Transit 34: Editorial

Im Oktober 2007 wurde Leszek Kolakowski achtzig Jahre alt. Er begann seine akademische Karriere in den fünfziger Jahren als orthodoxer Marxist. In der Tauwetterperiode nach 1956 wurde der Philosoph, der 1959 an die Universität Warschau berufen wurde, zum Verfechter einer Reform des Kommunismus, bis er 1966 aus der Partei ausgeschlossen wurde, 1968 seinen Lehrstuhl verlor und in den Westen emigrierte. Seit 1970 ist er Fellow am All Souls College in Oxford.

Während Krzysztof Michalski versucht, dem zentralen Motiv in Kolakowskis Denken auf die Spur zu kommen, unterziehen Tony Judt und John Gray dessen Magnum Opus, die in den 1970er Jahren verfassten Hauptströmungen des Marxismus, einer Neulektüre. Kolakowskis ideengeschichtliche Rekonstruktion des Marxismus erweist sich als durchaus aktuell angesichts der heutigen Widergänger des Utopismus, sei es in Gestalt der Globalisierungsgegner, sei es, wie Gray überraschend diagnostiziert, in Gestalt des neokonservativen Projekts der Verbreitung der Demokratie mittels militärischer Gewalt. An ein besonders tragisches Kapitel der “chronischen Pathologie des Utopismus” (Gray) erinnert Marci Shore in ihrem Beitrag über die Rolle der Juden im osteuropäischen Kommunismus.

Mit der Idee des Sozialismus hat Kolakowski sich schon früh beschäftigt. In seinem 1957 geschriebenen und von der Zensur unterdrückten ironischen Pamphlet “Was ist Sozialismus?” hält er dem kommunistischen Regime einen Spiegel vor. Fast fünf Jahrzehnte nach diesem – hier wiederabgedruckten – Meisterstück politischer Satire zieht Kolakowski in seinem Essay “Was vom Sozialismus bleibt” [1] noch einmal Bilanz:

Angesichts weltweit wachsender Ungleichheit scheint der Sozialismus heute wieder an moralischer Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Dass sich der Marxismus in so gut wie allem geirrt hat, schreibt Kolakowski, macht noch lange nicht die sozialistische Tradition obsolet. Und dass die sozialistischen Ideale missbraucht wurden, diskreditiert sie nicht schon. Schließlich haben sich sozialistische Werte mit liberalen verbunden und wurden im Rahmen demokratischer Marktwirtschaft verwirklicht. Sozialistische Bewegungen veränderten die politische Landschaft unserer Gesellschaften und inspirierten Reformen, aus denen der heute so selbstverständlich gewordene Wohlfahrtsstaat hervorgegangen ist. “Zwar ist die sozialistische Idee als Projekt für eine ‘alternative Gesellschaft’ tot.”, schreibt Kolakowski, “Aber als Ausdruck der Solidarität mit den Unterdrückten und sozial Benachteiligten, als ein Motiv gegen den Sozialdarwinismus, als ein Licht, das uns daran erinnert, dass es etwas jenseits von Konkurrrenzkampf und Gier gibt, aus all diesen Gründen ist der Sozialismus – das Ideal, nicht das System – immer noch von Nutzen.”

2001 verbrachte die russische Journalistin Anna Politkowskaja im Rahmen eines Milena Jesenská-Fellowships drei Monate am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien und arbeitete an ihrem Buch über den zweiten Tschetschenienkrieg (deutsch 2003 erschienen unter dem Titel Tschetschenien. Die Wahrheit über den Krieg). Sie wurde schon damals massiv bedroht. Als wir sie zu einem Treffen der Jesenska-Alumni im September 2006 einluden, antwortete sie nicht. Am 7. Oktober wurde sie in Moskau ermordet.

Die in Zusammenarbeit mit Anna Schor-Tschudnowskaja und Martin Malek für dieses Heft zusammengestellte Hommage versammelt Beiträge der beiden Genannten sowie von Anna Politkowskaja,Mainat Abdulajewa, Marie Mendras, Jean-François Bouthors und Nina Khrushcheva. Yulia Vishnevetskaya ist 2007 durch tschetschenische Bergdörfer gereist und hat von dort Bilder mitgebracht.

Das Heft schließt mit der 2006 von Joschka Fischer gehaltenen Jan Patocka-Gedächtnisvorlesung, in der er eindringlich die Verantwortung Europas angesichts der Krise im Nahen Osten beschwört, und einem Beitrag von Martin Hala über Internet und Meinungsfreiheit in China .

Wien, im Dezember 2007


1.“What Is Left of Socialism”, i n: My Correct Views on Everything, South Bend, Indiana, 2005; s. auch www.firstthings.com/article.php3?id_article=2077.


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Transit – Europäische Revue, Nr. 34/2008