Transit 40: Editorial

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Transit – Europäische Revue, Nr. 40/2010

Editorial

Der Zusammenbruch des Sowjetimperiums ließ das herrschende Narrativ
des 20. Jahrhunderts, insbesondere das Bild des Zweiten Weltkriegs und der
Nachkriegszeit, über Nacht überholt erscheinen. 1991 traf sich in
Wien am Institut für die Wissenschaften vom Menschen eine Gruppe von Historikern
aus dem Westen und aus Osteuropa, um über eine europäische Geschichtsschreibung
nach dem Ende der Teilung Europas nachzudenken. Daraus erwuchs das Forschungsprojekt Rethinking
Post-War Europe
, das von 1993 – 1998 unter der Leitung des Historikers
Tony Judt am IWM verfolgt wurde. Es markiert einen Paradigmenwechsel in der
Historiographie des 20. Jahrhunderts.

Wie Judt damals schrieb, geht es seit 1989 darum, “nicht nur die Folgen
der Teilung Europas und der Spaltung der Vergangenheit in eine Vor- und eine
Nachkriegsgeschichte zu überwinden, sondern auch eine viel gefährlichere
Kluft: die wechselseitige Ignoranz der nationalen Geschichtsschreibungen. Denn
sie verhindert die Herausbildung eines für die Zukunft notwendigen neuen
Geschichtsverständnisses und -bewusstseins, das sich unserer gemeinsamen europäischen
Vergangenheit stellt. Wie diese neue Geschichte aussehen wird, wissen wir noch
nicht.”[1] Mit seinem 2005 erschienen
Buch Postwar: A History of Europe since 1945, schon heute ein Klassiker, hat
diese Geschichte Gestalt angenommen, und eine neue Generation von Historikern
arbeitet weiter an ihr.[2]

Tony Judt starb am 6. August 2010. Dieses Heft ist seinem Gedächtnis
gewidmet. Timothy Snyders Essay würdigt Leben und Werk des britischen
Historikers und dient zugleich als Einleitung zu einem Text, den die beiden
gemeinsam verfasst haben. Es handelt sich um das sechste, der Begegnung mit
Osteuropa gewidmete Kapitel aus Judts Erinnerungen an die Stationen seines
Lebens, denen sich jeweils ein Gespräch anschließt, das persönliche
Erfahrungen mit der Tiefenstruktur des 20. Jahrhunderts verknüpft. Dieses
Werk, halb Autobiographie, halb zeitgeschichtliche Reflexion, konnte im Sommer
2010 abgeschlossen werden und wird im nächsten Jahr unter dem Titel Thinking
the Twentieth Century
erscheinen.

Tony Judt war nicht nur ein gelehrter Historiker, sondern auch ein eminent
politischer Kopf. In seinen letzten Jahren plädierte er leidenschaftlich
für die Erneuerung der Sozialdemokratie. In seinem viel beachteten New
Yorker Vortrag vom Oktober 2009 sagte er, dass die Aufgabe “radikaler
Dissidenten heute” darin bestehe, an die sozialen Errungenschaften des
20. Jahrhunderts zu erinnern. In unserem “neuen Zeitalter der Ungewissheit” habe
die politische Linke etwas zu bewahren. “Die Anstrengungen eines ganzen
Jahrhunderts aufzugeben, ist Verrat nicht nur an denen, die vor uns da waren,
sondern auch an künftigen Generationen.”[3]

Um unser ” Zeitalter der Ungewissheit” und die Tragfähigkeit
der sozialen Solidarität geht es auch im Schwerpunkt des vorliegenden
Heftes.[4] Wie können wir auf die gegenwärtige
Krise des Kapitalismus antworten? Das Versagen der Märkte und die wachsende
Ungleichheit stellen eine Herausforderung für Demokratie und Sozialstaat
dar, die sich vielleicht am deutlichsten im gegenwärtigen Aufstieg des
Populismus auf beiden Seiten des Atlantiks zeigt.

Der einleitende Essay von Cornelia Klinger legt die Voraussetzungen des modernen,
in sich spannungsvollen Begriffs der Gerechtigkeit frei, der sich aus den drei
Parolen der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit
ableiten lässt. Claus Offe untersucht das Konzept der “shared social
responsibility” als Leitprinzip für eine europäische soziale
Ordnung. Ulrich K. Preuß diagnostiziert die gegenwärtige Situation
als Krise eher des durch die Globalisierung geschwächten Staates denn
als eine des Kapitalismus, dessen Zähmung dem Staat nicht mehr gelingen
will.[5] Während Jacques Rupnik die
Schwierigkeiten der postkommunistischen Länder untersucht, das mittlerweile
selbst in Turbulenzen gekommene westliche Modell zu adaptieren, versuchen Robert
Kuttner und Katherine Newman zu erklären, warum die demokratische Linke
in den USA (und anderswo) von der gegenwärtigen Krise in die Defensive
getrieben wurde, statt von ihr zu profitieren. Frydman und Goldberg machen
die herrschende Markttheorie für den Kollaps des Finanzmarkts verantwortlich:
Ihre Anhänger haben, so die Autoren, in ihrem Glauben an die Rationalität
der Märkte die Fehler der Planwirtschafts-Ideologen wiederholt, mit ähnlich
fatalen Folgen. Eine derartige »Anmaßung von Wissen« hätte
auch Friedrich von Hayek verdammt . Jan-Werner Müller zeigt in seiner
abschließenden Würdigung, warum dieser Denker des Liberalismus keineswegs überholt
ist.

Der diesjährige Nobelpreis ging an den peruanischen Romancier und öffentlichen
Intellektuellen Mario Vargas Llosa. Wir nehmen dies zum Anlass, seine Jan Patocka-Gedächtnisvorlesung
wiederabzudrucken, die er 1993 in Wien gehalten hat. Llosas radikale Kritik
des Nationalismus hat vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Entwicklungen
nichts an Aktualität eingebüßt.

Den photographischen Essay dieses Heftes hat der deutsche Künstler Tobias
Zielony gestaltet. Er gehört zu einer neuen Generation von Photographen,
die eine Erneuerung der klassisch dokumentarischen Photographie anstreben.
Zielony porträtiert Jugendliche in den Vorstädten von Marseille,
in Halle-Neustadt, Bristol oder Neapel. Mit seinen Bildern von Ausgegrenzten
hat er eine Metapher für jene Orte gefunden, an denen der Sozialstaat
nicht mehr greift. Dabei steht weniger die Dokumentation der realen Verhältnisse
im Zentrum, als vielmehr die Selbstinszenierung der Protagonisten, die eine
dichte Atmosphäre entstehen lässt. Den Hintergrund der Serie in diesem
Heft bildet Trona, eine Kleinstadt am Rande des Death Valley, die einst ein
urbanes Vorzeigeprojekt war. Seit der Schließung einer großen Chemiefabrik
ist sie durch Arbeitslosigkeit gezeichnet und zu einem ein Ort der Tristesse
geworden, der sich selbst überlassen ist.

Wien, im Oktober 2010


1. Tony Judt, “Europas Nachkriegsgeschichte
neu denken”, in: Transit 15 (1998) Vom Neuschreiben der
Geschichte. Erinnerungspolitik nach 1945 und 1989
, S. 3-11.

2. Zu ihnen zählt
Timothy Snyder, der am IWM den Forschungsschwerpunkt Vereintes Europa – Geteilte
Geschichte
leitet. Vgl. das 2009 unter demselben Titel erschienene Heft
38 von Transit und sein Buch Bloodlands: Europe Between Hitler
and Stalin
, New York 2010 .

3. “Was ist lebendig und was tot an
der sozialen Demokratie?”, in: Berliner Republik, 2 (2010), www.b-republik.de.
Der ausgearbeitete Vortrag erschien 2010 unter dem Titel Ill Fares the
Land. A Treatise on Our Present Discontents
bei Penguin.

4. Ein Teil der Beiträge geht zurück
auf die Konferenz On Solidarity V: Social Solidarity and the
Crisis of Economic Capitalism
, die das IWM am 16. und 17. Oktober 2009
im Rahmen seines Forschungsschwerpunkts Ursachen von Ungleichheit / Soziale
Solidarität
organisiert hat.

5. Zum ersten Mal publiziert Transit hier
Beiträge in englischer Sprache. Sie werden auch in Zukunft die Ausnahme
bleiben.