Vor etwa 100 Jahren entstand Kurt Schwitters’ Ursonate. Der dadaistische Künstler und Dichter arbeitete daran insgesamt 9 Jahre, von 1923 bis 1932. Es ist ein Lautgedicht, komponiert in den Sätzen einer Sonate: Exposition, largo, scherzo, presto, finale. Das Präfix Ur- legt nahe, diese Sonate als eine Komposition aus primärer sprachlicher Materie zu verstehen. Schwitters sprach daher auch von einer „Sonate aus Urlauten“. Es wäre dann, als ob die Komposition aus einer sprachlichen materia prima ein autonomes und abstraktes Sprachbild formt, das auf den ersten Blick an ein rhythmisches Durcheinander von Lauten und Schreien erinnert.
Entstanden ist die Ursonate in einer Zeit heftiger geschichtlicher Verwerfungen und buchstäblich aus den Scherben einer zerberstenden Welt. Auch damals hatten die politischen Verführer starken Zulauf. Wer will, kann aus den abstrakten Lauten den Widerhall der Zeit erahnen: Schreiendes Dominanzgehabe, Agitation, Widerstand, Konkurrenz, Trotz – aufgehoben in einem spielerischen Ganzen. Anscheinend frönt sie ganz dem Unsinn, und ist doch alles andere als unsinnig.
Die Ursonate gehört zu den wichtigsten Werken des europäischen Dadaismus. Von Schwitters wurde sie als sprachmusikalische Komposition für eine Stimme konzipiert. Das Stück erlaubt jedoch – fordert vielleicht sogar – szenische Anordnungen, so dass Jaromír Typlt und Pavel Novotný daraus ein Stück für zwei Stimmen entwickelt haben. Ihre Performance wurde im Mai 2006 in Liberec uraufgeführt, feiert also 20-jähriges Bühnenjubiläum, und ist zum Festival erstmals in Wien zu erleben.
„Nehmen Sie Dada ernst! es lohnt sich“
– George Grosz