Und wie elektrische Schafe träumen wir: Humanität, Sexualität, Digitalität

Rezension:
Corinne Orlowski, Rezension von: Timothy Snyder (2020): “Und wie elektrische Schafe träumen wir”, Passagen Verlag, WDR 3 Buchkritik, 21.August 2020.

So wie ein lädierter Apfel Fliegen anlockt, zieht menschlicher Leichtsinn Algorithmen an. Digitale Wesen nutzen unsere Selbstüberschätzung aus, bestärken unsere falschen Überzeugungen, instrumentalisieren unsere sexuellen Ängste, reduzieren uns auf isolierte Tiere und veranlassen uns schließlich dazu, die Reste unserer Intelligenz dazu zu verwenden, ihnen ein Alibi für ihre Taten zu geben.” Timothy Snyder

Timothy Snyder diskutiert in seinem originellen essayistischen Text die Implikationen künstlicher Intelligenz für die menschliche Zukunft. Als Einstieg dienen ihm der 1950 vom englischen Informatikpionier Alan Turing entwickelte Test, der der Frage nachging, ob Maschinen menschliches Denkvermögen unterstellt werden kann, sowie Science-Fiction-Erzählungen Isaac Asimovs und Philipp K. Dicks. Ausgehend davon analysiert Snyder verschiedene Konstellationen der Interaktion zwischen menschlichen und digitalen Wesen und zwischen unterschiedlichen Denkstilen, und diskutiert die weitreichenden Konsequenzen, die diese für Wahrheit, Freiheit, Ethik und nicht zuletzt für unser Menschenverständnis haben. Snyder sieht in der digitalen Tyrannei der Gegenwart eine kapitale Herausforderung für die Demokratie. Sie ist ein Regime, das einerseits die Wahrheit systematisch negiert, und andererseits Menschen glauben lässt, sie agierten sebstständig, obwohl ihre Handlungen vielmehr von nicht greifbaren digitalen Wesen gesteuert werden. Um Demokratie und Freiheit zu bewahren, so Snyder, bedarf es eines kritischen Umgangs mit Digitalität, eines Pluralismus von Denkstilen sowie eines kompromisslosen Festhaltens an Wahrheit und Fakten.


Timothy Snyder ist Richard C. Levin Professor für Geschichte an der Yale University und Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen, Wien. Im Zentrum seiner Forschungsinteressen stehen der Zweite Weltkrieg und der Holocaust insbesondere in Osteuropa. Zu seinen bekanntesten Schriften zählen Bloodlands: Europe between Hitler and Stalin, New York 2010 (deutsch: Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin, München 2011); Black Earth: The Holocaust as history and warning (deutsch: Black Earth: Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann, München 2015; On tyranny: Twenty lessons for the twentieth century, New York 2017 (deutsch: Über Tyrannei: Zwanzig Lektionen für den Widerstand, München 2017); The road to unfreedom: Russia, Europe, America, New York 2018 (deutsch: Der Weg in die Unfreiheit: Russland, Europa, Amerika, München 2018).

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