Einige komprimierte Gedanken zur Corona-Krise aus psychoanalytischer Perspektive

– Die psychoanalytische Wahrheitsfindung beruht auf der Frage nach den unbewussten Bedeutungen eines Phänomens und nach den verborgenen Motiven menschlichen Verhaltens.

– Die Antworten folgen in vielen Fällen dem Prinzip der Nachträglichkeit. Daher ist die hier zu stellende Frage nicht nur: „Was ist Corona?“ sondern: „Was wird Corona gewesen sein?“ Dies gilt für traumatische Ereignisse im Allgemeinen.

– Natur und Kultur: Die Kultur besteht aus Einrichtungen, welchen neben der Aufgabe der Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander die Funktion eines Schutzes vor den Gewalten der Natur zukommt. Kulturleistungen schränken jedoch die individuellen Freiheiten der Individuen ein, so dass daraus ein weiteres Dilemma resultiert: das Unbehagen in der Kultur und Kultur als Triebverzicht im Sinne Freuds.

– Krisen und Katastrophen beginnen in der Regel mit einem unerwarteten Einbruch des Realen als Ereignis. Das Agens in der gegenwärtigen Krise ist ein gefährliches Virus mit weltweiter Verbreitungsneigung und allfälliger tödlicher Wirkung. Das Spezifikum einer solchen Bedrohung liegt in ihrem Mangel an Wahrnehmbarkeit und an ihrer relativen Unberechenbarkeit. Deshalb haftet ihr der Charakter des Unheimlichen mit einem Mix aus Kriegsvorstellungen, psychosenahen Ahnungen und Science-Fiction- Illusionen an.

– Zunächst ein „Alien“ mit Dingcharakter wird das Virus zum hysterischen Objekt (verstörend, rätselhaft, ansteckend), das zu einer Reihe von individuellen und kollektiven Abwehrmaßnahmen Anlass gibt.

– Unter den trauma- und krisenbedingten Frustrations- und Privationserlebnissen  entwickeln sich auf beiden Ebenen, individuell und gesellschaftlich aggressive Manifestationen und regressive Tendenzen. Die Kollektive entdifferenzieren sich und nehmen den Charakter von Massenbildungen an: Die Individuen projizieren ihr Ideal auf Führerfiguren oder auf eine gemeinsame Idee und vereinigen sich mit ihren Ich-Instanzen mehr oder weniger uniform miteinander zu einer notbedingten Solidarität. Politische Maßnahmen der Führerschaft in Kooperation mit Wissenschaftsdiskursen mit Beratungsfunktion schlagen eventuell in politisch gestützte Expertenregierungen um.

– Individuelle Abwehrmuster variieren je nach Persönlichkeitsstruktur, auch in Abhängigkeit von spezifischen ethnisch bevorzugten Abwehrmodellen. Auto- oder heteroaggressive Tendenzen sowie Regressionsbewegungen auf verschiedene Niveaus der Triebentwicklung zur Erlangung von Ersatzbefriedigungen herrschen vor.

– Einerseits angstfördernde, andererseits beruhigende Führungsinstanzen . „Die erste Aufgabe eines Arztes ist Entängstigung!“ hat einmal ein prominenter Mediziner gesagt. Schwierige Balance zwischen Panikmache und Verharmlosung unter Symbolgestalten wie „Kassandra“, „die apokalyptischen Reiter“, „der liebe Augustin“ etc. Neurotische, perverse und psychotische Bewältigungsstrategien sind hier zu unterscheiden.

– Auf einer solchen Basis sich entwickelnde Verschwörungstheorien, Weltuntergangsprophezeiungen oder aber ein mehr oder weniger heimliches Genießen der Katastrophe (im Gegensatz zum bewussten Genießen der zum Teil behaglichen Aspekte der Abwehrmaßnahmen) sind auch als Manifestationen des Todestriebes zu betrachten. Todesangst und Begehren des Todes erweisen sich als Verdichtung von Abwehr und Wunsch. Posthumanistische und transhumanistische Positionen der Philosophie weisen ebenfalls in eine solche Richtung. De Sades Philosophie vom sekundären Tod ist ein besonders radikales  Beispiel solcher Tendenzen: Der Mensch muss nicht nur die Natur unterstützen, Leben möglichst umgehend in Tod überzuführen, sondern ihn dabei auch noch übertreffen, indem ein absoluter Tod ohne Reste und Spuren anzustreben sei.

– Schließlich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Abwehrmaßnahmen. Eventuell sind Verschiebungsmechanismen am Werk: eine kleinere Krise und ihre Bewältigung dient als gelungene Alibihandlung für den vernachlässigten Umgang mit einer größeren Katastrophe (Klimakatastrophe).

– Die Bewahrung von Leben, der eine unbedingte und beinahe heilige Vorrangstellung eingeräumt wird, ist ein eher heuchlerisches Prinzip. Denn man schickt nach wie vor die eigenen Kinder in den Krieg, lässt Flüchtlinge absichtlich ertrinken, nimmt unnötige Hungerkatastrophen gelassen hin usw. usw.

– Wie man sieht, zerbröckelt bei nachlassender Gefahr die Not-Solidarität mit ihrem nicht zu unterschätzenden unterschwelligen Misstrauen. Wird es gelingen, stattdessen eine ethisch gestützte Solidarität zu etablieren? Konservative, neokonservative und populistische Politiken, die, sozialdarwinistisch gefärbt, an der Aufrechterhaltung sozialer Unterschiede interessiert sind und dabei den Untergang von krass benachteiligten Bevölkerungsgruppen in Kauf nehmen, sind wohl nicht die Lösung.

August Ruhs