Transit 38: Editorial

Im Jahr der EU-Osterweiterung schrieb der amerikanische Historiker Timothy Snyder in dieser Zeitschrift: “Die Europäer müssen ihre Geschichte neu schreiben. Wenn diese neue Version Gültigkeit für den Osten wie den Westen besitzen soll, muss sie zwei Dingen Rechnung tragen: der Tatsache, dass das Zentrum des Leidens im Zweiten Weltkrieg im Osten lag und dass die Osteuropäer vier Jahrzehnte kommunistischer Unterjochung ertragen mussten, während deren die Westeuropäer sich der Früchte der europäischen Integration erfreuen durften. Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, das ganze Gewicht von Nazi- und Sowjetterror anzuerkennen.”[1] Dass wir nach wie vor noch weit davon entfernt sind, zeigen Snyders Essay, der das vorliegende Heft eröffnet, sowie die anschließenden Beiträge. Bis heute identifizieren wir das Grauen jener Zeiten mit Auschwitz und dem Gulag und übersehen daher, dass es Osteuropa war, das in dem Zeitraum zwischen 1933 und 1944 den Schauplatz für die nationalsozialistische und sowjetische Politik des Terrors lieferte, dem an die zwölf Millionen Menschen zum Opfer fielen. Osteuropa bildete, so Snyder, “das geographische, moralische und politische Zentrum des Massenmordens”.

Snyders Neukartographierung der von den Regimen Hitlers und Stalins begangenen Massenverbrechen resümiert den Ansatz seines Forschungsprojekts Vereintes Europa – geteilte Geschichte, das er in Wien am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) verfolgt, dessen Mitglied er seit 2008 ist. Aus diesem Projekt sind auch die übrigen Beiträge des vorliegenden Heftschwerpunkts gleichen Titels hervorgegangen.[2]

Der Text von Steve Sem-Sandberg ist ein Auszug aus seinem neuen Roman Die Armen von Lodz, einer literarischen Verarbeitung der Geschichte des “Gettos Litzmannstadt” (1940-1944). Ulrich Schlie stellt in seinem Beitrag den Briefwechsel zwischen Marion Gräfin Dönhoff und Carl Jacob Burckhardt aus den Jahren 1937 bis 1946 vor. Diese frühen Briefe sind, schreibt Schlie, “das Zeugnis einer untergegangenen Epoche und doch zugleich ein unverzichtbarer Beitrag zum Verständnis des politischen Wirkens, das das Zusammenwachsen Europas ermöglicht hat”.

2009 markiert ein doppeltes Jubiläum: Vor zwanzig Jahren brach der Ostblock zusammen, und vor fünf Jahren erfolgte der erste, große Schritt der Osterweiterung der Europäischen Union. Claus Offe konstatiert einen blinden Fleck in den bisherigen Analysen der postkommunistischen Transformation. Sie konzentrierten sich auf den Übergang zu Rechtsstaat, Demokratie und Marktwirtschaft, doch der Um-/Neubau des Wohlfahrtsstaats finde kaum Interesse. Dies korrespondiere mit der überraschenden Tatsache, dass die ‘soziale Frage’ in der Politik und Öffentlichkeit der neuen Demokratien eher unten auf der Agenda rangiert. Erstaunlich sei dies um so mehr, als die wirtschaftliche Transformation für weite Teile der Bevölkerung über Nacht neuartige und oft harte Belastungen mit sich gebracht hat. Offes vergleichende Bilanz kommt zu dem Schluss, dass die mittel- und osteuropäischen Wohlfahrtsstaaten noch einen weiten Weg zurücklegen müssen, bevor sie das Niveau ihrer Nachbarn in Westeuropa erreichen. Überdies sei dies eine Voraussetzung für die Konsolidierung der Demokratie in diesen Ländern und für deren Integration in das institutionelle Gefüge der EU.

Seit einigen Jahren veröffentlicht Transit ergänzende Beiträge in verschiedenen Sprachen sowie Themenschwerpunkte auch online. Im Juni 2009 fand am IWM eine Konferenz statt zum Thema Die schöne neue Welt nach dem Kommunismus. 1989: Erwartungen im Vergleich. Die Ergebnisse werden in Kürze in Tr@nsit_online auf www.iwm.at publiziert.

“Die tiefgefrorenen Konfrontationen des Kalten Krieges liegen nun hinter uns. Die Geschichte ist wieder in Bewegung. Jetzt wird liberales Handeln und Nachdenken durch eine Frage beherrscht: Wie können wir zugleich die Verfassung der Freiheit und die sozialen Bindungen der Zugehörigkeit sichern?” Diese Frage stellte Ralf Dahrendorf 1993 in einem Essay, den wir hier als Hommage an den im Juni diesen Jahres verstorbenen Ratgeber, Freund und Förderer des IWM wieder abdrucken. Seine Antworten haben nichts von ihrer Aktualität verloren.

Das erste Heft von Transit – Europäische Revue erschien kurz nach der Wende. Damals lebte der britisch-polnische Photograph Chris Niedenthal in Wien und gestaltete über die ersten Jahre die photographischen Essays der Zeitschrift. International bekannt ist er als Pressephotograph, insbesondere für seine Dokumentation des Lebens hinter dem Eisernen Vorhang und der Wende von 1989. Anlässlich des zwanzigsten Jahrestages hat er für dieses Heft eine Auswahl zusammen gestellt, in der sich die dramatischen Ereignisse von damals spiegeln.

Der abschließende Beitrag zur vorliegenden Nummer stellt eine kleine Sensation dar: Der Mitbegründer und Herausgeber des New York Review of Books hat selbst zur Feder gegriffen. Sein Essay gibt einen Einblick in die Geschichte des Review und setzt sich mit den Herausforderungen auseinander, denen sich ein Zeitschriftenmacher gegenüber sieht, wenn er seine redaktionelle Unabhängigkeit unter dem Druck äußerer – politischer, ökonomischer und neuerdings technischer – Zwänge wahren will. Interessant, besonders im Rückblick auf die diesjährige Buchmesse in Frankfurt, ist auch Silvers Kritik der journalistischen Kleinmütigkeit gegenüber China.

Wien, im November 2009


Anmerkungen

1. In: Transit 28 (2004/2005), S.168-71. Dieser Beitrag initiierte eine breite, internationale Diskussion, die unter dem Titel European Histories bis heute auf der Website des Netzmagazins Eurozine läuft ( http://www.eurozine.com/comp/focalpoints/eurohistories.html).

2. Im Rahmen dieses Projekts fanden 2008 und 2009 vier Konferenzen statt, deren Ergebnisse hier und in der Zeitschrift EEPS East European Politics and Societies sowie in dem von Timothy Snyder und Ray Brandon herausgegebene Band Stalinism and Europe: Terror, War, Domination, 1937-1947 erscheinen. Mehr Information zu dem Projekt auf der Website des IWM www.iwm.at. Wir danken der Allianz Kulturstiftung für die Förderung der ersten beiden Konferenzen.


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Transit – Europäische Revue, Nr. 38/2009