Transit 35: Editorial

Transit 35

»Die Zukunft der europäischen Solidarität hängt von der Neubewertung und -erzählung der jüngeren Vergangenheit Europas ab«, schrieb Timothy Snyder vor einiger Zeit in dieser Zeitschrift.[1] Die Artikel im vorliegenden Heft wollen zu dieser Neubewertung und -erzählung beitragen.

Den ersten Teil leitet Heidemarie Uhl mit einer kritischen Reflexion über die europäische Erinnerungskultur ein. Burkhard Olschowsky kartographiert die Brüche in der Erinnerungslandschaft des alten Kontinents. Die Erweiterung der Europäischen Union hat die Brisanz der geteilten europäischen Erinnerung sichtbar gemacht. Auf diese Herausforderung versucht das »Europäische Netzwerk Erinnerung und Solidarität« zu antworten. Es soll die traumatischen Erfahrungen auf beiden Seiten aufnehmen und die damit befassten Initiativen und Institutionen miteinander verbinden, um so eine übergreifende »dialogische Erinnerungskultur« zu fördern.

Der von der der Regierung Kaczynski praktizierte Umgang mit der Geschichte hat die Welt in Staunen versetzt. Aleksander Smolar zieht eine kritische Bilanz der Erinnerungspolitik in Polen seit 1989 und entwickelt Perspektiven für die Zukunft, auch im Hinblick auf ein europäisches Geschichtsbewusstsein. Er ermutigt die neuen Mitgliedsstaaten, die eigenen Erfahrungen, den eigenen Blick einzubringen in das Geschichtsbild des neuen Europa und so die historisch bedingte Fremdheit zwischen alten und neuen Mitgliedern überwinden zu helfen.

Dirk Rupnow diagnostiziert einen tiefgreifenden Wandel in der Erinnerung an den Holocaust. Diesem kommt heute eine zentrale Bedeutung für die Konstitution der europäischen Identität zu. »Zusammen mit dem Zweiten Weltkrieg ist ›Auschwitz‹ zum negativen Gründungsereignis Europas avanciert.« Der Holocaust hat mittlerweile den Status einer negativen politischen und kulturellen Norm erlangt. Seit 1989 gilt diese Norm auch in Osteuropa, wo die stalinistischen Verbrechen und die kommunistische Herrschaft mit dem Holocaust konkurrieren und ihre Opfer um politische Anerkennung kämpfen. Zugleich ist die Erinnerung an den Holocaust bei uns in einer Weise rationalisiert und ritualisiert worden, die seinem Vergessen gleichkommt. Ein Korrektiv dagegen sind die zahlreichen Zeugnisse aus dem – in der westlichen Erinnerung nach wie vor unterbelichteten – Vernichtungskrieg im Osten. Solche Quellen, die noch etwas von der Schockhaftigkeit der damaligen Erfahrung vermitteln, versammelt das hier von Timothy Snyder vorgestellte Unbekannte Schwarzbuch, aus dem wir ein Zeugnis abdrucken.

Den ersten Teil schließt ein Essay von Alexander J. Motyl ab, in dem er der irritierenden Frage nachgeht, wie es, nach Terror und Gulag, möglich ist, mitten in New York eine KGB-Bar zu führen, die zu einem beliebten literarischen Treffpunkt geworden ist. Auch in Motyls Erklärungsmodell kommt dem Holocaust die Rolle einer universalen Norm zu – eine Argumentation, die Timothy Snyder in seinem Kommentar in Frage stellt.

Das Schlüsseljahr 1968 ist, wenn man so will, ein wahrhaft gesamteuropäischer lieu de mémoire, insofern es Ereignisse umschließt, die die Ost-West-Teilung unterlaufen. Zugleich illustriert »’68« die damaligen Fehlwahrnehmungen und Missverständnisse zwischen West und Ost, und in den Erinnerungen von heute stellt das Jahr sich, gleich wo, als zutiefst widersprüchlich dar.

Jacques Rupnik zitiert Milan Kundera, der 1978 im Rückblick schrieb: »Der Pariser Mai war ein Ausbruch des revolutionären Lyrismus. Der Prager Frühling war der Ausbruch des post-revolutionären Skeptizismus. Daher blickte der Pariser Student voller Misstrauen (oder eher gleichgültig) nach Prag, während der Prager für die Pariser Illusionen, die er (zu Recht oder zu Unrecht) für diskreditiert, komisch und gefährlich hielt, nur ein müdes Lächeln übrig hatte (…).« Das im selben Jahr geführte Interview mit Rudi Dutschke bestätigt diese Diagnose aus der Perspektive eines westlichen 68er.

Und heute? In den obsessiven Debatten des Gedenkjahrs 2008 wurde in Frankreich, aber auch in Deutschland, ein neuer, zweideutiger Gründungsmythos für die postmodernen westlichen Gesellschaften sichtbar: Für die einen ist ’68 die Quelle aller Gebrechen und Laster unserer Zeit, für die anderen das Geburtsjahr einer neuen, emanzipierten politischen Kultur – wobei das 68er-Pantheon genügend Helden und Schurken für beide Überzeugungen anbietet, manchmal in Gestalt ein und derselben Person.

Auch der Prager Frühling und sein Scheitern hat ein doppeldeutiges Erbe: den ›klinischen Tod des Marxismus in Europa‹ (Leszek Kolakowski) und die um 20 Jahre verspätete Perestroika Gorbatschows, aber auch die auf den Westen ausstrahlende Renaissance der Zivilgesellschaft in Ostmitteleuropa.

In Polen reiht sich das 2008 offiziell begangene Gedenken an die Proteste gegen das kommunistische Regime im März 1968 ein in die Anstrengungen zu einer Neuformierung der nationalen Identität. Warum die Erinnerung an die März-Ereignisse zugleich eben diese Identität untergräbt und gekennzeichnet ist von einer Mischung aus Irritation, Gewissensbissen und Widerwillen, versucht Aleksander Smolar zu erklären. Er sieht den März (und die Folgen – die Vertreibung vor allem der jüdischen Intelligenz) im Kontext eines »virtuellen polnisch-jüdischen Bürgerkriegs«, ausgelöst durch die Kontroverse um Jedwabne, die »ein Fragezeichen (setzt) hinter das in der Romantik verwurzelte kanonische Polenbild: Polen, der Christus der Völker, das leidende, heroische Polen, das stets auf der Seite des Guten ist und für Freiheit und Würde streitet«.

Mykola Riabchuk schließlich erinnert sich an das ferne, aber nachhaltige Echo des Prager Frühlings in der Ukraine.

Das Heft beschließen zwei Beiträge über Russland. Ivan Krastev fordert, die brüchig gewordene europäische Ordnung neu zu begründen und Russland in diesen Prozess einzubeziehen. Es gehe darum, die gegenwärtig eskalierende Konfrontation zwischen der erweiterten Europäischen Union und dem wiederaufstrebenden postimperiale Russland zu zähmen, ohne die Werte der EU zu opfern. Nachdem Martin Hala im letzten Heft untersucht hat, wie Bürger in China versuchen, sich das Internet von unten als Raum freier Meinungsäußerung anzueignen, demonstriert Henrike Schmidt, wie in Russland die neuen Technologien nicht weniger kreativ von oben zur Imagebildung des Präsidenten eingesetzt werden.

Wien, im Juni 2008


1. »Vereintes Europa – geteilte Geschichte«, in: Transit 28 (Winter 2004/2005), S. 171. Vgl. dazu auch den Schwerpunkt Europäische Geschichten. Auf dem Weg zur Meistererzählung?, in: Eurozinewww.eurozine.com/articles/2005-05-03-eurozine-de.html.


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Transit – Europäische Revue, Nr. 35/2008