IWM Neuerscheinungen

Vor einigen Wochen, als die Coronavirus-Pandemie Europa schon längst erreicht hatte, sind zwei neue Bücher des IWM im Wiener Passagen Verlag erschienen. Sie sollten ursprünglich auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt werden, die, wie vieles andere, schlussendlich abgesagt werden musste. Wir können die massiven Auswirkungen dieser anhaltenden Krise nur erahnen und während wir der Entwicklungen harren, lade ich Sie dazu ein, Ihren Blick auf ein anderes Thema zu richten, das unsere Zukunft prägen wird: die Chancen und Gefahren digitaler Technologien.

Als Rektorin eines Instituts, das sich nicht nur als wissenschaftliche Einrichtung versteht, sondern auch der politischen Bildung verschrieben hat, bereitet es mir eine große Freude auf die Bücher von zwei dem IWM eng verbundenen Autoren hinzuweisen, die nicht nur ihre Disziplin maßgeblich geprägt, sondern auch als Public Intellectuals eine breite Öffentlichkeit erreicht haben.

In seinem Essay legt Timothy Snyder das Augenmerk auf die politischen Folgen der digitalen Durchdringung des Alltags und warnt vor einer voranschreitenden digitalen Tyrannei, die verheerende Folgen für die Demokratie haben kann. Robert Skidelsky fragt nach den Folgen von Automatisierung und Digitalisierung für die Arbeitswelt und die Wirtschaft im Allgemeinen und eruiert Möglichkeiten der Arbeitszeitverkürzung, die sich durch diese Technologie eröffnen. Ungeachtet ihres unterschiedlichen disziplinären Zugangs und Fokus kommen beide Autoren nicht umhin, die ethischen Implikationen künstlicher Intelligenz und Automatisierung anzusprechen und auf grundlegende Fragen für die Zukunft der Menschheit einzugehen.

Viel Freude beim Lesen wünscht Ihnen

Shalini Randeria, Rektorin

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Timothy Snyder
Und wie elektrische Schafe träumen wir: Humanität, Sexualität, Digitalität

 

“So wie ein lädierter Apfel Fliegen anlockt, zieht menschlicher Leichtsinn Algorithmen an. Digitale Wesen nutzen unsere Selbstüberschätzung aus, bestärken unsere falschen Überzeugungen, instrumentalisieren unsere sexuellen Ängste, reduzieren uns auf isolierte Tiere und veranlassen uns schließlich dazu, die Reste unserer Intelligenz dazu zu verwenden, ihnen ein Alibi für ihre Taten zu geben.” Timothy Snyder

Timothy Snyder diskutiert in seinem originellen essayistischen Text die Implikationen künstlicher Intelligenz für die menschliche Zukunft. Als Einstieg dienen ihm der 1950 vom englischen Informatikpionier Alan Turing entwickelte Test, der der Frage nachging, ob Maschinen menschliches Denkvermögen unterstellt werden kann, sowie Science-Fiction-Erzählungen Isaac Asimovs und Philipp K. Dicks. Ausgehend davon analysiert Snyder verschiedene Konstellationen der Interaktion zwischen menschlichen und digitalen Wesen und zwischen unterschiedlichen Denkstilen, und diskutiert die weitreichenden Konsequenzen, die diese für Wahrheit, Freiheit, Ethik und nicht zuletzt für unser Menschenverständnis haben. Snyder sieht in der digitalen Tyrannei der Gegenwart eine kapitale Herausforderung für die Demokratie. Sie ist ein Regime, das einerseits die Wahrheit systematisch negiert, und andererseits Menschen glauben lässt, sie agierten sebstständig, obwohl ihre Handlungen vielmehr von nicht greifbaren digitalen Wesen gesteuert werden. Um Demokratie und Freiheit zu bewahren, so Snyder, bedarf es eines kritischen Umgangs mit Digitalität, eines Pluralismus von Denkstilen sowie eines kompromisslosen Festhaltens an Wahrheit und Fakten.


Timothy Snyder ist Richard C. Levin Professor für Geschichte an der Yale University und Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen, Wien. Im Zentrum seiner Forschungsinteressen stehen der Zweite Weltkrieg und der Holocaust insbesondere in Osteuropa. Zu seinen bekanntesten Schriften zählen Bloodlands: Europe between Hitler and Stalin, New York 2010 (deutsch: Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin, München 2011); Black Earth: The Holocaust as history and warning (deutsch: Black Earth: Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann, München 2015; On tyranny: Twenty lessons for the twentieth century, New York 2017 (deutsch: Über Tyrannei: Zwanzig Lektionen für den Widerstand, München 2017); The road to unfreedom: Russia, Europe, America, New York 2018 (deutsch: Der Weg in die Unfreiheit: Russland, Europa, Amerika, München 2018).


 

Robert Skidelsky
Automatisierung der Arbeit: Segen oder Fluch?

“Die Politik sollte ständig das Ziel vor Augen haben, den „notwendigen“ Arbeitsaufwand zu reduzieren. Dies war das Hauptversprechen der Mechanisierung, nicht ein unbegrenztes Konsumwachstum. (…) Wir haben das Wachstum des Bruttoinlandprodukts zum Selbstzweck gemacht – ein Vergehen an den Göttern, aber auch an dem Planeten, dessen Treuhänder wir sind. Die Politik kann wenig tun, um uns besser zu machen; aber sie kann uns helfen, kluge Entscheidungen für uns selbst und für die kommenden Generationen zu treffen.” Robert Skidelsky

Die vier Essays dieses Buches repräsentieren die Entwicklung der Überlegungen des Wirtschaftshistorikers Robert Skidelsky zu den Auswirkungen arbeitssparender Technologien auf das menschliche Leben. Er geht ihren Auswirkungen auf die Arbeitswelt und auf das „gute Leben“ nach und umreißt die Utopien und Dystopien, die mit ihrem Einsatz verbunden sind. Ausgehend von der Prämisse, dass die Reduktion von Arbeitszeit zum materiellen und spirituellen Wohlergehen der Menschen beiträgt und daher erstrebenswert ist, analysiert er ferner die Gründe für das Nicht-Eintreten der von Keynes vorausgesagten 15-Stunden-Arbeitswoche in den Industrieländern und zeigt Möglichkeiten und Bedingungen für die Reduktion von Arbeitszeit heute auf. Skidelsky plädiert für einen ethischen Einsatz von Technologie und für eine Wirtschaft, die nicht das Wachstum, sondern das Wohlergehen der Bevölkerung als oberste Maxime hat. Anstatt Menschen einem sinnlosen Wettlauf mit den Maschinen auszuliefern, fordert er eine Würdigung der Unvollkommenheit als Voraussetzung jeglicher menschlichen Bemühung und eines Lebens, das menschlich und zugleich menschenwürdig ist.

Robert Skidelsky ist Wirtschaftshistoriker und öffentlicher Intellektueller. Er ist Autor einer dreibändigen, mehrfach prämierten Biographie von John Maynard Keynes.  Weitere Bücher: Keynes: The Return of the Master, NY 2010 (dt. Die Rückkehr des Meisters: Keynes für das 21. Jahrhundert, München 2010); How Much is Enough? The Love of Money and the Case for the Good Life, London 2012 (mit Edward Skidelsky); Money and Government: A Challenge to Mainstream Economics, London 2019. Demnächst erscheint sein Buch What’s wring with economics: A Primer for the Perplexed, New Haven 2020.

 

 

@Passagen Verlag

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