‘Klein-Holland’ im Oderbruch. Walter und Frank Schütz in Manschnow

„Überreste der Holländer-Gärtnerei? Das sind im Grunde nur noch Ruinen. Bis auf das alte Heizhaus der Spronsen-Familie, das gab es nämlich vor zwei Jahren noch. Aber dann wurde der Schornstein gesprengt, um auf dem Gärtnereigelände eine Kaufhalle zu bauen. Dabei ist dann der Schornstein auf das Heizhaus gestürzt. Und die Kaufhalle ist schließlich gar nicht nicht gebaut worden.“

Walter Schütz

Walter Schütz mit seinen Hobby-Tomaten

Walter Schütz redet spöttisch, er hat diesen typischen, etwas wortkargen „DDR-Humor“, der schlechte Nachrichten ein wenig abmildert. Er erlebte hier im Brandenburger Dorf Manschnow einiges an Zerstörung, im Krieg und im Kommunismus – und dann, unerwartet heftig, nochmals im Kapitalismus. Schütz weiß bestimmt, dass die Zerstörung des Heizhauses durch dessen eigenen Schornstein kein Zufall war. Aber das sagt er nicht; es würde das Ganze noch unerträglicher machen.

Er weist auf ein typisches Glashaus niederländischen Stils hin, mit Spitzdach. Drinnen wächst es üppig. Sogar durch das Dach und die ehemaligen Wände des Gerippes dringt Grün. Die Glasfenster sind nicht mehr da, oder sie sind kaputt. Und Gemüse ist das Gewächs nicht gerade, es ist Unkraut. Eine Nebenwirkung der neuen Zeit, wie Schütz verärgert feststellt. „Auch zu DDR-Zeiten gab es hier und da noch Kleingärtnerei. Nach 1980, als viele LPGs zusammengelegt wurden und die Produktion noch stärker vereinheitlicht, riss man die meisten Glashäuser, die nach dem Krieg instandgesetzt worden waren, allerdings wieder ab. Aber selbst damals war die Landschaft weniger monoton als jetzt.“

Der energische Rentner ist knapp zu jung, um die größte Zerstörung in der Region bewusst erlebt zu haben. In den ersten Monaten des Jahres 1945 hat sich die Kriegsfront hier sieben Mal hin und her verschoben. Der schwache Trost bei aller Kriegsgewalt war, dass die schweren, langen Stellungskämpfe den Durchbruch der Sowjettruppen zur Befreiung von Berlin und somit das Ende des Zweiten Weltkriegs einleiteten. Aber so weit war es noch nicht, als hier unten im sumpfigen Oderbruch im April die Rote Armee stand, und oben auf die Höhen bei Seelow die Resttruppen der Nationalsozialisten warteten. Auch dann wurden Schornsteine gesprengt. Die größten Schornsteine der Gewächshäuser standen der Wehrmacht nicht so sehr im Weg, wie kürzlich noch bei dem geplanten Supermarket. Sondern sie hätten den Russen als Orientierungspunkte dienen können. Nachdem sich die Pulverdämpfe der größten Schlacht des Zweiten Weltkrieges auf deutschem Boden verzogen hatten, lagen fünzigtausend tote Soldaten im Sumpfgebiet – die meisten von alliierter Seite, also Rotarmisten.

Laut Dorfchronik bekamen die wenigen männlichen Bewohner des Oderbruchs, die noch in den zerstörten Dörfern lebten, 1946 den Befehl der russischen Kommandantur, die Toten der Roten Armee aus der Umgebung nach Manschnow in Massengräber umzubetten. Noch immer gibt es ein Sowjetisches Ehrenmal. Die gefallenen deutschen Soldaten wurden nicht begraben. Bis heute werden ihre Knochen gefunden, insbesondere dann, wenn der Oderdeich erhöht wird.

Sohn und Vater Schütz - Foto A. Hendriks

Sohn und Vater Schütz

Die Van Spronsens, oder „die Spronsen“, wie man sie hier, ohne das niederländische ‚van‘ und ohne s-Plural, nennt, haben ihre Schornsteine dann schnell wieder aufgebaut und ihre Glashäuser repariert. Sie konnten nicht wissen, dass kaum zehn Jahre später alles vorbei sein würde. Keiner ist geblieben. Und keiner von hier kann noch aus eigener Erfahrung über die Niederländer erzählen. Walter Schütz und sein Sohn Frank haben lange überlegt, ob es noch jemanden gibt.

„Zu DDR-Zeiten hat noch mal ein Spronsen hier kurz vorbeigeschaut“, sagt Walter Schütz. Das muss der van Spronsen-Sohn Sandor Kosdi gewesen sein. Kosdi hat 2013 in Ungarn erzählt, wie er als Student mit einer Freundin Urlaub in Polen machen wollte. Und Manschnow liegt nun mal genau an der Bundesstraße 1, die von der niederländischen zur polnischen Grenze führt. Mehr oder weniger zufällig war er dann in dem Dorf gelandet, dessen Name ihm schon zuvor ein Begriff war. Aber er hat damals nicht so richtig gewusst, was er dort anfangen sollte. Leider hat er wenig aus dem kurzen Aufenthalt gemacht, hat er in Ungarn gesagt.

Der Vater von Walter Schütz ist mehr oder weniger der einzige Anknüpfungspunkt an die niederländische Vergangenheit. Er lebt nicht mehr, aber er hat vor und nach dem Krieg in der Spronsen-Gärtnerei gearbeitet. Schütz zeigt ein Bild des jungen Vaters bei den Spronsen-Gewächshäusern. „Er hat in ihren Gurken und Tomaten gearbeitet, aber auch im Freilandgemüse wie Kohl – sie bauten alles Mögliche an.“

Walter war damals noch ein Kind. Und später war der Vater ziemlich wortkarg. „Vater hat bloß dies erzählt: ‚Wo Marinus van Spronsen nach Holland zurückgegangen ist, da ist er vorher die Feuerleiter des Schornsteins hinaufgeklettert und hat seine Mütze obendrauf gehängt.‘“ Das war um 1953. Es soll Marinus’ Protest gegen die Zwangskollektivierung des Familienunternehmens gewesen sein. Dazu war er die vollen 65 Meter hochgeklettert. Oder 43 Meter, oder 30; die Anekdote ist auch an anderer Stelle erwähnt, aber über die Höhe des Schornsteins sind sich die Quellen nicht einig.

Dieser Marinus ist wahrscheinlich aus der zweiten Generation van Spronsen in und um Manschnow, und die erste, die dort zur Welt kam, um 1910-1920. Die gleichen Namen kehren in der männlichen Familielinie immer zurück: Marinus, Willem, Henk, Kees/Cornelis… „Es waren die Gebrüder Spronsen, die mit dem Anbau von Tomaten und Gurken unter Glas hier überhaupt angefangen haben“, erzählt Schütz. Der Treibhaus- oder Glasgartenbau war eine Novität, die hatten die van Spronsens von der holländischen Küste mitgebracht. Er zeigt auf ein Häuschen am Rande der Ruine der Spronsen-Gärtnerei. „Hier wohnte der Mann, der noch nach dem Krieg die Treibhausgemüse der Spronsen nach Berlin gefahren hat.“

Restanten ‚Klein-Holland‘ in Manschnow II (Foto Annemieke Hendriks)

Restanten ‚Klein-Holland‘ in Manschnow

„Ein Holländer brachte das Treibhausgemüse hierher: Willem van Spronsen. Klein-Holland hat man seine Ländereien in Manschnow genannt.“ Das – und nicht viel mehr – meldet eine Online-Chronik über die Gärtnerfamilie auf der Website oderbruchpavillon.de. Dieser Willem aus der Pioniersgeneration muss der Willem sein, der Sandor Kosdis Urgroßvater ist. Beim Amt Golzow, ein paar Kilometer weiter, taucht 1906 „der eingewanderte Holländer Van Spronsen“ auf. Ein Bruder? Oder Willem selbst? Dieser beginnt Gemüseanbau im benachbarten Gorgast‚ so heißt es, „der alsbald auch nach Golzow übergriff“. Am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, noch vor 1910, sind die Brüder hierher gekommen. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg belief sich die Zahl der Gärtnereien auf schätzungsweise fünfzig, teils in van Spronsen-Besitz. Allein in Manschnow gab es damals schon über zwanzig, das ist belegt.

„Es wächst alles gut hier, im Oderbruch“, sagt Walter Schütz. „Das Klima ist dem in Holland ähnlich. Das haben die Holländer bemerkt. Deswegen sind sie hergekommen und haben hier investiert.“ Das Oderbruch ist ein etwa fünfzehn Kilometer breiter und fünfzig Kilometer langer Streifen entlang der Oder, er fängt etwa fünfzig Kilometer östlich von Berlin an. Schütz selbst war Meister-Beregner in der benachbarten Gorgaster LPG, zwei Kilometer von Manschnow entfernt. „Auf dem ehemaligen Spronsen-Gelände habe ich die Gurken gemacht, und bin dann zur Beregnung gekommen. Ich durfte keinen Ingenieur machen. Dazu fehlten mir die gewissen Verbindungen – politische, wohlverstanden.“

Die Landwirtschaft im Oderbruch haben die Niederländer zwar nicht erfunden. Aber sie standen sozusagen an ihrer Wiege, vor gut 250 Jahren. Preußenkönig Friedrich der Große verfolgte eine Politik der „Melioration“, der Verbesserung des Landes durch Trockenlegung. Mit der Einpolderung des Oderbruchs beauftragte der König den eingepreußten Holländer-Sohn Simon von/van Haerlem, einen Wasserbauingenieur. Dieser lenkte die Oder um, grub Kanäle und Gräben, entwässerte, baute Deiche und pflanzte Bäume zur deren Befestigung.

Friedrich der Große soll beim Ergebnis begeistert verkündet haben: „Hier habe ich im Frieden eine neue Provinz erobert, ohne einen Mann zu verlieren!“ Niederländische Kolonisten gehörten zu den ersten, die sich im neuen, aber irgendwie vertrauten, fruchtbaren Sumpf (Bruch) niederließen. In kürzester Zeit entstanden fünfzig Dörfer. Auf der polnischen Seite des Bruchs jenseits der Oder, an der Warthe, die in die Oder mündet und ebenfalls Teil des großen Meliorationsprojekts war, gibt es noch Dörfer, die bis 1945 „Woxholländer“ und „Sumatra“ hießen – letzteres ein Hinweis auf eine offiziellere Kolonie der Niederlande.

Das Oderbruch wurde zunächst zur Kornkammer und etwa vor hundert Jahren dann zum Gemüsegarten Berlins. Es ernährte die Reichshauptstadt. Und ab 1949 ernährte es Berlin, Hauptstadt der neuen Deutschen Demokratischen Republik. 1950 wurden laut DDR-Statistik täglich fünfzig Tonnen Gemüse nach Berlin geliefert. Auch West-Berlin aß damals noch mit. Freilich ging es, mehr als vor dem Krieg, um eher einseitige Kost, bevorzugt Kohl, weil der die meisten Kilos bringt. „Die Bevölkerung wurde optimal versorgt nach Kilo“: so fasst die Website Oderbruchpavillon.de den landwirtschaftlichen Plansozialismus zusammen.

Alle van Spronsens waren Ende der fünfziger Jahre weg. Sandor Kosdi hat von einem Herman(n) van Spronsen gehört, der als Einziger in Deutschland blieb – allerdings in der Bundesrepublik, an der Grenze zur niederländischen Provinz Groningen. Dort im Landkreis Leer hat er mit dem Gartenbau weitergemacht. 1999 starb er, aber die Gärtnerei existiert noch. Die anderen van Spronsens gingen in die niederländische… – nein, ‚Heimat‘ war Holland für sie bestimmt nicht mehr. Sie waren fast alle im Oderbruch geboren. Onkel Piet van Spronsen war sogar für die deutsche Heimat im Krieg gefallen, irgendwo auf russischer Erde.

Manschnow lag im sowjetischen Sektor des besiegten Deutschlands. Aber das, was übrig war vom Küstriner Krankenhaus, stand jetzt in der polnischen Volksrepublik. Dort war 1938, also noch im Deutschen Reich, Helga van Spronsen geboren. Die Oder war nach dem Krieg Staatsgrenze geworden. Auf den Ruinen der zerstörten historischen Festung Küstrin, hoch auf dem polnischen Ufer, flatterten die roten Fahnen. Einst war hier der Kronprinz Friedrich von seinem Vater gefangengesetzt worden, um ihn zu disziplinieren. Der spätere Große Preussenkönig hatte somit Zeit genug, um von der Trockenlegung des unter ihm gelegenen Bruchs zu träumen.

Mit Vater Henk und Mutter Irmgard, eine Deutsche aus der Gegend, gehörte die kleine Helga van Spronsen 1946 zu den ersten in der Großfamilie, die den Zerstörungen und dem politischen Umbruch entflohen. „Die jüngeren Spronsen gingen kurz nach dem Krieg schon in die Niederlande“, erinnert Walter Schütz sich. „Die anderen machten zunächst weiter. Die Zwangskollektivierung in Genossenschaften fing ja auf freiwilligen Basis an, nichtwahr?“ Er guckt schelmisch. „Als Ausländer standen die Spronsen einerseits unter noch höherem politischem Druck, sich zu arrangieren, als die anderen. Anderseits waren sie etwas weniger angreifbar – sie konnten ja leichter weg. Wie auch immer, bis 1953 durften sie noch weitermachen. Dann war Schluss.“

Restanten ‚Klein-Holland‘ in Manschnow

Und das ist wohl der Augenblick gewesen, als Marinus seine Mütze an den Blitzableiter auf dem Schornstein gehängt hat. Er wollte nicht in die GPG, Gärtnerische Produktionsgenossenschaft, und schon gar nicht in eine noch umfangreichere LPG. „Kaum waren die letzten Spronsen aus Manschnow weg“, erzählt Schütz, „und ihre Gärtnerei kam zur LPG Pascha Angelina, benannt nach der ersten sowjetischen Traktoristin. Und dann wurde alles anders.“

Laut Chroniken war die Pascha Angelina eine LPG „Typ 1, mit 6 Mitgliedern und 49 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche“. Schütz erläutert: „Nicht alle hier sehen das so, aber das war eine Katastrophe. Auf einen Schlag sind hier zwanzig selbständige Gemüse-, Obst- und Blumen-Betriebe aufgelöst worden, die alle auf etwas spezialisiert waren. Alles plattgemacht. Noch immer hat sich das Oderbruch nicht davon erholt.“

Tatsächlich sehen nicht alle das so. Ein Online-Chroniqueur beschreibt begeistert, wie „mit der demokratischen Bodenreform“ tausende Hektar Land enteignet und unter „landarme“ Leute aufgeteilt wurden. Diese Maßnahmen betrafen Golzow und Gorgast, wo es auch Spronsen-Gärtnereien gab, ebenso wie Manschnow. 1963 hatte die Manschnower LPG schon 136 Mitglieder und 64 Hektar, sie wuchs und wuchs. „Fast alles wurde Freilandgemüse, also draußen. Die Russen brauchten nur unsortierte Tomaten, für die Soßen, sowie Knoblauch und Gurken – Hauptsache viel.“

Das ging alles in einen Topf oder in die Gulaschkanone; da kommt es nicht auf verfeinerte Tomaten an. „Aber um 1970 hat man den Glashäusern noch einmal ein neues Leben vergönnt“, verfolgt Schütz. „Da hat man Nelken für Polen gezüchtet. Das hat nicht lange gedauert, da war die Grenze wieder zu. Nur offizielle Delegationen durften noch rüber.“ Danach wurden die meisten Gewächshäuser abgebrochen, und die anderen vegetierten vor sich hin.

Ab 1945 lag Manschnow, wie gesagt, nicht mehr irgendwo in Deutschland, sondern ein paar Kilometer von der Oder-Neiße-Grenze entfernt. Und wo die alte Reichsstraße 1 noch nach Königsberg und weiter geführt hatte, strandete die Bundesstraße 1 nach Kriegsende an der Oder im „Küstriner Vorland“. Erst seit 1992 ist dieser Grenzübergang mit Polen wieder offen.

In ihrem letzten Abschnitt vor der Grenze heißt die Bundesstraße 1 die Straße der Freundschaft – noch immer. Die Freundschaft mit dem polnischen Brudervolk, die hier gemeint ist, hat im Sozialismus allerdings nie wirklich funktioniert, so Walter Schütz. Die wechselseitigen Vorurteile an der Grenze waren im Kommunismus vorprogrammiert gewesen. „Man hat aus Polen mal Einsätze zur Tomatenernte bekommen, wenn nicht genug Studenten der Berliner Humboldt-Uni zur Verfügung standen. Aber viel mehr war nicht.“

Die meisten der Oder-Brücken waren zerstört, blieben zerstört, und sind es auch heute noch. Die wenigen funktionierenden „Freundschaftsbrücken“ waren ab 1980 meist ständig für die Ostdeutschen gesperrt. Im Tauwetter der Siebziger Jahre waren sie nämlich gern rübergegangen, um sich in Polen Westfilme anzuschauen. Aber dann seien die Polen, mit ihrer Gewerkschaft Solidarnosc, der DDR-Führung viel zu eigensinnig geworden. Die Parteileidung fürchtete Ansteckung ihrer Arbeiter und Bauern, und diese fürchteten den Leerkauf ihrer Läden, falls die Polen über die Oder kämen. Denn in der polnischen Volksrepublik der Achtziger Jahre herrschte Mangel an allem.

Nach der Wende bangten viele DDR-Bürger, die ab Ende 1990 Bundesbürger waren, um ihre Stellen. Die dann ohnehin wegfielen; allerdings nicht durch das Zutun der Polen. Hier im Oderbruch wurde es immer stiller und leerer, wohingegen „drüben“ im wieder freien Polen der Handel florierte. Viele Polen gründeten ihre eigenen kleinen Unternehmen, weil man vom Staat wenig erwartete. Sie boten den Brandenburgern, die auf neue Arbeit warteten, alle möglichen Waren und Dienstleistungen billig an.

„Das mit den Kontakten über die Grenze“, fügt Sohn Frank hinzu, der sich aus seinem Gartencenter losgeeist hat, „also, echte Kontakte mit den Polen, daraus ist nix geworden. Obwohl es viele Versuche gab, von Bürgerinitiativen bis hin zu EU-Vorzeigeprojekten. Man müsste, denk ich mal, Rheinländer hierher an die Oder-Neiße-Grenze holen, um grenzüberschreitend Party zu machen.“

Frank Schütz (1970) hat kurz nach dem Mauerfall in Manschnow ein Blumengeschäft aufgemacht. „Ich war in der Schule nicht derjenige, der der ‚Linie‘ gefolgt ist, sondern dem eigenen Kopf. Ich habe mich den Zwangsmitgliedschaften verweigert, wie diese Deutsch-Sowjetische Freundschaft, die Freie Deutsche Jugend, und so weiter. Also, Abitur, Studieren, Feinmechaniker: Das alles ging nicht. Nach der Wende habe ich dann sofort in Berlin eine kaufmännische Ausbildung nachgeholt, und dann den Blumenladen hier eröffnet.“

Nicht alle seine Mitbürger waren so initiativreich, sagt er. „Es gab Anfang der Neunziger diese Runder-Tisch-Stimmung: ‚Uns geht’s jetzt gut‘. Etwas unternehmen? Aber wozu? Es hat diesen Gedanken einfach nicht gegeben. Der Brandenburger Ministerpräsident, Manfred Stolpe, hat nämlich immer wieder neue Fabriken versprochen – die dann nicht gekommen sind.“ Stolpe wurde nachher noch Bundesminister für die SPD, obwohl ostdeutsche Bürgerrechtler längst festgestellt hatten, dass er als „IM Sekretär“ Informant des Staatssicherheitsdienstes gewesen war.

Ehemalige Spronsen-Villa in Manschnow - Foto A. Hendriks

Ehemalige Spronsen-Villa in Manschnow

Nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs wurde über die Vergangenheit meist geschwiegen. Die Gegenwart, mit ihren vielen Forderungen und Widersprüchen, war schon anspruchsvoll genug. Gelähmt und ohne Kapital, so standen viele Brandenburger da. Die Euphorie über den Mauerfall war schnell dahin. Das Agrarland wurde durch dieTreuhandanstalt privatisiert, auch die ehemaligen Spronsen-Ländereien. „Aus einem neuen Leben für die Gärtnereien ist nach der Wende wenig geworden“, erzählt Frank Schütz. „Die LPGs wurden nicht richtig abgewickelt, mit den Privatisierungen ging viel schief. Man wurde übernommen, war leichtes Futter nicht nur für Westdeutsche. Zum Beispiel waren auch einige niederländische Unternehmer wieder schnell dabei.“

Manche im Oderbruch meckern über die holländischen Landwirte, die die Gelegenheit ergriffen und eine Agrargenossenschaft mitgegründet hatten. Andere sagen, sei doch froh, dass sie hierher kommen und wenigstens ein paar Arbeitsplätze schaffen, wenn von uns hier keiner das Risiko auf sich nehmen will oder kann. Frank Schütz betreibt jetzt, mit Unterstützung der Familie, sein Gartencenter in Manschnow. „Gartencenter“, das klingt anders als „Gärtnerei“. „Ich produziere tatsächlich nicht selbst“, erklärt er. „Na ja, ein paar Blumen und Tomaten aus Vaters Hobbygarten verkaufe ich mit, und einen Weihnachtsbaum kann man sich bei uns im Garten aussuchen. Aber das ist keine Produktion in wirtschaftlichem Sinne.“

Die Familie Schütz hätte nichts dagegen gehabt, in Manschnow eine Gärtnerei nach alter Tradition zu gründen. Frank Schütz: „Die große Frage nach der Wende war für uns: Schaffen wir es, die Produktion von null an aufzubauen? Nein, dafür war die gigantische Investition, die man hätte tragen müssen, einfach nicht aufzubringen.“ „Die Kredite hätten wir gar nicht gekriegt“, fügt Vater Walter hinzu. Frank: „Das Risiko wäre viel zu groß gewesen.“

Das Risiko ist hier seit jeher auch mit dem Wasser verbunden. Bis zur Wende hat Walter Schütz die Beregnung seiner LPG geleitet. „Dann hieß es: Beregnung brauchen wir nicht mehr“, erklärt er mit zynischem Unterton. „Ab jetzt wächst alles von alleine. Wir hatten zum Beispiel ganz lange Rohrleitungen. In einer Nacht- und Nebelaktion gleich nach der Wende waren sie verschwunden. Alles wurde ‚entsorgt‘, was sich irgendwie zu Geld machen ließ. Hier war rechtsfreier Raum.“

Beregnen – Das mag komisch klingen, im sumpfigen „Polder“. Aber das Oderbruch ist eine launische Landschaft. Große Teile liegen unterhalb des Wasserspiegels der Oder – wie in Holland. Aber anders als dort gibt es hier ein erhebliches Landschaftsrelief. Oftmals ist es gleichzeitig zu trocken und zu nass, nur an verschiedenen Stellen. Statt blühender Landschaften kam das Wasser. Es kam immer wieder, bisweilen regelrechtes Hochwasser.

Restanten ‚Klein-Holland‘ in Manschnow III (Foto Annemieke Hendriks)

Restanten ‚Klein-Holland‘ in Manschnow

„Es ist hier eine Badewanne, wenn man nichts macht“, erklärt Walter Schütz. „Wir waren ja einiges gewöhnt, da kauft man eine Badehose. Ich meine, vor der Wende war es auch nicht ideal. Die alten Mühlwerke, die das Wasser mahlten, waren alle schon zu DDR-Zeiten geschlossen. Aber jetzt gibt’s diese Probleme ständig. Der Boden kann sich nicht erholen. Ich hatte von der Spronsen-Gärtnerei bis hier bei uns zweihundert Meter Graben – tiefen Graben. Jetzt wächst Schilf, der Graben ist fast zu. Man sieht die vielen Graben kaum noch.“

Hier klingt Walter Schütz zum ersten Mal richtig verärgert. Frank und er heben bisweilen Stücke Graben aus. Das ist schwere Arbeit, dazu ziemlich sinnlos: „Am Oder-Neiße-Radweg drüben hat man zwar eine Entwässerung gemacht, aber dieses Wasser wird in den erstbesten Graben weggepumpt. Sehr unvernünftig.“

Dazu kommt der großflächige Maisanbau für Biogas, der den Boden verdichtet, so dass das Wasser kaum abfließen kann. Also, von einer „Naturkatastrophe“ kann man bei diesen Überschwemmungen wirklich nicht sprechen, kommentiert Walter Schütz. „Man sollte den ganzen Wasserhaushalt wiederherstellen. Aber das ist nicht mit zwei Millionen getan. Und die Grünen sind dagegen. Die wollen das Oderbruch der Natur lassen. Absaufen lassen, also.“

Das Wasser spaltet die Gemüter. Die auf der Hand liegende Lösung, der Oder wieder mehr Raum zu geben, ist für die Bewohner des Bruchs ein heikles Thema. Mit Angst und Bange schaut man richting Holland, wo man in den letzten Jahren Teile des gewonnenen Landes dem Meer und Flüssen zurückgegeben hat, „der Wildnis überlassen“, wie man hier sagt.

Dass der Chef des Landwirtschaftsriesen Odega auf die Idee „Vogelparadies“ schimpft, erstaunt nicht. Aber wenn man nichts tut, entsteht ein solches Paradies von alleine. Das Oderbruch ist in dieser Saison von Herbst bis Frühling ständig von Hochwasser geplagt worden. Schaden auf 30.000 Hektar, schätzen die Unternehmer. Dennoch bauen sie stets mehr bodenzerstörenden „Silomais“ an, statt zum Beispiel Weizen für menschlichen Konsum.

In ihren Alpträumen sehen die Bewohner des Oderbruchs sich vom Wasser eingeschlossen. Wo vor einem Jahrhundert die Tomaten erstmals in trockenen Treibhäusern wuchsen, und vor fünfzig Jahr die Massengemüseproduktion im Freiland, wird dann nichts mehr sein, sogar manche Dörfer nicht. Einige Monate zuvor, im März 2012, haben in Manschnow auf der Straße der Freundschaft viele für den Erhalt der „Kulturlandschaft Oderbruch“ demonstriert. Sie sollten sich nicht zu große Sorgen machen. Der Boden ist mittlerweile viel zu teuer geworden, um ihn der Natur preiszugeben. Im Notfall hole man sich zur Melioration des Wasserhaushalts wieder die Hilfe holländischer Ingenieure.

Textredaktion: Ute Schürings


annemieke hendriks

Annemieke Hendriks lebt und arbeitet als freie Schriftstellerin in Berlin und Amerstdam. Von April bis Juni 2013 war sie Milena Jesenská Visiting Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen, wo Teile ihres jüngstens Buchs “Biografie der Tomate – Vom Samen bis zum Superstar auf dem europäischen Markt” (Werktitel) entstanden sind. Der Prolog des Buchs, eine zusammenhängende Familiengeschiche in vier Teilen, wird in deutscher Übersetzung ab sofort wöchentlich auf Transit online vorgestellt. Es folgen in Kürze:

3. Daheim an der Nordseeküste
Helga Kosdi-van Spronsen und ihre Odyssee

4. Der Untergang des regionalen Gartenbaus
Wo ist es nur, das Frischgemüse für Berlin?
+ Epilog und Ausblick

Zum Buch Biografie der Tomate – Vom Samen bis zum Superstar auf dem europäischen Markt (Werktitel)

Das Buchprojekt, dessen Prolog hier vorgestellt wird, wurde ermöglicht mit freundlicher Unterstützung von: