Martin Schürz:
COVID19 – zur realen Absenz des Analytikers

Ich arbeite als Psychotherapeut in einem Ambulatorium für traumatisierte Kinder. In Folge von COVID-19 erfolgt meine Arbeit derzeit leider recht abgeschieden von meinen Patienten.

In der Psychotherapie mit traumatisierten Kindern wird üblicherweise viel gemeinsam gespielt. Im Spiel symbolisieren Kinder eigene Erlebnisse, mentalisieren ihr Verhalten und entwickeln Fantasien. Dies ermöglicht das Thematisieren ihres inneren Erlebens und insbesondere auch ihrer Traumata.

Dafür ist ein einfaches Setting notwendig: ein Zimmer, ein Treffen zu einer bestimmten Uhrzeit und weitgehende Regelmäßigkeit der Sitzungen.  Das Entscheidende ist dann, ob der Aufbau einer belastbaren Beziehung zwischen Kind und Therapeuten gelingt.  Vertrauen wird im persönlichen Kontakt erworben. Es bedarf authentischer Erfahrungen.

Den meisten Kinderpsychotherapeuten war bis vor wenigen Wochen daher klar: Telefonieren erfüllt diese Bedingungen nicht. Eine Therapie am Telefon ist daher keine wirkliche Alternative. Allzu viel fehlt für eine gelingende therapeutische Beziehung: Weder Mimik noch Gestik geben dem Therapeuten Hinweise auf Affekte; Übertragung und Gegenübertragung funktionieren unter diesen Bedingungen anders und das Privatleben des Therapeuten (u.a. dessen Wohnsituation oder Zusammenleben mit Kindern) spielt plötzlich eine Rolle.

Nichts desto trotz bleibt es momentan die einzige Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu bleiben. Und so telefoniere ich mit Kindern, deren Tage durch Netflix-Streaming bestimmt sind, die Panikattacken bei ihren Hausübungen bekommen und bei denen der Nachmittag zum Morgen geworden ist. Sie befinden sich im emotionalen Rückzug, schlafen viel und tun wenig.  Diese Kinder haben keine Eltern, welche die LehrerInnen vorübergehend ersetzen könnten. Sie bekommen kein home schooling organisiert.  Da ist niemand, der auf die notwendigen Ausgänge an die frische Luft und auf Bewegung achtet. Es sind Jugendliche, die mit ihren Eltern bereits vor der Corona-Krise große Schwierigkeiten hatten und deren Familienprobleme sich durch die Pandemie noch verschärft haben.

In meinen Telefonaten muss ich folglich aufpassen, nicht zu sehr ins Pädagogische abzurutschen und die Psychodynamik zu vergessen. Denn so mancher Erziehungsversuch dient nur der Abwehr meiner eigenen Ohnmacht. Ich kann unsere Therapie nicht in gewohnter Weise fortführen und neige daher zu Small Talk. Eine spürbare Onkelhaftigkeit in den Telefonaten irritiert mich selbst manchmal. Fragen wie, “Wie hast du deinen Tag eingeteilt?“ oder„Wie ging es dir bei den Hausübungen?” markieren diese Gefahr, einander unauthentisch zu begegnen. Ich suche sie zu umschiffen und bei den Problemen meiner kleinen Patienten zu bleiben. Wenn ein Vorschulkind von sich selbst als „giftiger Person“ spricht, dann ist die Bedrohung einer Virenübertragung auch im Telefonat spürbar. Die toxische Person weiß, dass sie isoliert werden kann und hat keine Ahnung von einem Gegengift.

Die Künstlichkeit in unseren Gesprächen thematisiere ich auch gegenüber meinen Therapiekindern und schummle mich nicht mit Floskeln darum herum. Das Gespräch wird nicht mit einem “Bleib gesund!” beendet. Gesundbleiben wollen wir ja alle, doch das Leid ist ja bereits da und muss bearbeitet und nicht weggewünscht werden.

Was trotzdem hält, ist die Beziehung zwischen uns: ich bin weiterhin da, wenn auch in ungenügender Form. Und wir teilen das Moment des Eingesperrtseins, wenn auch unter höchst ungleichen Wohnbedingungen. Die meisten Kinder, die ich betreue, leben in Armutsverhältnissen, während ich eine sonnige Altbauwohnung habe. Getrennt sind wir in vielerlei Hinsicht, doch teilen wir die Hoffnung, dass wir einander bald wiedersehen werden.

Für mich ist bereits heute absehbar: COVID-19 ist nicht alles und vielleicht nicht einmal das Wichtigste; die Perspektive auf das Virus und seine Folgen einzuengen, ist bei meinen Therapiekindern verfehlt. Schon vor der Pandemie waren sie Opfer einer verachtenden Politik und verhärteter wirtschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse. Es geht um Angst, um vererbte Chancenlosigkeit und um ein Elend, das sich weiter verdichtet.

Wien, 15. April, 2020.

Martin Schürz ist Psychotherapeut und Ökonom an der Oesterreichischen Nationalbank, wo er die Monetary Unit leitet und an Vermögenserhebungen arbeitet. Seine Publikation “Überreichtum” wurde mit dem Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch 2019 ausgezeichnet. Von September bis November 2017 war er ein Albert Hirschman Visiting Fellow am IWM.

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