Transit 29: Editorial

Mit dem Tod von Johannes Paul II hat das Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) einen Freund verloren. Der Papst unterstützte die Idee des Instituts von Anbeginn – obwohl es keine katholische, sondern eine unabhängige, keinem Bekenntnis und keiner Ideologie verpflichtete Einrichtung ist. Er hat den Wissenschaftlichen Beirat des IWM immer wieder zu mehrtägigen Symposien in seiner Sommerresidenz in Castel Gandolfo eingeladen (gefördert von der Robert Bosch- und der Körber-Stiftung). Es wurden deren acht, das letzte fand 1998 statt (s. auch die Anzeige in diesem Heft). Die Sympathie und geistige Unterstützung, mit der Johannes Paul II unsere Arbeit begleitet hat, werden wir in dankbarer Erinnerung behalten.

Leitet die “Orange Revolution” eine neue Serie von Regimewechseln ein, vergleichbar mit jener der “Samtenen Revolutionen” von 1989 – nun weiter östlich? Die Beiträge zur Ukraine in diesem Heft versuchen, die Ereignisse von 2004 / 2005 in einen breiteren Kontext zu stellen: Was war ihre Vorgeschichte, was sind ihre (geo)politischen Implikationen, welche Optionen zwischen einer abweisenden EU und einem besitzergreifenden Russland hat die Ukraine für die Zukunft?

Die Perspektiven einer zweiten Demokratisierungswelle auf dem Territorium des ehemaligen Sowjetimperiums werden uns weiter beschäftigen. Können die Machtwechsel in Serbien, Georgien und der Ukraine als Modell für weitere Demokratisierungsprozesse im postsowjetischen Raum, von Weißrussland bis Kirgistan, dienen? Welche Rolle soll der Westen dabei spielen? Was kann man von den 1989er Revolutionen lernen – und umgekehrt: erscheinen sie im Rückblick in einem neuen Licht?

Entgegen allen Vorhersagen scheint die soziale Ungleichheit am Beginn des 21. Jahrhundert in allen Teilen der Welt unaufhaltsam zuzunehmen. Die Schere zwischen Armut und Reichtum öffnet sich am eklatantesten zwischen den Ländern des Nordens und Südens, während sich innerhalb der postsozialistischen Länder (und zwischen ihnen) neue Formen sozialer Polarisierung sowie eine zunehmende Ethnisierung sozialer Konflikte entwickeln. Doch auch in den wohlhabenden Ländern wächst die Ungleichheit hinsichtlich Einkommen, Chancen und politischer Partizipation. Mit der zunehmenden Erosion des Wohlfahrtsstaats verschärfen sich die sozialen Probleme. Ähnlich wie lange schon in den USA dringt Armut zunehmend in die erwerbstätige Bevölkerung vor.

Die wachsende Ungleichheit ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern sie gefährdet das Funktionieren der Demokratie und stellt eine Bedrohung für die Stabilität der Gesellschaft dar. Ein Blick auf die diesjährige Agenda des Weltwirtschaftsforums in Davos oder des G8 Gipfeltreffen in Gleneagles zeigt, dass die reichen Länder das Problem inzwischen nicht weiter verdrängen können.

Allerdings besteht eine Diskrepanz zwischen der offensichtlichen gesellschaftlichen Brisanz von Fragen der Ungleichheit und ihrer unbefriedigenden theoretischen Durchdringung. Diesem Defizit gilt der zweite Schwerpunkt in diesem Heft. Ausgangspunkt ist die These, dass Ungleichheit weder eine vorübergehende Erscheinung noch eine marginale und reparable Anomalie bzw. Pathologie der modernen Gesellschaft darstellt, sondern ein sie prägendes Merkmal – anders gesagt, dass unsere Gesellschaft Ungleichheit nicht nur voraussetzt und fortschreibt, sondern sie immer neu hervorbringt und vertieft.

Die vorliegenden Beiträge machen einen ersten Versuch zur Auslotung von Anknüpfungspunkten und Perspektiven für einen integrierten, historisch-gesellschaftstheoretisch inspirierten Blick auf “klassische” und neue Formen der Ungleichheit entlang der Achsen von Klasse, “Rasse“/ Ethnizität und Geschlecht als miteinander in Wechselwirkung stehenden gesellschaftlichen Strukturzusammenhängen.

Die Artikel korrespondieren mit dem Forschungsschwerpunkt “Ursachen von Ungleichheit”, der 2003 am IWM eingerichtet wurde. In Begleitung dieses Schwerpunkts und in Ergänzung zum vorliegenden Heft werden weitere Beiträge und Informationen zum Thema “Ungleichheit” fortlaufend in Tr@nsit online erscheinen.

Die Photographien in diesem Heft schließlich stellen einen Künstler vor, der sich in den letzten Jahren ironisch mit dem postsozialistischen Alltag in Rumänien auseinandersetzt.

Wien, im Juni 2005


Copyright © 2005 by Transit-Europaeische Revue. All rights reserved. This work may be used, with this header included, for noncommercial purposes. No copies of this work may be distributed electronically, in whole or in part, without written permission from Transit.
Transit – Europäische Revue, Nr. 29/2005