Pavel Barkouski: Ist das Ihr Ernst, Herr Professor?

Erstveröffentlichung auf Koinè, 9. September 2020.
Übersetzung aus dem Belarussischen: Martin Malek

Für kurze Zeit wurde Belarus zu einem Top-Medienereignis für die ganze Welt. Es ist weniger deprimierend als die Nachrichten über das Coronavirus und inspirierender für Anhänger der Demokratie, die wegen dem florierenden Rechtspopulismus viel Grund für Pessimismus hatten. Aber jetzt ist es [Belarus, Anm. d. Übers.] ein Thema für viele Aussagen und Diskussionen. Sogar der bekannte Sprecher linker Intellektueller, Slavoj Žižek, musste seine Sicht der Ereignisse in Belarus formulieren. Das fiel aber, gemessen an seinem Ruf, überraschenderweise schwach aus. Davon zeugen schlechte Kenntnisse des Gegenstandes der Diskussion und die Verwendung bestimmter konzeptioneller Stereotypen.

Erstens zu den „nachholenden Protesten“, die versuchen würden, Belarus mit den liberalen Werten des Westens zu verbinden: Eine solche Kritik wäre 2006 oder 2010 am Platz gewesen, als der oppositionelle Teil der Gesellschaft in Belarus wirklich versuchte, ein „Fenster nach Europa“ zu öffnen und eine entsprechende Rhetorik unterstützte. Jetzt ist die Agenda völlig anders. Die Menschen haben das Ein-Mann-Regime [von Präsident Alexander Lukaschenko, Anm. d. Übers.] satt, ein Regime der Lügen, der Angst und der Gewalt, das ist keine Opposition mehr, sie betrachten sich als Volk. Und sie suchen weder den Westen noch den Osten, was die neue nationale Führerin Svetlana Tichanowskaja auch öffentlich betont. Als Referenz: Belarus hatte immer die stärkste euroskeptische Stimmung in der Region. Die Unterstützung für die Idee einer Integration in die EU übersteigt normalerweise 25% der Bevölkerung nicht. Glauben Sie, dass die Arbeiter belarussischer Unternehmen und Fabriken zwecks Einführung des Großkapitalismus streiken und durch liberale Propaganda vergiftet werden, Herr Professor? Dass Studenten und Sportler, Kulturschaffende, Patrioten und Angestellte protestieren, um Teil der liberalen Welt zu werden? Ist das Ihr Ernst? Das ist eine zivile Revolution, der Wunsch, „Volk“ genannt zu werden, verfassungsmäßige Rechte zu erreichen – eine eigene Führung zu wählen, nicht Opfer von Gewalt und Folter zu werden und in der Lage zu sein, das eigene Land aufzubauen.

Zweitens schreibt Professor Žižek über die Wunder der belarussischen Wirtschaft, ihre Stabilität und die Abwesenheit von Korruption, die Lukaschenko zumindest in der Vergangenheit sehr populär gemacht hätten. – Ist das Ihr Ernst, Herr Zizek? Ist es Ihnen ernst mit der Möglichkeit, billiges russisches Erdöl für einen wirtschaftlichen Plan weiterzuverkaufen, und mit einem Eintausch der Souveränität [von Belarus, Anm. d. Übers.] gegen Geschäftsinteressen? Glauben Sie an den Erfolg einer Wirtschaft, die in den letzten zehn Jahren ihr BIP nur um 11% gesteigert hat, die die ganze Zeit erfolglos um ein Durchschnittsgehalt von 500 US-Dollar kämpft und möglicherweise bessere Entwicklungsraten aufweist als die Ukraine, die aber einen Teil ihres Territoriums und ihrer arbeitenden Bevölkerung verloren hat und einen nicht erklärten Krieg mit Russland führt? Vergebens betrachten Sie Weißrussland als ein solches Relikt des Sozialismus, das Ihre Nostalgie für die UdSSR als verlorenes Atlantis linker Intellektueller weckt. Es ist der Staatskapitalismus mit einem sehr starren Vertragssystem, mono-oligarchischem Kapital und den Überresten eines Sozialstaates mit teilweise kostenloser Medizin und Bildung. Keine Korruption? Die Wahrheit ist, dass das Land nur durch intensive Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen seine Korruptionsrate von Platz 119 in den Jahren 2012 bis 2014 auf den 66. Platz im Jahr 2019 senken konnte[1] – und das im 26. Jahr der Herrschaft Lukaschenkos.

Sie sagen, dass die Demokratie ihre Ideale verloren habe und selbst nicht wisse, wohin sie geht. Der Kapitalismus sei nicht mehr so vorhersehbar wie früher und trete in eine neue Phase ein. – Das ist richtig, ich verwende auch gerne den gleichen Begriff der Postpolitik wie Sie und bemühe mich, die Nachahmungsstrategien des Politischen und die globale Verzerrung dieser Sphäre zu erklären. Aber die Wahrheit ist, dass die belarussischen Behörden [Lukaschenkos, Anm. d. Übers.] versuchen, weiterhin in einer Simulation zu leben, die sich völlig von der Realität gelöst hat. Und sie versuchen mit Gewalt, die belarussischen Bürger davon zu überzeugen, dass ihre kranken autoritären Fantasien unsere kollektive Fantasie sind. Aber der Protest in Belarus ist nicht für die Rechte oder die Linke, sondern für eine neue Wahrheit. Nicht für die Post-Wahrheit, sondern ihren Antipoden. Für das Recht, die Matrix zu verlassen.[2] Es ist nicht notwendig, das Klischee eines „neuen Kiew“ zu bemühen; es geht um keinen „nachholenden Protest“ und auch nicht um ein anderes Stereotyp – wie eine Alternative zu “liberalen” und “echten” Protesten. Es ist eine Suche nach einem Weg in die Zukunft.

Die unangenehme Wahrheit ist, dass weder linke noch rechte Intellektuelle eine klare Strategie für die Zukunft haben und es für sie schwierig ist, dem Proletariat oder dem Prekariat etwas anzubieten. Linke Intellektuelle haben die Idee einer Diktatur des Proletariats aufgegeben und verstehen, dass es schwierig ist, eine Alternative zur Demokratie als Form sozialer Existenz zu finden. Man kann [der belgischen Politikwissenschaftlerin, Anm. d. Übers.] Chantal Mouffe nur zustimmen, wonach eine solche Demokratie nicht liberal sein muss, aber unbedingt eine Demokratie. Die Menschen [in Belarus, Anm. d. Übers.] wachen auf, um ihre Bürgerrechte wiederzugewinnen, sie bauen horizontale Beziehungen und neue Netzwerkmodelle der Solidarität auf. Es ist in seinem Wesen ein anarchistischer Protest.

Žižek schreibt, dass die Belarussen die Bedrohung durch das Coronavirus oberflächlich beurteilen und es deshalb richtig machen. Die beste sozialistische Medizin ermögliche eine gute Reaktion auf solche Bedrohungen, ohne dass ein Lockdown erforderlich wäre. – Ist das Ihr Ernst? Die Wahrheit ist, dass das rudimentäre postsowjetische Gesundheitssystem zwar ausreichend Personal und Krankenhäuser bereitstellte, doch brach dessen Versorgung völlig zusammen – mit Mullbinden anstelle von Atemschutzmasken und ein paar Beatmungsgeräten zur Wiederbelebung. Die niedrige Sterblichkeitsrate durch das Coronavirus in Belarus ist kein Wunder, sondern ein Befehl des Wahrheitsministeriums[3], das weniger Tests vorschreibt und andere Todesursachen verordnet. Das geht aus den tatsächlichen Sterblichkeitszahlen nach offiziellen UN-Statistiken hervor. Wollen Sie wirklich eine Medizin, die ohne die massive solidarische Unterstützung der Bürger nicht zurechtkommt, welche selbst Verpflichtungen auf sich nehmen – also die Krankenhäuser mit Schutzausrüstung versorgen und sich selbst isolieren – müssen? Sind Sie wirklich für eine Medizin, die ein schönes Bild erzeugt, indem sie einfach Daten fälscht? Sehen Sie die Antivirus-Masken der [oppositionellen, Anm. d. Übers.] Demonstranten nicht und glauben Sie, dass diese das Coronavirus vergessen haben? Glauben Sie ernsthaft, dass wir zu Hause bleiben und uns über eine Pandemie Sorgen machen müssen, wenn in Gefängnissen vergewaltigt und gefoltert wird, wenn Menschen verschwinden und von Unbekannten in Masken [die für Lukaschenko arbeiten, Anm. d. Übers.] festgehalten werden? Es geht darum, die Welt nicht in bequemen Denkmustern zu sehen. Belarus ist nicht die Ukraine, nicht Libyen, nicht Ägypten und auch nicht Georgien.[4] Und die globale Weltöffentlichkeit hat wirklich Zeit darüber nachzudenken, wohin es als nächstes geht.

[1] Gemeint ist der Corruption Perception Index der NGO Transparency International, Anm. d. Übers.

[2] Das ist eine Anspielung auf die Science-Fiction-Filmreihe „Matrix“ (1999-2003).

[3] Anspielung auf den Roman „1984“ von George Orwell, die auf die Propaganda des Lukaschenko-Regimes zielt.

[4] Aufzählung von Ländern, in denen in den letzten zwei Jahrzehnten politische Umstürze stattgefunden haben.

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