HERODOT: Zeitkarten als Werkzeug der Geschichtswissenschaft

Über HERODOT schreibt Martin Weinmann:

Die Zeit pflegen Geschichtswerke in chronologischen Diagrammen aufzuschließen. Zeittafeln, Zeitleisten und „Timelines“ haben einen eigenartigen Effekt, der ihrer Darstellungsform geschuldet ist. Geschichtsdaten erscheinen auf ihnen wie eine Landschaft von Vulkanen: Entweder hat ein Vulkankrater heiße Magma ausgespien: Etwas Neues kommt in die Welt. Oder das unergründlich schwarze Kraterloch hat etwas verschlungen: Etwas beginnt urplötzlich und unaufhaltsam von der Gegenwart in die Vergangenheit zu entschwinden.

So suggestiv (und unersetzlich?) diese Darstellungsform der Zeit ist, so vieles bleibt im Unklaren: In welchen Ereignis-Vulkanen grummelt und rumort es? Sind die übrigen Vulkane endgültig erkaltet und erloschen? Was ist mit jenen, aus denen gelegentlich ein dünner Rauchfaden aufzieht, den der Wind am Himmel verweht und weiterträgt? Lässt sich herausfinden, welche Verbindungen die freigesetzten Elemente eingegangen sind, wie verteilen sie sich und wo schlagen sie sich nieder?

Darüber schweigt die Chronologie. Allmähliche Transformationsprozesse, Epochenschwellen, historische Brüche, sich wiederholende Muster: All das, wofür sich Historiker interessieren, findet in der herkömmlichen Chronologie keinen Platz.

Wir haben mit rechnergestützten Diagrammen experimentiert, die geeignet sind, die klassische Chronologie mit ihrer einsinnigen Abfolge von Zeitpunkten zu erweitern und die Darstellungsform zu öffnen. Diese Diagramme haben wir in einer Software gebündelt. Das Programm wird 2015 veröffentlicht. Sein Name ist Herodot. Im März werden wir am IWM die Betaversion von Herodot erstmalig vor- und zur Diskussion stellen.

 

Wie funktioniert HERODOT?

Herodot ist ein Autorensystem. Ein Werkzeug, das speziell dafür entwickelt ist, komplexe Zeitkarten zu bauen. Alles was gebaut wird, kann als individuell konfiguriertes Plakat (Vektorgrafik) ausgegeben oder elektronisch publiziert werden.

Wissen zu kartographieren ist aufwendig, hat aber einen großen Reiz und Vorteil: Wissensvermittlung und Wissenserweiterung findet auf ein und derselben Fläche statt. Karten sind dazu da, Bekanntes zu sammeln, auszuwerten und anzureichern. Die Neubewertung des Bekanntem kann auf der Karte kontrolliert und Schritt für Schritt eingearbeitet werden: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten zur Verdauung ins Kröpfchen.

Herodot ist ein universelles Werkzeug, das überall dort zu gebrauchen ist, wo es auf Temporalisierung ankommt. Ein weites Feld also. Es taugt zur Geschichtsdarstellung wie zum Geschichtsstudium. Als Dokumentationsmedium in Ausstellungen wie für die Dokumentation der laufenden Ereignisse im investigativen Journalismus oder der Zeitgeschichte.

Algorithmen zur Ereignisauswertung                              

Der technische Unterbau von Herodot-Zeitkarten wertet die aufgenommenen Ereigniseinträge aus. Aus verschlagworteten Ereignissen gewinnt das Programm Ereignisprofile. Der historischen Ermittlung wächst damit die Möglichkeit zu, nach verwandten Ereignissen zu fahnden. (Welches sind die spezifischen „historischen Umstände“ eines Ereignisses?“). Statt wie die polizeiliche Rasterfahndung Personen zu beobachten, macht Herodot für die historische Ermittlung darauf aufmerksam, welche Verbindungen zwischen Ereignissen bestehen.

Geschichte und Geographie                                              

Herodot-Zeitkarten sind mit einer (hochauflösenden) Landkarte des gesamten Planeten gekoppelt. ZeitkartenautorInnen können auf der Weltkarte ohne weitere Zurüstung eigene Georeferenzierungen einzeichnen.

Was ist ein historisches Ereignis? In Herodot kartographierte Ereignisse haben erstens eine eigene Zeitstelle, zweitens ein eigenes semantisches Profil und drittens eigene Raumstellen. Der Programmalgorithmus vermisst und kombiniert also dreierlei: zeitliche Nähe, semantische Nähe und räumliche Nähe.


Das Team

Thomas Burch, Informatiker, ist Geschäftsführer des Kompetenzzentrums für elektronische Erschließung und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften an der Universität Trier. Teilhaber der Büro W GmbH. Lebt in Korlingen.

Hans Rudolf Behrendt ist Mathematiker und Softwareentwickler. Teilhaber der Büro W GmbH. Lebt in Köln.

Simon Kleiner, Geologe, war bis 2014 bei der Geowerkstatt Aachen, Arbeitsbereiche regenerative Energien und Kartographie. Lebt in Kelmis, Belgien.

Martin Weinmann, Philosoph, war bis 2005 Cheflektor des Verlages Zweitausendeins. Teilhaber der Büro W GmbH (GF). Lebt in Wiesbaden.

Eine Kooperation von IWM und Büro W