen Länder öffentliche Investitionen weniger wie Almosen gestalten, und eher als Versuche verstehen, den Markt zum Nutzen der Allgemeinheit zu formen – was bedeutet, staatliche Unterstützung an Auflagen zu knüpfen. Während der Pandemie sollten diese Auflagen drei spezifische Ziele fördern: erstens die Beschäftigung zu erhalten, um die Produktivität der Unternehmen und die Einkommenssicherheit der Haushalte zu schützen; zweitens eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, indem sie für angemessene Sicherheit, anständige Löhne, ausreichende Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und ein größeres Mitspracherecht bei Entscheidungen sorgen; drittens das Vorantreiben langfristiger Aufgaben wie die Reduzierung von CO2-Emissionen und die Nutzung der Vorteile der Digitalisierung für öffentliche Dienstleistungen, vom Verkehr bis zum Gesundheitswesen.

Der Staat kann nicht einfach investieren, er muss die richtige Vereinbarung treffen. Dazu muss er anfangen, wie ein „unternehmerischer Staat“ zu denken. Er muss sicherstellen, dass er bei seinen Investitionen nicht nur Risiken abfedert, sondern auch einen Anteil an den Gewinnen erhält. Das könnte er beispielsweise gewährleisten, indem er sich in diesen Vereinbarungen Beteiligungen zusichern lässt.

Manche, die über die Erholung von der Pandemie sprechen, nennen ein verlockendes Ziel: die Rückkehr zur Normalität. Aber das ist das falsche Ziel; das Normale ist kaputt. Vielmehr sollte das Ziel sein, wie es viele formuliert haben, to build back better, also besser zurückzubauen. Vor zwölf Jahren bot die Finanzkrise eine seltene Gelegenheit, den Kapitalismus zu verändern, doch sie wurde vertan. Jetzt hat eine weitere Krise eine weitere Chance zur Erneuerung eröffnet. Dieses Mal kann es sich die Welt nicht leisten, sie ungenutzt verstreichen zu lassen.  

Mariana Mazzucato ist Professorin für Economics of Innovation and Public Value am University College London (UCL), wo sie auch Gründungsdirektorin des Institute for Innovation & Public Purpose ist.