Transit 43: Editorial

Transit 43

Gegenwärtig erlebt die Europäische Union die Erosion der Fundamente, auf denen sie errichtet wurde: Die gemeinsame Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ist verblasst, mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat die geopolitische Dimension an Bedeutung verloren, der Wohlfahrtsstaat steht unter Beschuss, und der Wohlstand, Kernstück der politischen Legitimität des europäischen Projekts, schwindet. „Wenn heute allenthalben das Risiko eines Zerfalls der Europäischen Union beschworen wird,“ schreibt Ivan Krastev in seinem einleitenden Beitrag, „ist das nicht nur Rhetorik, nicht nur ein Schreckgespenst, das alarmierte Politiker hervorholen, um den unglücklichen Wählern Sparmaßnahmen aufzuzwingen. Der Zerfall der Union ist eine reale, gegenwärtige Gefahr. Die Schicksale der Habsburgermonarchie, der Sowjetunion und Jugoslawiens führen vor Augen, dass die enormen wirtschaftlichen Kosten ihres Auseinanderbrechens kein Hinderungsgrund für ihren Untergang waren. Schlicht anzunehmen, dass die Union gar nicht zerfallen könne, weil das die Beteiligten teuer zu stehen käme, ist folglich nur ein schwaches Argument für ihre Stabilität.“

Ein wenig Hoffnung geben die Beiträge von Jacques Rupnik und Janos Matyas Kovacs.  Rupnik zeigt, dass die Länder Mitteleuropas der Krise – entgegen weitverbreiteten Annahmen – besser widerstanden haben als der Rest der Europäischen Union. Und Kovacs führt uns durch die osteuropäischen neuen Kapitalismen, die vielleicht keine blühenden Landschaften darstellen, deren Vielfalt jedoch eine gewisse Resistenz gegen die Malaisen der westlichen Varianten bietet.

In Fortsetzung der Diskussion über Russland im letzten Heft attestiert Boris Mezhuev dem Land eine schwere Neurose, welche die längst fällige ökonomische und politische Transformation blockiert.

Die Artikel des zweiten Teils sind aus einem Projekt im Rahmen des von dem Historiker Timothy Snyder am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) geleiteten Forschungsschwerpunkts Vereintes Europa – geteilte Geschichte hervorgegangen, das die Rolle des Balkans, seiner Kultur(en) und seiner politisch-gesellschaftlichen Strukturen im Kontext der Entwicklung Gesamteuropas im 19. und frühen 20. Jahrhunderts untersucht.

Wie Diana Mishkova schreibt, ist es gerade die eigentümliche, manchmal paradoxe Kombination normativ unvereinbarer Positionen und ideologischer Hybride, die die Originalität und Kreativität des Balkans im Prozess des Transfers der Moderne, im Guten wie im Schlechten, sichtbar werden lässt und auf diese Weise etwas über das Wesen der Moderne selbst lehrt. Das Bild des Balkans als rückständige Peripherie des „Westens“ ist längst obsolet. Zwei Beispiele – die Konstruktion des Balkan als „Heimat“ und die Schaffung gesetzlicher Instrumente zum Ausschluss von Juden aus der serbischen bzw. rumänischen Gesellschaft – zeigen, wie früh und intensiv die Entwicklungen in der Region mit jenen in Westeuropa korrespondierte.

Wir freuen uns, unseren Lesern eine Auswahl von Gedichten der 1921 geborenen, in Warschau lebenden Lyrikerin, Übersetzerin und Essayistin Julia Hartwig vorzulegen. Die Gedichte sind der von Bernhard Hartmann herausgegebenen und übersetzen Sammlung Und alles wird erinnert. Gedichte 2001-2011 entnommen, die im Herbst diesen Jahres im Verlag Neue Kritik erscheint.

Die ArbeitCity Views“ des in Wien und Belfast lebenden Künstlers Martin Krenn führt durch verschiedene europäische Städte. Die zusammen mit StadtbewohnerInnen mit Migrations-Hintergrund gemachten Photographien und begleitenden Kommentare thematisieren alltägliche soziale und kulturelle Probleme, mit denen die Protagonisten konfrontiert sind.

Die beiden Beiträge des Religionssoziologen David Martin und des Ethnologen Webb Keane sind aus dem von Charles Taylor geleiteten IWM-Forschungsprojekt Religion und Säkularismus hervorgegangen und untersuchen die undurchschauten normativen Voraussetzungen der Säkularisierung.

In den Augen von Martin ist es ein Paradox, dass sich die Kreuzritter des „Neuen Atheismus“ „als Vertreter einer unzweideutigen Wahrheit präsentieren, wie sie den gesicherten Erkenntnissen der Naturwissenschaft eigen ist, unter Ausschluss anderer Arten der Wahrheit. Auch sie ergötzen sich an der Erhebung ausschließlicher Wahrheitsansprüche und an einem Selbstbild als Krieger, Helden und Märtyrer um der Sache der Wahrheit willen.“ Ihrem Kampf gegen die Religion als Quelle der Gewalt liegt eine säkularen Meistererzählung zugrunde, „die der Idee des Fortschritts verpflichtet ist und Umstände und Entwicklungen übergeht, die ihr widersprechen.“ Niemand bestreitet die emanzipatorische Leistung der Aufklärung, aber gern sehen wir ihr, so Martin, ihren Beitrag zur Gewalt nach – „ihre Beihilfe zu Rassismus, Autokratie und Expansionismus ebenso wie ihre Forderung nach Unterwerfung unter ihre Normen“.

Kean spricht von einem „moralischen Narrativ der Moderne“: Es erzählt die Geschichte als Befreiung von falschem Glauben und Fetischismus. Der Säkularismus ist ein Aspekt dieses Narrativs. Aus der ethnologischen Perspektive lässt sich allerdings zeigen, dass er von der Furcht vor seinem Anderen und vor seiner Unvollendbarkeit heimgesucht wird: „Secularism’s triumphalism is undercut with anxiety.“ Zu den Paradoxen des Säkularismus gehört, dass sich die Forderung nach Emanzipation von den Götzenbildern nicht mit einer anderen Forderung derselben aufklärerischen Tradition vereinbaren lässt, nämlich dass der Andere in seiner Andersheit Anspruch auf unsere Anerkennung hat. „It is this paradox that helps make the debates of Islam in Europe so fraught: they are not merely between left and right, but produce divisions and contradictions within the traditional political positions.“

Der abschließende Beitrag von Sławomir Sierakowski setzt sich mit einem bisher unpublizierten, als Science Fiction-Roman verkleideten moralischen Traktat von Czeslaw Milosz auseinander.

Wien, im Januar 2013


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Transit – Europäische Revue, Nr. 43/2013