Transit 30: Editorial

Die Osterweiterung hat die Europäische Union nicht nur beträchtlich vergrößert, sondern tiefgreifend verändert. Sie hat an Gewicht gewonnen, gleichzeitig sind aber auch ihre inneren Spannungen gewachsen. Heute steht sie vor ganz neuen Herausforderungen, in Bezug auf ihren Zusammenhalt ebenso wie auf ihre internationale Rolle. Die Verabschiedung einer Verfassung sollte dieser Metamorphose Gestalt und Richtung geben. Der Schock ihres (vorläufigen) Scheiterns hat einen intensiven Nachdenkprozess über das Selbstverständnis, die internationale Verantwortung und die Zukunftsperspektiven der Union ausgelöst.

Die Beiträge im ersten Teil dieses Heftes wollen – in Fortsetzung der Debatten um die Bedingungen europäischer Solidarität in den letzten Heften – dazu einen kleinen Beitrag leisten. Jacques Rupnik diagnostiziert die gegenwärtige Krise als Resultat einer Überlagerung verschiedener, zum Teil schon länger bestehender Bruchlinien innerhalb der Union. Ivan Krastev argumentiert, dass die EU angesichts der unverändert instabilen Situation am Balkan vor der Wahl steht, ein Imperium wider Willen zu werden oder beherzt den nächsten Erweiterungsschritt zu tun.

Welche Rolle Imperien als Ordnungsfaktor in der europäischen Geschichte der letzten 100 Jahre spielten, zeigt der Beitrag von Charles S. Maier. Die hierarchische Ordnung des Imperiums und die alles nivellierende Macht des Marktes bildeten »separate, aber oft symbiotische Rahmen transnationaler Organisation«. Extrapoliert man Maiers Überlegungen, zeichnet sich die EU als Imperium neuen Typs ab, das beide Organisationsformen in sich vereint, weil es sich aus einem gemeinsamen Markt heraus entwickelt hat.

Vor 70 Jahren sprach Edmund Husserl in Wien über »Die Philosophie in der Krisis der europäischen Menschheit«. Für seinen Schüler, den tschechischen Denker Jan Patocka, steht die Idee Europas – Inbegriff von Freiheit und Verantwortung – im Zentrum jeder Philosophie des Politischen und der Geschichte. Doch wohnt der europäischen Idee zugleich eine widersprüchliche Dynamik inne, die im destruktiven Potential des technischen Rationalismus kulminiert. Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts sind der Idee Europas nicht äußerlich, auch sie entspringen ihrer inneren Logik. Was, fragt Marc Crépon mit Jan Patocka, bedeutet angesichts dessen die von Husserl geforderte »Selbstbesinnung« für die Europäer des 21. Jahrhunderts?

Transit hat sich in den letzten Jahren immer wieder mit dem öffentlichen Gebrauch der Vergangenheit beschäftigt. Die Beiträge im zweiten Teil des Heftes stehen in Zusammenhang mit dem am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien eingerichteten und von der Körber-Stiftung geförderten Forschungsschwerpunkt »Geschichte und Gedächtnis in Europa«.

Norman Naimark zeigt, dass die Erinnerungen an die Traumata des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit immer noch tief gespalten sind und plädiert dafür, dass die Europäer sich ihrer Vergangenheit gemeinsam stellen. Erste erfolgreiche Anstrengungen dazu wurden in den letzten Jahren bereits unternommen. Philipp Ther wiederum weist auf die Gefahr hin, dass die Deutschen im jüngsten Erinnerungsboom die Proportion zwischen ihrer Täter-und ihrer neu entdeckten Opfergeschichte verlieren und damit die mühsam gewonnene Annäherung an die Geschichtsschreibung ihrer östlichen Nachbarn aufs Spiel setzen. Die Schwierigkeiten beim Umgang mit der Vergangenheit illustriert Eva Kovacs anhand von zwei ganz gegensätzlichen Orten der ungarischen Erinnerung – dem »Statuenpark« und dem »Haus des Terrors«. Muriel Blaive berichtet über die vergebliche Suche nach dem kollektiven Gedächtnis des Kommunismus. Sie ist der Meinung, dass es sich dabei eher um eine moralisierende Projektion der Gelehrten handelt, und plädiert für mehr Geschichtsschreibung und weniger Erinnerungskult. Die anhaltende Erinnerungskonjunktur gibt auch Alain Guéry zu denken. Er beklagt die erfolgreiche Verdrängung der Geschichte durch das Gedächtnis, die der politischen Instrumentalisierung der Vergangenheit Tür und Tor öffnet.

Außerdem in diesem Heft: Peter Demetz holt ein dunkles Kapitel Filmgeschichte nach. Anlässlich des sechzigsten Geburtstags von Karl Poppers »Offener Gesellschaft« bietet Jan-Werner Müller einen kritischen Rückblick auf das Werk und seine Wirkungsgeschichte. Und Charles Taylor würdigt das Denken Paul Ricoeurs, der dem IWM von Anbeginn verbunden war.


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Transit – Europäische Revue, Nr. 30/2006