In Memoriam Agnes Heller (1929-2019)

Von Ludger Hagedorn

Am 19. Juli starb die große ungarische Philosophin Ágnes Heller im Ferienort Balatonalmádi am Plattensee. Sie starb, wie sie lebte – unbeirrt und mutig: Sie sei, so berichten Augenzeugen, weit hinausgeschwommen in den See, so wie immer, aber diesmal kehrte sie nicht ans Ufer zurück. Vor einigen Wochen war sie 90 geworden. Seit Jahren hatten Freunde sie gebeten, aus Rücksicht auf ihr Alter nicht so weit hinauszuschwimmen. Fortan bemühte sie sich, ihre Schwimmausflüge von drei auf zwei Stunden zu verkürzen. Das war ihre Art von Konzession.

Eigentlich, so sagte Heller einmal, gehe es in ihrer gesamten Philosophie nur darum zu verstehen, wie so etwas wie Auschwitz und der Gulag möglich sind.  Zu verstehen bedeutete für sie etwas prinzipiell anderes als zu hassen. Systeme und das totalitäre Regime wollte sie hassen, aber nie die Menschen, nicht einmal die Übeltäter. Es ist diese tiefe humanistische Überzeugung, die ihre Philosophie vielleicht mehr charakterisiert als jede noch so ausgefeilte Theorie.

Eine große Rolle spielten für sie die Vorbilder. Wie Aristoteles an einem Freund, so orientierte sich Heller zeitlebens an ihrem Vater, einem Budapester Rechtsanwalt und überzeugten Kantianer. Doch auch ein Gespräch mit ihrer Großmutter Zsófia Meller blieb ihr in Erinnerung: Von ihr hatte sie die Überzeugung, dass das moralisch gute Leben nicht im Widerspruch zum schönen Leben stehen muss. Zsófia Meller war die erste Studentin, die sich gegen alle Widerstände als Frau an der Universität Wien inskribierte. Auch in dieser selbstverständlichen Auflehnung gegen ungerechte Strukturen blieb Ágnes Heller der Familientradition treu.

Lange vor ihrer Emigration im Jahr 1977 war sie eine philosophische Kosmopolitin. Aber auch oder gerade in den Jahren in der Fremde, als sie zunächst in Australien und dann als Nachfolgerin Hannah Arendts an der New School lehrte, blieb ihr Bekenntnis: „Ich bin eine ungarische Jüdin, und ich liebe die ungarische Sprache.“ Es scheint deshalb auch selbstverständlich, dass sie nach ihrer Emeritierung nach Budapest zurückkehrte. Mit ihrer Kritik am Regime Orbán hat sie nie zurückgehalten. In ihrem letzten Buch beschreibt sie die Entwicklung Ungarns nach 1989 als eine doppelte Wende „von der Diktatur zur liberalen Demokratie und von dieser zur Tyrannei.“ Dieses Buch trägt den Titel „Paradox Europa“ und ist Ausdruck ihrer tiefen Sorge um die politische Entwicklung des Kontinents (auf Deutsch wie andere Titel von Heller erschienen bei Edition Konturen, Wien/Hamburg). Am 26. September hätte sie dieses Buch zur Eröffnung des Humanities Festival diskutieren wollen. Nun ist es zu ihrem Vermächtnis geworden.

Ágnes Heller war häufig und gern zu Besuchen in Wien. Mit dem IWM war sie viele Jahre hindurch freundschaftlich und intellektuell verbunden – zuletzt präsentierte sie 2017 ihr Buch “Eine kurze Geschichte meiner Philosophie” im Gespräch mit Ludger Hagedorn.

In einem ungarischen Nachruf spricht der Philosoph Gaspar Miklos Tamás davon, sie sei gestorben „wie ein romantisch junges Mädchen in einer Weise von Schumann.“ Ágnes Heller mochte die romantische Verklärung nicht, doch es ist schwer, sich der Symbolik ihres Todes zu entziehen. Er wirkt wie der Schlusspunkt einer Philosophie, die keine Angst vor der Weite kannte und immer das Abenteuer des Denkens suchte.

Ein längerer Nachruf von IWM-Permanent Fellow Ludger Hagedorn erschien auf ZEIT-Online: : https://www.zeit.de/2019/31/agnes-heller-philosophin-gestorben-ungarn