Transit 39: Editorial

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Transit – Europäische Revue, Nr. 39/2010

Editorial

Es ist noch nicht so lange her, dass die Säkularisierung als unvermeidliche
Begleiterscheinung der Modernisierung galt. Säkularisierung wurde als
Fortschritt wahrgenommen, der die Religion nach und nach durch rationale Vernunft
ersetzt, und Europa verstand sich als Avantgarde dieses Prozesses. Inzwischen
sieht es eher so aus, als hätte der Alte Kontinent einen Sonderweg eingeschlagen,
während ringsherum die Religion unter den Bedingungen der Modernisierung
keineswegs abstirbt, sondern gedeiht, in hochindustrialisierten Gesellschaften
ebenso wie im postkommunistischen Raum oder in den Entwicklungs- und Schwellenländern.
Mehr noch: Heute sehen sich die Europäer auch daheim einer wachsenden
Zahl von Menschen gegenüber, die aus Gesellschaften zugewandert sind,
in denen der Religion eine hohe Bedeutung zukommt.

Diese Entwicklung hat sich unter den Bedingungen der Globalisierung beschleunigt
und wird begleitet von einem Wandel in der Wahrnehmung der Säkularisierung:
Bilden, so fragen kritische Stimmen, ihre Prinzipien nicht ihrerseits eine
Ideologie, der undurchschaute Prämissen zugrunde liegen? Ist der Säkularismus
nicht selbst zu einem quasi-religiösen Dogma geworden? Und umgekehrt:
Hat das Christentum nicht unsere säkulare Moderne zutiefst geprägt,
und ist die Säkularisierung nicht dem Christentum selbst entsprungen?
Tragen die eingesessenen Religionen nicht längst schon zum Zusammenhalt
unserer Gesellschaften bei? Und sollten die zugewanderten Religionen nicht
auch deshalb willkommen geheißen werden, weil sie helfen können,
die neue Vielfalt zu bewältigen? Würden wir also unser Gemeinwesen
nicht irreparabel beschädigen, wenn wir ihm die Religion vollends austrieben?

Es scheint an der Zeit, den Säkularismus neu zu denken – sowohl,
um der wachsenden Komplexität unserer Gesellschaften gerecht zu werden,
als auch, um unser Selbstverständnis als Europäer zu überprüfen.
Die hier vorgestellten Autoren wollen dazu einen Beitrag leisten, indem sie
Säkularisierung aus verschiedenen Perspektiven hinterfragen.

Zweifellos ist Säkularisierung als politisches Prinzip eine Errungenschaft,
das Produkt bitterer Erfahrungen. Geschichte und Gegenwart zeigen, dass Religion
die Gesellschaft spalten kann, oft mit verheerenden Folgen. Die Argumentationen
in diesem Heft können gelesen werden als ein Plädoyer für einen
reflektierten, offenen und konstruktiven Säkularismus, der aus den Erfahrungen
sowohl der eigenen Geschichte als auch der anderer Gesellschaften lernt, einen
Säkularismus, der auf der Trennung von Staat und Religion beharrt, nicht
aber die Ausgrenzung der Religion betreibt. Begleitet werden diese Überlegungen
von Versuchen zu einer kritischen Rekonstruktion des Begriffsfelds “Säkularisierung
/ Säkularismus” und zur Freilegung seiner historischen Wurzeln. Untersucht
werden auch die Antworten der Religionen auf die Säkularisierung sowie
Säkularismusmodelle anderer politischer Kulturen, die ein neues Licht
auf die westlichen Traditionen der Trennung von Religion und Staat werfen.
Weitere Überlegungen zum Thema finden sich fortlaufend in der elektronischen
Schwesterzeitschrift Tr@nsit_online auf der Website des IWM.[1]

Der Wandel in der Entwicklung und im Verständnis der Säkularisierung
hat sich in den letzten Jahren in kontroverse Debatten um eine Neubestimmung
des Orts der Religion in der modernen Gesellschaft niedergeschlagen. Ausschnitte
davon finden sich in einer Reihe von Aufsätzen, die in dieser Zeitschrift
seit 1994 erschienen sind und auch in Buchform veröffentlicht wurden.[2]

Die Beiträge in der vorliegenden Ausgabe von Transit sind aus
dem 2008 am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) eingerichteten
transdisziplinären Forschungsschwerpunkt Religion und Säkularismus hervorgegangen,
der von dem kanadischen Philosophen Charles Taylor geleitet wird.[3] Er
hat seine Thesen jüngst in dem vielbeachteten Werk Ein säkulares
Zeitalter
zur Diskussion gestellt.[4] In
seinem das Heft einleitenden Essay nimmt Taylor diese Thesen auf und entwickelt
sie weiter.

Der photographische Essay zu dieser Ausgabe kommt von einer jungen Photographin
aus Georgien, deren Beobachtungen des Alltags zwischen Tradition und brachialer
Modernisierung eine irritierende Poesie zutage treten lassen.

Wien, im Mai 2010


1.www.iwm.at/transit_online.htm.
Aktuelle Beiträge zum Thema finden sich auch in Eurozine, Themenschwerpunkt Post-secular
Europe
(www.eurozine.com/comp/focalpoints/postseceurope.html).

2. Die in den letzten Jahren in Transit erschienen
Aufsätze zu Religion und Politik erschienen in: Krzysztof Michalski (Hg.), Conditions
of European Solidarity
, Bd. 2: Religion in the New Europe, Budapest/New
York (Central European University Press) 2006, und ders. (Hg.), Wie christlich
ist Europa?
, Wien (Passagen Verlag) 2007. Die Beiträge zu Transit 8, Das
Europa der Religionen
(1994), wurden unter demselben Titel und ergänzt
um weitere Texte von Otto Kallscheuer bei S. Fischer, Frankfurt a.M. 1996,
herausgegeben.

3. Mehr zu diesem Forschungsschwerpunkt
unter http://www.iwm.at/secularism.

4. Charles Taylor,
Ein säkulares
Zeitalter
, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 2009; A Secular Age, Harvard
UP 2007.