Der Untergang des regionalen Gartenbaus – Wo ist es nur, das Frischgemüse für Berlin?

2014, Mitte Januar – traditionell ein Moment des Feierns: In der Manschnower Fontana-Gärtnerei sind die ersten Tomatenstecklinge der Saison ins Gewächshaus geleitet worden. „Gepflanzt“ würde irgendwie komisch klingen, denn sie werden in Packungen mit modernem Steinwollsubstrat eingesetzt. Das Saatgut dieser Pureza-Tomatensorte stammt aus Holland, berichtet die Märkische Oderzeitung, die diesen fröhlichen Augenblick wie immer treu begleitet – diesmal mit der Überschrift „Geheimnisse der Oderbruchtomate“.

Es scheint, wir sind wieder zurück beim Anfang vor hundert Jahren: In der MOZ-Nachricht handelt es sich, wie damals, um „Manschnow“ und „Tomaten“, um „das Glashaus“ und „Holland“. Laut der Broschüre des niederländischen Veredlers Enza Zaden in Enkhuizen, Traditionsfamilienfirma und Samen-Multinational in einem, ist ihre „Pureza F1“ eine „kräftige Pflanze, einfach zu kultivieren, für den Anbau auf Substrat.

Aus den MOZ-Zeilen steigt ein zeitgemäß grenzüberschreitendes Gefühl auf. Fontana darf, so liest man, das Restgas der Erdölförderstation Gaz de France Suez in Küstrin nutzen. Und das Unternehmen bezieht seine Energie offenbar beiderseits der Oder, also auch aus dem polnischen Boden (über eine geheime Abzapfung? – die Angabe bleibt vage). Wie auch immer, die Manschnower Tomaten seien „seit Jahrzehnten ein ausgesprochener Verkaufsschlager“, so die MOZ.

Und wo kann man diese Tomaten kaufen? Die Regionalzeitung gibt die Antwort: „Beim Blumenhändler oder auf den Märkten. Beim Blumenhändler, damit ist zweifellos das lokale Gartencenter von Frank Schütz gemeint. Er verkauft neben seinen Blumen ja auch schon Vater Walters Hobby-Tomaten. Und sonst, auf dem Markt?

Wo man sie bekommt, das ist wohl das größte Geheimnis dieser Oderbruchtomate. Sie ist zwar im nahen Golzow gesichtet worden, in der multifunktionellen Oderhalle. Die dortige Landwirtschaft baut selber nämlich nur noch Tomaten für die Industrie an. Ansonsten soll es noch ein paar kleine Abnehmer im Oderbruch geben, und einige im Grünen Gürtel um Berlin. Vielleicht steht auch noch jemand mit den Pureza-Tomaten auf einer der Berliner Wochenmärkte. Aber wo denn?

Walter Schütz

Walter Schütz

„Was sich jetzt ‚Fontana‘ nennt, war mal unsere LPG“, sagt Walter Schütz. „Oder besser, die sechs Hektar, die Manschnow davon geblieben sind. Die hat der ehemalige Produktionsleiter der LPG sich unter den Nagel gerissen, will ich mal so sagen. Und der hat sich bei den Holländern ein bisschen umgehört, sprich er hat sich ein paar Ratschläge in Sachen Tomaten geholt.“ Denn frische Tomaten waren zu DDR-Zeiten nur sehr begrenzt zur Verfügung, wie viele bezeugen können. Die Manschnower Tomaten seien „seit Jahrzehnten ein ausgesprochener Verkaufsschlager“ (MOZ)? Offenbar war das nur für einige Wenige, schlangestehend, oder es sind lediglich die Jahrzehnte nach dem Mauerfall gemeint.

Der Kontrast zwischen Fontana und der ehemaligen LPG in Golzow könnte größer nicht sein. In Golzow wurde eine Vorzeige-LPG verwaltet, die mit 6.750 Hektar etwa ein Zehntel des ganzen Oderbruchs ausmachte. Sie war der flächengrößte landwirtschaftliche Betrieb der DDR. „Die LPG-Nachfolgeorganisation, die Landwirtschaft Golzow, hat lange standgehalten“, erzählt Walter Schütz, „aber kürzlich ist sie denn doch übernommen worden.“ Sie ist jetzt eine Tochter der Agrargenossenschaft Odega, die somit der größte Landwirtschaftsbetrieb der Region wurde.

Die Firma Odega wirbt mit dem Spruch: „Wo die Natur noch gesund ist.“ Allerdings verwandelt sich die Natur bei der Firma „Frisch vom Feld ins Fass. Auf der Abbildung sieht man nur Sauerkraut und eingelegte Gurken. Odega vermarktet vor allem Industriegemüse, Konserve und Tiefkühl. Damit lässt sich leichter kalkulieren und verhandeln als mit Frischgemüse. Die paar Hektar Tomaten, die noch angebaut werden, verschwinden anonym im Brandenburger Ketchup.

In Golzow leben heute höchstens noch 850 Menschen. Für sie reichen die benachbarten Manschnower Tomaten bestimmt aus. Die Berliner dagegen finden ihre ehemaligen Frischgemüsegarten Oderbruch statt frisch jetzt in Dosen wieder, tiefgekühlt oder eingelegt in „dekorativen“, „bedienfreundlichen“ Odega-Abdeckfässern, „mit oder ohne Hygieneschutz“, aber auf jedem Fall mit Sauer-, Senf- und Salzdillgeschmack.

Industriegemüse ist Billigproduktion. Es werden kaum noch Arbeitsplätze benötigt; lediglich eine Kraft auf dreißig Hektar ist keine Ausnahme. In 1875 hatte Golzow noch 2061 Einwohner, Tendenz wachsend. Im Jahr 2000 war nur noch die Hälfte übrig. Die Abwanderung im Oderbruch hat seitdem nicht nachgelassen. Was ist von der landwirtschaftlichen Erfolgsgeschichte geblieben? Vom Aufschwung, den einmal der „eingewanderte Holländer Van Spronsen“ mitgeprägt hat, der 1906 beim Golzower Amt aufgetaucht war?

Als Vorzeige-LPG hatte Golzow noch die Ehre gehabt, viele prominente Staatsgäste der DDR zu empfangen. Einer der bedeutendsten Besucher war 1984 der nordkoreanische Präsident nebst Generalsekretär des ZK der PdAK, Kim Il Sung. Allerdings wurde dem Promi vorgetäuscht, er sei in einer anderen LPG als die Golzower, und zwar eine, die er bereits 1956 besucht hatte, und die er nun noch einmal sehen wollte. Das ging aber schlecht, denn diese LPG war 1984 gar kein Musterbetrieb mehr. Also ging’s in die Golzower LPG, die – o, Pech! – incognito blieb, aber der befreundete Diktator war zufrieden (s. Berliner Zeitung, 2013: Wie die DDR-Oberen im Oderbruch den nordkoreanischen Diktator Kim Il Sung an der Nase herumführten).

Ein weiteres Erfolgskapitel im Leben der Golzower Landwirtschaft wurde bekannt, als die EU-Subventionen vor ein paar Jahren veröffentlicht werden mussten. Die LPG-Nachfolge-GmbH hatte zwischen 2002 und 2008 fast 11 Millionen an EU-Subventionen erworben. Die Springerpresse titelte den Beitrag über Brandenburgs EU-Subventionsschlager: „Golzows Kinder sind erwachsen.

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Filmplakat, Die Kinder von Golzow

Das war ein Hinweis auf eine Erfolgsstory anderer Art: die Langzeitdokumentation Die Kinder von Golzow. Das sind zwanzig Filme von Winfried und Barbara Junge über Golzower, die ab 1961, gleich nach dem Mauerbau, über Jahre hinweg und bis ins neue Millennium porträtiert werden. Die fünfzig Filmstunden der DEFA, das Staatsfilmunternehmen der DDR, verschaffen einen einmaligen Einblick ins verstaatlichte Landleben. Die Chronik fängt quasi an, als die „kapitalistische“ van Spronsenfamilie weggezogen ist, und die erste Generation wahrer Sozialisten heranwachsen konnte.

Das Regieteam folgt nicht nur den Idealbürgern. Egal wie engagiert ihr Einsatz für den Sozialismus auch sein mochte: Für alle Golzower kam der Mauerfall wie ein Meuchelmörder. Bis dahin hatten die meisten im Gemüsegarten der DDR eine sichere Arbeitsstelle gefunden, oft in der riesigen Golzower LPG. Der damalige Vorsitzende dieser Vorzeige-LPG und seine Tochter, die spätere DDR-Bürgermeisterin, zeigen in der Dokumentation ihre Frustrationen über die Wende und ihre Folgen für „ihre“ LPG.

Die beiden kontrastieren auf spannende Weise mit dem Werdegang der Landarbeiter. Einer von ihnen, ein schweigsamer, solider Typ, kann sich nach der Wende plötzlich entfalten. Ab 1995 baut er in der Ukraine auf einem ehemaligen Kolchos Kohl an, in einer Art „Joint Venture“ mit der Golzower Landwirtschaft. Sein Jugendfreund, ein weltoffener Mensch, ist, wie viele andere, trotz anhaltenden Versuchen, mit immer schlechteren Jobs über die Runde zu kommen, am Ende der Dokumentation arbeitslos und ziemlich frustriert. Die Kinder von Golzow ist spannendes Kino, visuell mitreißend und selten besserwisserisch.

Indirekt erzählt der Film auch vom Leben der Familie Schütz. Walter und Frank haben, ebenso wie ihre Nachbarn in Golzow, miterlebt, wie das Oderbruch nach dem Mauerfall seinen Charakter geändert hat, insbesondere im letzten Dezennium. Walter Schütz zeigt auf das, was ohnehin ins Auge spingt: Maisfelder ohne Ende, nur unterbrochen von riesigen Sonnenblumenfeldern, leere Wiesen, gelegentlich eine Biogasanlage… alles hier wirkt monoton. Bei einer so langweiligen Infrastruktur denkt man schnell an den Plansozialismus. Walter Schütz korrigiert: „So sieht es hier erst in den letzten Jahren aus. Das war zu DDR-Zeiten alles Produktionsfläche für Gemüse, Getreide, Obst… eine Art Vielfalt. Bis in die kleinste Ecke wuchs irgendetwas. Ich musste das ja alles bewässern.“

„Das bisschen, was zu DDR-Zeiten noch von der Vorkriegsauswahl und Abwechslung in der Landschaft übrig geblieben war“, ergänzt Sohn Frank, „ist nachträglich weitgehend zerstört worden.“ Die Metamorphose der Landschaft ist also jüngeren Datums. Die Menschen im Oderbruch wurden von zwei dramatischen Umwälzungen erfasst: der Wirtschaftskrise und dem Klimawandel. Oder genauer gesagt waren es eigentlich die Reaktionen auf beide Dramen, die in ihrer Wechselwirkung den Boden zum Spekulationsobjekt gemacht haben.

Im Kampf gegen die Erderwärmung ist Biomasse ein wichtiger, weil erneuerbarer, Energieträger. Insbesondere Mais für Biogasanlagen wurde vor knapp zehn Jahren zum neuen Hoffnungsträger. Und im Kampf gegen den Wertverlust ihres Kapitals auf dem unsicheren Finanzmarkt entdeckten Anleger den ostdeutschen Boden als Hoffnungsträger für Investitionen. Landflächen sind in Krisenzeiten eine sichere Investition, vor allem wenn sie dank der stark nachgefragten Biomasse zur überteuerten Mangelware avancieren.

Restanten ‚Klein-Holland‘ in Manschnow II (Foto Annemieke Hendriks)

Restanten ‚Klein-Holland‘ in Manschnow

So machten sich ein paar Holdings daran, das Brandenburger Land unter sich aufzuteilen. Die Bodenpreise waren vor wenigen Jahren, anders als zum Beispiel in Niedersachsen, noch auf Ostblock-Niveau, und außerdem, als ehemaliges „Volkseigentum“, in großen Mengen verfügbar: „Heute investieren. Morgen ernten.“ Heute liegt eine satte Mehrheit der Agrarflächen der neuen Bundesländer in den Händen von nur wenigen Besitzern. In den alten Ländern wäre so eine solche Monopolstellung auf Grund der Eigentumsstrukturen unmöglich. Die neuen Landwirte sind eher Industrielle und Investoren als Bauern. ‚Die neuen Chefs fahren manchmal vorbei – durch Land, mit dem sie nichts verbindet‘, sagt Walter Schütz. „Sie produzieren alles was groß gefördert wird, in erster Linie für Biogasanlagen.“

„Sie“ stammen aus Hamburg oder Homburg, heißen KTG Agrar oder Agrarius und sind börsennotierte Aktiengesellschaften. Für Leistungen mit erneuerbaren Energien kassieren sie alle möglichen Förderungen, Boni und Prämien in Millionenhöhe, vom Bund und der EU. Ihr Bestand wächst jährlich um einige tausend Hektar. Die KTG Agrar AG, zum Beispiel, gehört laut ihres eigenen Presseberichts „mit Anbauflächen von mehr als 30.000 Hektar zu den führenden Produzenten von Agrarrohstoffen in Europa.“

Die neuen Eigentümer sind nicht immer sichtbar. Das Land wird in dem Fall weiterhin verpachtet oder noch unter den Namen des alten Agrarbetriebs bewirtschaftet. Das gilt vor allem, wenn es schon vor der Übername eine starke Marke gab, wie zum Beispiel Frenzel Oderland-Tiefkühlkost in Manschnow – jetzt mehrheitlich im Besitz von KTG. Die Bewohner des Oderbruchs, sie wissen das alles allerdings genau. „Und wieder geht ein Unternehmen von hier in den Kapitalsumpf von unbekannten Investoren über“, wie ein Leser im Forum der Märkische Oderzeitung formuliert.

Frank Schütz hält an erster Stelle das Subventionssystem für diese Entwicklung verantwortlich: „Alle Bauern bekommen Pauschalbeträge pro Hektar, das ist das größte Übel“, seufzt er. „Gartenbau lohnt sich bei uns dann viel weniger als diese Mono-Anbaukulturen, die die Landschaften plattmachen. Die ökologischen Parteien sollten hier gegensteuern, aber gerade die haben sich diese Biogasanlagen ausgedacht, das ist ja das Schizophrene.“

Heute gibt es etwa 7.800 Biogasanlagen in Deutschland – in den Niederlanden sind es kaum 500, und in Ungarn schätzungsweise 50. Die Mehrheit dieser Einrichtungen auf deutschen Boden ist klein und ökologisch sinnvoll, weil wirklich nachhaltig. Sie erzeugen eigenen Strom, und für das Dorf gleich mit, mit biogenen Abfällen und Reststoffen wie Gülle – dazu mit dem Gülle-Bonus belohnt. Aber es gibt auch viele Biogasanlagen, die so viel Kapazität haben, dass es in ihrer Umgebung nicht ausreichend „Futter“ aus organischen Reststoffen für sie gibt, wie Frank Schütz es ausdrückt.

Solche große Biosgasanlagen befinden sich zumeist ausserhalb von Brandenburg. Sie benötigen tausend Tonnen Mais pro Tag, egal woher. Wie praktisch… Gerade dazu gibt es doch die relativ fruchtbaren und leeren Regionen wie das Oderbruch! Der Silomais, der dort angebaut wird, ist die wichtigste Ursache der gestiegenen Bodenpreise. Der Mais wächst nämlich tüchtig im Oderbruch, vor allem wenn die Pflanzen auch noch mit riesigen Mengen Gift quasi Nachhilfe bekommen, von Kunstdünger und Pestiziden und sonstigen chemischen Mitteln. Das ist schließlich „Energiemais“, der wird nicht gegessen, der wird in den Bioanlagen verbrannt, also was soll’s. Am liebsten spendiert man dem Boden schon vorab einen veredelnden Chemiecocktail, damit das Unkraut nicht von bezahlten Arbeitskräften weggepflückt werden muss. Zum Glück der Anleger gibt es in diesem Industriezweig kaum Jobs.

18. Fruit&Logistica Messe Berlin (1) Foto A. Hhendriks_web

Fruit&Logistica Messe Berlin

In ganz Brandenburg steht derzeit auf fast ein Fünftel des Ackerlands Mais. Aber die Verteilung im Bundesland ist ungleichmäßig: das Oderbruch ist ungleich stark vom Maisanbau betroffen. Hinzu kommen noch Sonnenblumen und andere „Silopflanzen“. Seit 2008 sind die Preise für das hiesige Ackerland explodiert, Kauf- und Pachtpreise. Aber der kommerzielle Wert des Bodens liegt noch immer unter dem der alten Bundesrepublik. Gerade deswegen sind die Kapitalanleger ja hinter dem Land im Osten her. Schütz: „Sie kaufen es, und verpachten es dann für viel zu viel Geld an die Bauern, die Land brauchen, und sich darauf bei der Bank hoch verschulden müssen.“

Die gar nicht kleine Golzower Landwirtschaft, Tochter von Odega, ist eine Firma „von hier“ geblieben, so betont die Odega-Leitung immer wieder. Auch sie sah sich mit auslaufenden Pachtverträgen konfrontiert. Ihr blieb nur die Möglichkeit, das Land überteuert zu kaufen, denn sonst wäre es futsch gewesen, und für Einlegegurken, Kohl und Kartoffeln verloren. Aber auch dies passiert: Rinderzüchter und Agrarier stellen sich „freiweillig“ auf Mais um, der attraktiven Gewinne wegen.

Das ist das Grüne Paradox: Die Wende in Richtung der erneuerbaren Energien zerstört die landschaftliche Vielfalt. Die Bewertung der neuen Agrarindustrie im Oderbruch und anderen Orten ist allerdings eine Sache der Perspektive. Die einen sprechen positiv von der neuen „Energielandschaft“ und der „wunderbaren Wertsteigung der Boden“. Die anderen von einer „Goldgräberstimmung“ (Der Spiegel 2010) und von ackerfressenden „Heuschrecken“ (Märkische Allgemeine, 2013).

International wird für diese Spekulation mit Boden der Begriff „Land Grabbing“ gebraucht, „Land ergreifen“ oder „Land an sich raffen“. Die großen Biogasanlagen verschlingen Land, aber der Begriff trifft auch auf die Kapitalanleger zu. Land Grabbing ist ein weltweites Phänomen. Landwirtschaftsfremde Konzerne, wie Fondsgesellschaften oder Banken, investieren in Äcker irgendwo auf der Welt. In der Agrarius-Infobroschüre: „Gerade die noch recht jungen EU-Länder, wie Polen, Tschechien, Bulgarien, die baltischen Länder, und vor allem Rumänien, bieten Unternehmern im Agrarbereich Chancen, die im westlichen Teil Europas weitgehend ausgeschöpft sind.“ Das Versprechen: „Mindestens 10% jährlichen Gewinn.

Rumänien legt, wie Deutschland, aber anders als zum Beispiel Ungarn oder Polen, den ausländischen Investoren keine Steine in den Weg. Der West-Europäer, der ins Oderbruch investiert, profitiert zweifach: Sein Geld ist in der sicheren Bundesrepublik, und gleichzeitig in einem günstigen „jungen EU-Land“ (Brandenburg) unterwegs.

Von Manschnow aus durchblickt Walter Schütz die weltweiten Zusammenhänge recht gut. „Es sind nicht nur die Biogasanlagen, sag ich mal. Was in Südamerika und Afrika angebaut wird, um hier bei uns auf Bio-Ethanol umschalten zu können‚ ersetzt die Nahrungswirtschaft für die hungerende Bevölkerung dort.“ Davon sifft ab und zu etwas in den Medien durch. In Sierra Leone pflanzt gerade eine Schweizer Firma Zuckerrohr für europäischen Biosprit an, also für Diesel und Ethanol. Sie pachtet das Land von Dorfbewohnern, die mit falschen Versprechen abgespeist wurden und ihre Lebensgrundlage verloren. Im Senegal verlieren gerade über 9.000 Bauern ihre Existenz (Wiesen, Wasser, Bäume), für die Biospritplantage einer internationalen Investierungsgruppe.

Wasser gibt’s reichlich im Oderbruch. Aber trotzdem droht das Land gewissermaßen zu verdorren. Denn Nachwuchs für die Region wie Jungbauern, Quereinsteiger oder auch Öko-Kleinbauern können sich kaum neues Land leisten. Und der großflächige Anbau für Biogasanlagen sonstwo schafft keine Arbeitsstellen. Er führt eher zu einer Reduktion der noch existierenden land- und gartenwirtschaftlichen Facharbeit.

Mit Aktionen wie „Bauer sucht Land“ fordern ostdeutsche Nachwuchsbauern „Schluss mit Land Grabbing“ und „eine faire Chance beim Zugang zu Agrarland. Das Paradox der Biogasanlagen, wenigstens in der heutigen, extremen Praxis, wird unterdessen auch von den ehemaligen Grünen Befürwortern anerkannt. Sicher, es muss ausreichend Biogas produziert werden, eine der Bedingungen um die Klimaziele zu erfüllen. Aber der Mais für diese Bio-Energie wird gegen alle Öko/Bio-Prinzipien produziert. Allein schon der übliche Dünger – Stickstoff – produziert Lachgasemissionen, die laut mehreren Forschungsberichten 300 Mal stärker als CO2 sind. Wie erneuerbar ist ausgeschöpfter, schwer kontaminierter, und dazu noch überteuerter Boden? Das fragen sich Vater und Sohn Schütz, und noch manch anderer Bewohner des Oderbruchs.

Auch die Fruchtfolge, die Abwechslung der Gewächse zum Erhalt eines gesunden Erdebodens, wird bei Energiemais oft nicht eingehalten. Dafür könnten die Großinvestoren zwar mit Entzug der klassischen EU-Quadratmetersubvention bestraft werden. Aber den Gewinn plus Fördergelder für den unablässigen Anbau kompensieren diesen Verlust offenbar reichlich. Wenn die Fruchtfolge nicht respektiert wird, muss auf den ausgezehrten Boden allerdings noch mehr gespritzt werden.

Ein Beamter vom Landesumweltamt steht in der Brandenburger Schorfheide zwischen den Energiemaisflächen. Er belegt und kommentiert den Schaden der Biogashausse für dieses Naturschutzgebiet. Abertausende Hektar jährlich erwirbt die Agrarindustrie allein schon in Brandenburg. Das „Biosphärenreservat“ Schorfheide-Chorin, fünfzig Kilometer vom Oderbruch entfernt, müsste in der Zukunft sein Adjektiv „Biosphären“ („Raum zum Leben“) ablegen, wenn nicht grundsätzlich eingegriffen wird. Die Landschaft wird steril sein, eine artenfeindliche Wüste, so der Tenor seiner Worte.

Diese Szene ist einem Dokumentarfilm entnommen, der Climate Crimes heiß, Umweltverbrechen und Vertreibung im Namen des Klimaschutzes. Die österreichischen Filmemacher Ulrich Eichelmann und Christoph Walder fanden die geeigneten Drehorte für ihre Dokumentation aus dem Jahr 2011 in Brasilien, dem Irak und Indonesien, im Osten der Türkei… und im Osten Deutschlands.

Drei Jahre später tritt Brandenburgs Wirtschaftsminister auf einer Veranstaltung für ausländische Journalisten zum Thema Energiepolitik auf. Der Landesminister spricht über fossile und erneuerbare Energien. Über die Biogasanlagen verliert er kein Wort. Auf direkte Nachfrage hin fällt ihm lediglich ein, neben Mais könne man andere, schnellwachsende Energiepflanzen verwenden, die den Boden weniger auszehren…

Der Minister gehört der Linkspartei an. Hätte man von ihm nicht eher Kritik am „Kapitalsumpf“, wie es Kritiker nennen, erwartet? Wieso hat er nicht geantwortet, es sei „neuer Großgrundbesitz entstanden, schlimmer als im Feudalismus“, wie es sogar Wissenschaftler schon formuliert haben? Oder auch nur „dass Bodenspekulation Arbeitsstellen kostet“?

Wenn der Landeswirtschaftsminister etwas derartiges geantwortet hätte, würde man ihm, als Linken, vermutlich nicht mehr um die Ohren schlagen, dass manche der damaligen „roten Junker“, die LPG-Chefs der DDR, das volkseigene Land nach der Wende zu subventionierten Preise erwerben konnten – wie Walter und Frank Schütz bezeugen. Diese Großgrundbesitzer waren später in der komfortablen Lage, das ehemalige LPG-Land für ein Vielfaches des Kaufpreises an die Hamburger und Homburger Aktiengesellschaften zu verkaufen.

Ein interessantes Detail ist dabei, das die Besitzer, egal ob Personen oder Firmen, mit der BVVG verhandelten. Die Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH ist ein staatliches Unternehmen, das die einst volkseigenen Felder und Forste privatisiert. Sie ist ein Nachfolgeunternehmen der Treuhandanstalt, die zuvor mit der Abwicklung der DDR-Betriebe beauftragt war. Die BVVG hat als politischen Auftrag, erstens die bestmöglichen Preise zu erzielen, und zweitens vor 2025 alle Privatisierungen abzuwickeln.

Internationale Grüne Woche Berlin 2011

Fruit&Logistica Messe Berlin

In den letzten Jahren sind die Preise für Ackerland in Brandenburg pro Jahr um fast zehn Prozent gestiegen, hat die BVVG berechnet. Im Februar 2014 konnte sie der Presse selbstzufrieden mitteilen, dass die Äcker und Wälder in Brandenburg „wieder wertvoller“ geworden sind. Das frühere DDR-Staatseigentum war binnen eines Jahres durchschnittlich um 23 Prozent teurer geworden. Die BVVG hat 2013 für Brandenburg mittels Landverkauf 118 Millionen Euro eingenommen.

Beim Umweltbundesamt werden andere Ziele verfolgt. Auf Energie aus Feldfrüchten, ganz gleich ob für Biosprit oder Biogas, „sollte man besser ganz verzichten“, warnte ein Sprecher des Amtes Anfang 2014 in einem Tageschau-Beitrag im deutschen Fernsehen. Sollte, hätte, Fahrradkette… Was wird nun werden? Am 27. Juni 2014 hat eine Bundestagsabstimmung zur EEG-Reform, dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz, stattgefunden. Die Biogasanlagen hatten dort, das war deutlich, keine Priorität. Es sieht zurzeit so aus, dass den schon exitierenden Anlagen wenig in den Weg gelegt wird; die Größten unter ihnen müssen höchstens mit weniger Boni rechnen. Eine grundsätzliche Kehrtwende der jetzigen Situation ist allein schon juristisch kaum durchsetzbar. Für Neuanlagen werden die Bundesförderungen für Strom aus Energiepflanzen allerdings wohl beschränkt werden.

Das Gesetz ist allerdings noch nicht ganz ausverhandelt, zudem muss es noch mit der EU-Regelgebung abgestimmt werden. Die Berichterstattung ist deswegen zumeist ziemlich vage oder gar widersprüchlich. Laut dem Fachverband Biogas, Europas größter Interessenvertretung der Biogas-Branche, gefährden die Reformpläne, wegfallender Förderungen („Schutz“) wegen, die Existenz hunderter größerer Biogasanlagen, wie auch den Neuanlagenbau. Das ist natürlich Lobbysprache. Und was wären schon hunderte Anlagen, die nicht mal verboten werden, sondern weniger Zuschüsse bekämen, in Relation mit dem Bestand von 7800?

Aus Brüssel ist eine grundsätzliche Wende in der Energiepolitik ebenfalls nicht zu erwarten. Die Reform der „Gemeinsamen europäischen Agrarpolitik“ (GAP) ist nicht gerade revolutionär ausgefallen, und sie bietet den Staaten zudem nur einen wenig verbindlichen Rahmen. Die „Vermaisung“ der Felder wird nicht grundsätzlich gestoppt werden.

Zusätzlich gibt’s noch der neue UNO-Bericht zum Klimawandel, der im April 2014 ausgerechnet in Berlin erstellt wurde. In diesem Bericht der Vereinten Nationen heißt es, die weltweite CO2-Emission sei in den vergangenen zehn Jahren so stark gestiegen wie nie zuvor. Die Menschheit müsse dringend handeln. Aber wie denn, wenn die erneuerbaren Energien, die allgemein als Lösung gesehen werden, schon im Oderbruch solche gravierenden Nebenwirkungen haben? Der deutsche „Atomausstieg“ bringt riesige Dilemmas hervor. Eine der Alternativen für Biogas, die Umweltkatastrophe Braunkohle, erlebt bereits eine Wiedergeburt – oder, besser formuliert, ist zurück von nie weggewesen sein.

Gemüsebusiness in den Niederlanden - foto A.Hendriks_web

Gemüsebusiness in den Niederlanden

Viele Verbraucher sehen in der „Regionalisierung“ der Nahrung ein konkretes Mittel, Gutes für die Umwelt zu tun. Frischwaren, die „von hier“ kommen, haben keine langen Transportwege hinter sich und verursachen somit weniger zerstörerische CO2-Emissionen. Dieser positive Effekt geht allerdings bei geheiztem Gewächshausgemüse, wie zum Beispiel Tomaten, verloren: sonnengereifte Exemplare, die von weither kommen, sind in dieser Hinsicht nachhaltiger als geheizte von hier. Wie auch immer, „Local for local“ liegt voll im Trend, in Deutschland allerdings mehr als in der Exportnation Niederlande.

Aber zwischen Traum und Tat liegen Welten. Frank Schütz hält solche Regionalisierungswünsche für wirklichkeitsfremd. Die Entwicklungen im Oderbruch sind eher auf eine Ent-Regionalisierung hinaus gelaufen. Schütz hat sie in ein Paradox gefasst: „Zu DDR-Zeiten“, sagt er, „waren Regionalprodukte gar nicht gefragt. Aber es gab sie. Heute ist regional und frisch die Norm. Und was sehen wir? Die Berliner werden kaum noch mit unseren Frischgemüsen beliefert. Siebzig Kilometer von Berlin entfernt, schaffen wir es heute nicht mehr, die Stadt mit Frischwaren zu versorgen. Das ist absurd.“

Schütz fragt sich, warum statt der Berliner Bevölkerung die Biogasanalagen die frischen Landwirtschaftsprodukte konsumieren. Berlin hat heute schließlich weniger Einwohner als noch vor dem Zweiten Weltkrieg, die Blütezeit der Spronsen-Gärtnereien im Oderbruch. Die logische Folgefrage hat Schütz so formuliert: „Wie kann es sein, dass man heute aus den Niederlanden billigere Tomaten auf den ostdeutschen Markt bringen kann, als wir selbst produzieren können?“

Es ist wahr: Nur der Berliner, der sehr lange und fanatisch sucht, wird vielleicht irgendwann einmal im Supermarkt auf Regionaltomaten treffen, zwischen all der Tomatengewalt aus den Niederlanden, aus Spanien und sonstwoher. Und dann wird er sie nicht einmal identifizieren können, diese raren Gewächshaustomaten aus dem Oderbruch. Er wird nur lesen „Brandenburg“ und „Abgepackt bei Werder Frucht“. Werder liegt weit vom Oderbruch entfernt, bei Potsdam. Der Verbraucher erfährt nicht, dass just diese Tomaten aus Wollup im Oderbruch stammen.

Nun waren ausgerechnet Frischtomaten aus dem Oderbruch auch zu DDR-Zeiten, wie gesagt, schon Mangelware. Aber Konkurrenz von Tomaten aus dem kapitalistischen Ausland gab es damals wenigstens nicht, wie Schütz höhnisch feststellt. Ebenso unbekannt war in der Deutschen Demokratischen Republik die Bodenspekulation, wie auch die Politik der erneuerbaren Energien, deren unbeabsichtigte Folge sie ist. Was heute auf dem Land produziert wird, folgt einer anderen Logik, als noch bei den van Spronsens oder in der DDR. Diese Logik der Gegenwart stimmt Menschen wie Schütz ein wenig traurig.

In den Niederlanden sind frische Regionalprodukte nicht so gefragt wie in Deutschland. Aber es gibt sie massenhaft, ungeachtet hoher Arbeitskosten. Das Westland könnte tausende Großstädte mit Gemüse versorgen. Aber die Einwohner der umliegende Städte Den Haag und Rotterdam kaufen genau so gern Tomaten aus Spanien oder sogar aus dem Senegal oder Marokko – von je weiter sie kommen, desto billiger – als aus der Gläsernen Stadt, seinem ‚Gemüsegarten‘ nebenan. Genau das hat Frank Schütz aus Manschnow festgestellt: Der Regionaltrend ist im heutigen Europa eher whishful thinking, salbungsvolle Theorie.

 

Epilog und Ausblick

Zum Buch Biografie der Tomate – Vom Samen bis zum Superstar auf dem europäischen Markt (Werktitel)

Frank Schütz hat einige Kernfragen angeschnitten, die im Buch Biografie der Tomate* in ihren verschiedenen Facetten analysiert werden. Etwas allgemeiner formuliert: Wieso wird heutzutage die Großstadt weniger mit Frischwaren aus der Region versorgt als früher, und warum sind zum Beispiel Tomaten aus den Niederlanden meist billiger als die „heimischen“?

Regionale Balkonzucht in Berlin mit ungarischen Paprikas - Foto A. Hendriks_web

Regionale Balkonzucht in Berlin mit ungarischen Paprikas

Viele Deutsche und Österreicher stellen sich die gleiche Frage, Niederländer hingegen eher selten. In meiner Wahlheimat Berlin hat man meist eine schnelle Antwort parat, und in Wien möglichst noch schneller, wie ich dort 2013 erlebt habe, während meines Visiting Fellowship am Institut für die Wissenschaften vom Menschen. Diese Antwort lautete fast immer: „Aber Annemieke, das ist doch, weil die Tomaten, die ihr um die Welt schickt, so beschissen sind“.

Ja, ich bin Niederländerin. Und nein, ich schreibe kein Promotion-Buch für die holländische Tomate. Aber diese Antwort ist wirklich etwas zu kurz gegriffen, „kurz um die Kurve“ sagt man auf Niederländisch („kort door de bocht“). Ich habe dann meistens provozierend geantwortet: „Die Niederländer produzieren genau die Tomaten, sehr aromatische ebenso wie sehr geschmackslose, die ihr Deutschen und Österreicher von ihnen verlangt“.

Es gibt nicht die eine richtige Antwort auf die Fragen von Frank Schütz. In der Wirklichkeit des Frischgemüses geht es, wie aus dem Prolog hervorgeht, selten monokausal zu. Wo ich Ursachen auf die Spur gekommen bin, habe ich bemerkt, dass sie eher selten auf das Handeln von einzelnen Menschen, Berufsgruppen oder auch Regierungen und Institutionen zurückzuführen sind. Es gibt beim Werdegang der Tomate sozial-wirtschaftliche Ursachen und politische Entwicklungen, es gibt handelnde Menschen, und es gibt sowohl gewollte als auch nicht beabsichtigte Folgen.

Im Prolog habe ich versucht, einige dieser Faktoren in ihrem Zusammenhang zu skizzieren: anhand einer grenzüberschreitenden Familiengeschichte. Hier ging es mir weniger um die Tomate als, allgemeiner, um die Entwicklungen des Gartenbaus in Europa, im Kontext des letzten Jahrhunderts. Die Paprikas von Sandor Kosdi zum Beispiel haben etwa den gleichen europäischen Werdegang, wie er selbst: Der Samen war irgendeinmal ungarisch und ist, nach fruchtbarem Umherirren in den Niederlanden, quasi veredelt in die ungarische Puszta zurückgekehrt.

Die Wirklichkeit von sowohl Kosdi als auch seinen Paprikas ist allerdings weniger romantisch, und zudem viel komplexer. Auf der Suche nach grundsätzlichen Erklärungen für die scheinbaren Ungereimtheiten und Absurditäten, die die Frischgemüsebranche hervorbringt, lohnt sich ein Blick über die Grenzen – mehr Grenzen als im Prolog schon überschritten wurden. Im bevorstehenden Buch werden die Fragen, die beim Lesen des Prologs aufgezeigt wurden, an Hand der Tomate analysiert und wo möglich auch beantwortet. Die Tomate ist hier das Symbol für die Paradoxe der europäischen Frischnahrungswelt schlechthin.

Nahrung ist ohnehin ein heikles Thema. Es existieren in dem Bereich viele Vorurteile und Missverständnisse, manche ziemlich hartnäckig und faktenfremd. Um die so geliebte Tomate kochen die Emotionen allerdings besonders hoch. Viele sprechen zum Beispiel von der „schrecklichen Gentomate“ – aber gibt es sie denn wirklich? Wo hört die Wahrheit auf und fängt die Fiktion an? Und wo liegen die wirklichen Gefahren der Frischnahrungsströme für die Verbraucher, die Produzenten, die Umwelt, und die Welt jenseits Europa? Welche Mythen werden von der Bio-Industrie gefüttert, sowohl „Bio“ im Sinne von „Techno“, als auch im Sinne von „Öko“? Was sind die positiven Seiten der innovativen Tomatenwissenschaft? Und wer bestimmt, oder manipuliert, all dieses Wissen?

Ich habe fünf Jahre gebraucht, um den europäischen Frischgemüsehandel einigermaßen zu begreifen. Dazu habe ich einem Dutzend ost- und westeuropäischen Staaten recherchiert. Vor Ort habe ich mit den unterschiedlichsten Professionals in der Tomatenbranche gesprochen, vom Samenveredler bis zum Subventionsverteiler, vom Züchter bis zum Zeitarbeiter, und vom Gewächshausbauerm bis zum Geschmackstester, Gemüsehändler und Gentech-Biologen. Ich bin herumgelaufen, habe geschaut und gelesen. Und ja, auch probiert habe ich. Ich lasse mich beim Testen von Tomaten allerdings genau so verführen wie alle. In einem mediterranen Hafen bei Sonnenuntergang schmecken sogar höchstgiftige lokale Tomaten ohne Geschmack wunderbar, wenn reichlich in Olivenöl und Schafskäse getaucht.

Oft wird Recherchejournalistik, „investigative journalism“, beschrieben als die Aufdeckung großer Skandale. In meinem Buch geht es eher darum, dass die Absurditäten, d.h. die geplanten sowohl wie die unerwünschten Folgen der Frischnahrungsströme in Europa, sich innerhalb eines legalen Rahmens abspielen. Abgesehen von ein paar schwarzen Schafen in der Branche, wird es keine Aufdeckung einer Tomatenmaffia geben. Nein, auch keiner niederländischen, obwohl man in den deutschsprachigen Ländern meint, dass die Niederländer den guten Geschmack mit Absicht herausfordern. Zugegeben, die Züchter versuchen natürlich schon „vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden“.

Die Tomate ist das beliebteste Gemüse schlechthin (manche sagen „Obst“, aber diese Diskussion ist belanglos). Deswegen könnte man sich fragen, ob das Skandalöse in diesem Buch nicht eher darin liegt, dass das europäische Frischgemüsegeschäft, das für viele kleine Züchter, wie auch für manchen anderen Europäer, so negative Folgen hat, sich innerhalb des demokratisch legitimierten Rahmens der Europäischen Union abspielt. Und Nein, mit diesem Einwand wird nicht die Existenz der (erweiterten) EU an sich infrage gestellt.

Ich schreibe ein Buch über Tomaten, das auch Porträts über Menschen bietet. Ich will die Spieler auf dem Feld verstehen. Es ist keine wissenschaftliche Studie, sondern eine journalistische: eine, die wissenschaftliche Daten neben vielen anderen Daten verwendet. „Slow Journalism“, nennen manche meine Herangehensweise. Ich betrachte das als Kompliment. Die Tomate ist nämlich „Very Fast Food“. Sie bewegt sich dermaßen schnell über den europäischen Kontinent, dass man andauernd auf die Bremse treten muss, um alles zu verstehen.

Die europäischen Profis, die ich ausführlich gesprochen habe, betreiben ihr Geschäft mit Leib und Seele. Die meisten waren gern bereit, ihren Lebenslauf sowie ihre Sorgen und Träume mit mir zu teilen – auch jenseits ihrer wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Eigeninteressen. Gemeinsam liefern die Experten das Bild einer Kette von Ereignissen im Tomatenleben – von ihrer Geburt bis zu ihrem Ende, wenn sie gegessen wird. Auch der Verbraucher hat, so betrachtet, als Endstation eine Macht, die weiter reicht als das rituelle Klagen über das, was man trotzdem immer wieder kauft.

Moderne Paprikabusiness in Norddeutschland - Foto-A. Hendriks_web

Moderne Paprikabusiness in Norddeutschland

Abschließend taucht jedoch noch eine weitere dringende Frage auf. Es ist eher eine philosophische Frage, aber sie spielt im Frischgemüsehandel eine entscheidende Rolle: die Frage nach der nationalen Identität der Waren. Die Samen für die so ungarischen Spitzpaprikas kommen heute, wie schon erwähnt, gutenteils aus den Niederlanden. Auch Die niederländische Tomate ist überall in Europa präsent, auch wenn man sich dessen nicht bewusst ist. Als Samen kann sie, zum Beispiel, vermummt als „typisch rumänische rosa Tomate“ auftauchen. Auch als Steckling kann sie reisen, wie zum Beispiel ins Oderbruch.

Wir alle reden von deutschen, österreichischen und niederländischen Tomaten, so als ob deren nationale oder regionale Identität eine ausgemachte Sache sei. Der Herkunftsbeleg ist für viele wohl das allerwichtigste, und damit wird heftig geworben. „Wir essen nur österreichische Tomaten“ – wie oft ich das nicht in Wien gehört habe. Da habe ich auch mal mürrisch geantwortet: „It’s the seed, stupid!

Der Verkaufsmanager eines nagelneuen Tomatengewächshauses im Norden Deutschlands Gab mir diese Antwort auf die Frage nach der Identität seiner Tomaten. „Ob unsere Tomaten deutsche sind? Selbstverständlich, denn sie wachsen hier, also auf deutschem Boden. Das sehen die Verbraucher gern! Aber tatsächlich ist das Gewächshaus von Holländern gebaut worden, die ganze Technologie ist niederländisch und flämisch, die Stecklinge stammen aus Holland… Die Hummeln und die biologischen Schädlingsbekämpfer, wie die Wanzen die hier herumfliegen, all diese Nützlinge sind ebenfalls niederländischer Herkunft. Ja, eigentlich sind nur die Schädlinge, die zu bekämpfen sind, echt deutsch.“

Einmal von der deutschen Steinwolle abgesehen, auf der die Tomaten wachsen – das konnte er, zu seiner Erleichterung, später noch hinzuzufügen. Ja, es gibt EU-Herkunft-Richtlinien, aber die sind bei einer solchen fundamental-philosophischen Frage nicht wirklich hilfreich. Dies ist nur eine der vielen Absurditäten in der Frischnahrungswelt: Alle reden von ihren, zumeist wunderbaren, nationalen Tomaten, auch wenn weder „Blut“ (Samen) noch „Boden“ (Substratpackungen) aus dem Land stammen.

Niederländer sind in der Hinsicht pragmatisch. Auch wenn ein Drittel bis die Hälfte der weltweit verwendeten Tomatensamen in Holland veredelt, also hergestellt worden ist, gönnt man allen Staaten ihren landeseigenen Tomaten. Früher in ihren Kolonien haben die Niederländer ja gelernt, dass es profitabel ist, so zu tun, als ob der Dorfnomenklatura das Sagen hat, statt sie selbst.

Gibt’s für die fehlerhafte Blut-und Boden-Theorie was Besseres? Wird die Identität der Tomate vielleicht vom Himmel bestimmt, unter dem sie wächst? Oder von der Nahrung, die ihr über Nabelschnur zugedient wird? Und sind nicht gar die Tomaten in den holländischen Gewächshäusern wenigstens teilweise polnisch geworden, weil sie ihren Reifegrad nur durch die liebevollen Hege und Pflege der vielen Polen, die dort arbeiten, erreichen konnten?

Das europäische Tomatenbusiness pfeift auf Grenzen – gerade das macht seinen Erfolg aus. Und auch die meisten der betroffenen Professionals haben lernen müssen, über Grenzen zu blicken. Aber sind nicht wir alle längst zu europäischen Staatsbürgern und somit Verbrauchern geworden, im Osten wie im Westen? Geschäfte schaffen es mühelos, die alte ideologische Mauer zu durchbrechen. Das hat man allerdings nun wieder in Deutschland besser verstanden als in den Niederlanden, wo zurzeit ein recht euroskeptischer Ton herrscht. Warum erklären die niederländischen Politiker uns nicht, dass „wir“, genau wie in „unserem goldenen siebzehnten Jahrhundert“, fast den ganzen Reichtum dem ausländischen Handel zu verdanken haben? Wo wäre die holländische Tomate ohne Europa?!

Textredaktion: Ute Schürings

* Das Buch Biografie van de tomaatVom Samen bis zum Superstar auf dem europäischen Markt (Werktitel) wird September 2015 auf Niederländisch erscheinen (Verlag Nieuw Amsterdam). Über eine deutsche Fassung Biographie der Tomate sind noch keine Vereinbarungen getroffen worden.


annemieke hendriks

Annemieke Hendriks lebt und arbeitet als freie Schriftstellerin in Berlin und Amerstdam. Von April bis Juni 2013 war sie Milena Jesenská Visiting Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen, wo Teile ihres jüngstens Buchs “Biografie der Tomate – Vom Samen bis zum Superstar auf dem europäischen Markt” (Werktitel) entstanden sind. Das Buchprojekt, dessen Prolog hier vorgestellt wird, wurde ermöglicht mit freundlicher Unterstützung von: