Daheim an der Nordseeküste. Helga Kosdi-van Spronsen und ihre Odyssee

Ehemalige Spronsen-Villa in Manschnow - Foto A. Hendriks

Ehemalige Spronsen-Villa in Manschnow

„Wir? Ach nein. Wir haben in Manschnow nie in einer Villa gewohnt. Hör mal, dafür waren wir viel zu arm.“ Helga Kosdi-van Spronsen hat sich die Fotos einer verfallenen Villa in Manschnow angesehen. Walter Schütz, Sohn eines Gärtners, der in diesem Dorf noch für die van Spronsens gearbeitet hat, wusste, dass das betreffende Gebäude dem holländischen Gärtnergeschlecht gehört hatte, dem Helga entsprossen ist. Doch sie hatten im deutschen Oderbruch zwischen ungefähr 1905 und 1955 eine ziemlich große Familie gebildet. „Ich glaube, dass der Bruder meines Vaters, der im Krieg gefallen ist, da gewohnt hat“, erzählt Helga Kosdi-van Spronsen in ihrem Haus in der Randstad, dem großstädtischen Ballungsraum im Westen der Niederlande. Es muss Piet gewesen sein, der für die Deutschen gekämpft hat und vermutlich selbst Deutscher war und in russischer Erde zurückblieb. „Daran, wo wir selbst gewohnt haben, kann ich mich nicht erinnern. Jedenfalls nicht in einer vornehmen Gegend. Mein Vater war mit einem Bauernmädel aus Manschnow verheiratet.“

Helga ist die Enkelin Willem van Spronsens, einem der legendären Brüder, die dem Gartenbau im Oderbruch ein neues, gläsernes Leben eingehaucht haben. „Mein Opa Willem war um 1900 Gurkenzüchter in Loosduinen. Sein Opa war, glaube ich, auch schon Gärtner. Sie sind um 1905 herum bewusst aus dem Westland Richtung Berlin emigriert. Denn diese Stadt wäre ein schöner Absatzmarkt, haben sie sich gedacht, dagegen war Den Haag nichts!“

Das holländische Westland II- Foto Annemieke Hendriks_web

Das holländische Westland

Über die Loosduinse Vaart brachten die Gärtner aus dem Westland seinerzeit ihr Gemüse ins Zentrum von Den Haag. Von diesem Kanal ist fast nichts mehr übrig, ebenso wenig, wie von dem alten Dorf Loosduinen. Das Westland ist inzwischen fest an Den Haag angebunden. Aus der Gläsernen Stadt ist ein Asphaltierter Gläserner Greenport geworden, der sich bis Rotterdam erstreckt.

Wegbereiter Willem van Spronsen war mit den neuesten Gartenbautechniken in der Westentasche in den Oderbruch gezogen. In den letzten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts hatte er sich mit anderen jungen, ehrgeizigen Gärtnern aus den Niederlanden und Flandern in England von den Neuerungen auf seinem Fachgebiet inspirieren lassen. Die Briten hatten ein Verfahren entwickelt, um verhältnismäßig preiswert große, stabile Glasplatten zu fabrizieren. Sie experimentierten dort sogar bereits mit dampfbeheizten Gewächshäusern aus Glas für Tomaten, Gurken und Trauben.

So kam Helga van Spronsen im Oderbruch zur Welt, als dieser so holländisch anmutende Polder bereits längst zum Gemüsegarten Berlins geworden war. Das war 1938, im Regionalkrankenhaus in Küstrin, „das jetzt zu Polen gehört“, wie sie mit Erstaunen bemerkt. 1946 ist sie mit ihrem Vater Henk van Spronsen und ihrer Mutter Irmgard, geborene Tornow, in die Niederlande geflüchtet. „Ich habe nicht viele Erinnerungen an diese Zeit“, sagt sie. „Aber den riesigen, hohen Schornstein unserer Gärtnerei, den sehe ich noch immer vor mir.“

Sie weiß auch noch, wie ihre Eltern alles vorbereiteten, um jeden Moment weg zu können. Das muss schon im Frühjahr 1945 gewesen sein. „Ich erinnere mich, dass wir, für den Fall, dass die Russen schießen würden, eine Matratze an die Wand gestellt hatten.“ Doch man ging nicht einfach so weg. „Was da bei uns in Manschnow nicht alles wuchs: Gurken, Kohl, Tomaten und noch vieles mehr – wirklich alles.“ Nein, sagt sie, von ihrem Land hätten sie nach dem Fall der Mauer keinen Cent zurückbekommen. Doch die Familie hat sich, soweit sie weiß, auch nicht wirklich darum bemüht. Sie selbst ganz bestimmt nicht. Dafür ist ihr weiteres Leben viel zu turbulent verlaufen, wobei sie auch noch ein paar Grenzen überwinden musste.

Der Krieg hatte aus dem Oderbruch eine verwüstete Landschaft gemacht. Manschnow, an der Reichsstraße 1 gelegen, befand sich Ende März 1945 an der direkten Route der Roten Armee nach Berlin. Nach der Befreiung war die Zukunft außerordentlich unsicher in dieser von der Sowjetarmee besetzten Zone Deutschlands. Die jüngere Generation der van Spronsens, einschließlich Helgas Eltern, waren die Ersten in der Familie, die den Sprung über die Grenze wagten. Die Niederlande waren ein völlig neues Gebiet für sie, nicht nur für die kleine Helga und ihre deutsche Mutter. Auch Vater Henk, Jahrgang 1907, hatte sein Leben bis dahin im Deutschen Reich verbracht, das nun untergegangen war.

Ob es wirklich eine „Flucht“ war, ist nicht ganz deutlich. Sie konnten weg – vermutlich hatte Henk van Spronsen noch einen niederländischen Pass. Ursula, Helgas jüngere Cousine, sieht noch Fetzen von Bildern des beginnenden Frühjahrs 1945 vor sich – sie war damals vier. Ursula ist die Tochter von Kees (Cornelis), des Bruders von Helgas Vater. Es sind Blitzlichter voller Bedrohung und Gewalt. Eines der beiden Pferde und der Hund wurden abgeschlachtet, erzählt sie in Amsterdam. Mit dem Wagen, gezogen von dem zweiten Pferd, ging es eilends Richtung Niederlande, und Ursula saß, zu ihrer eigenen Sicherheit, festgebunden auf dem Wagen.

Ursulas Vater sollte viele Nachkriegsjahre lang als Lohnarbeiter Kartoffeln roden. Auch Helgas Vater fand in Holland keinen herzlichen Empfang. „Wir hatten natürlich noch Verwandtschaft im Westland, im Gartenbau“, erzählt Helga Kosdi-van Spronsen, „aber auch da herrschte so kurz nach dem Krieg äußerste Armut. Ein Jahr später, 1947, waren wir schon in Brasilien.“

In ganz Mitteleuropa war das Ende des Zweiten Weltkriegs der Beginn einer Zeit der Flucht und Vertreibung. Die damals noch vereinten alliierten Mächte aus Ost und West verschlossen ihre Augen vor ethnischer Gewalt, insbesondere, wenn sie sich gegen Minderheiten der besiegten Staaten (Deutsche, Ungarn, usw.) richtete. Die Alliierten glaubten, dass ethnisch homogene Staaten die beste Garantie für eine friedliche europäische Zukunft bildeten.

So wurde Gergely Kosdi schließlich in die Arme von Helga van Spronsen getrieben. Beide waren mehrfach heimatlos geworden. Und für beide stellten die Niederlande der Nachkriegsjahre das Gelobte Land dar. Die Niederlande bedeuteten Freiheit – wenn auch für Gergely auf andere Weise als für Helga, wie sich gleich noch zeigen wird. Wäre der achtjährige Gergely Kosdi nicht 1945 mit seinen Eltern aus der Tschechoslowakei nach Ungarn vertrieben worden, und wäre er nicht 1956 in die Niederlande geflüchtet, gäbe es heute keinen Sohn Sandor Kosdi, der in Ungarn Paprikas züchtet.

Die ungarischen Kosdis wohnten in Komárom an der Donau. Das lag bis 1918 im Herzen der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, zwischen Pressburg und Budapest. Doch nach dem Ersten Weltkrieg entstand die Tschechoslowakische Republik. Die alte ungarische Krönungsstadt Pressburg/Pozsony wurde in das slawischer klingende Bratislava umgetauft, und die neue Staatsgrenze zog sich teilweise entlang der Donau. Leider lief diese Staatsgrenze genau durch Komárom. Plötzlich gab es zwei Stadtteile: nördlich der Donau das tschechoslowakische Komárno, und am südlichen Flussufer das ungarische Komárom. Im Zweiten Weltkrieg gelang es Ungarn, die ganze Stadt wieder in seine Gewalt zu bringen, doch 1945 wurde die Vorkriegssituation wiederhergestellt.

Das holländische Westland - Foto Annemieke Hendriks_web

Das holländische Westland

Sandor Kosdi wies darauf hin, dass nicht weit von Komárno in der heutigen Slowakei ein Dorf liegt, dass Kosd heißt. Doch die Tatsache, dass sie aus der Region stammten, half seinen Großeltern und dem Vater 1945 keineswegs. Sie wurden, als politisch widerspenstige Ungarn, zusammen mit vielen Schicksalsgenossen aus Komárno nach Ungarn vertrieben. Sie durften jedoch nicht auf der anderen Seite der Brücke, in Komárom, wohnen. Als subversive Elemente mussten sie sich in Südungarn niederlassen. Dort war es leer, weil die meisten ethnischen Deutsch-Ungarn, die dort bereits seit ein paar Jahrhunderten zu Hause waren, ihrerseits aus ihrem Land vertrieben wurden.

Beide Volksrepubliken, die ungarische und die tschechoslowakische, lagen an der unfreien Ostseite des neu entstandenen „Eisernen Vorhangs“. Die Brücke über die Donau zwischen Komárom und Komárno hieß „Brücke der Freundschaft“. Doch sie war die meiste Zeit ebenso unpassierbar wie die gleichnamigen Brücken über die Oder und die Neiße zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen. Im Jahr 1956 hegte der neunzehnjährige Gergely Kosdi noch wenig Sehnsucht nach seiner Geburtsstadt, die zu beiden Seiten der Donau diktatorisch regiert wurde. Im Herbst jenes Jahres wurde der große ungarische Volksaufstand gegen das kommunistische Regime niedergeschlagen. Kosdi gelang es, über Österreich in die Niederlande zu gelangen. Er hatte eine Wochenschau gesehen, die ein nahezu futuristisches Bild des niederländischen Gartenbaus vermittelte. Hier lag seine Zukunft! So fand Gergely Kosdi seinen Weg in die Gläserne Stadt. Er landete in Loosduinen und arbeitete schon bald in den Gurkengewächshäusern.

Helga van Spronsen sind die heißesten Jahre des Kalten Kriegs entgangen. 1956 lebte sie noch in Brasilien und kämpfte mit ganz anderen Problemen. Sie hatte ihre Mutter nicht umsonst – und bewusst unfreundlich – als „Bauernmädel“ bezeichnet. Sie habe, sagt sie, „keine Träne vergossen, als sie starb.“ Ihre Mutter ist vor kurzem, 2013, gestorben. Ihr Vater, Henk, starb bereits 1977. Helgas negative Gefühle haben vor allem mit Brasilien zu tun, erklärt sie. „Wir wohnten in einem Dorf. Meine Mutter ging zum Arbeiten in die Stadt, und wir sahen sie nur am Wochenende. Wir, das waren Helga und ihre Schwestern. „Mutter war hart, Vater war hart – ich wollte dort so schnell wie möglich weg.“

Vater Henks Härte sei auch den bitteren Lebensbedingungen geschuldet gewesen, relativiert sie. Die neue Unfreiheit muss für den selbständigen Gärtner aus dem Oderbruch ein schweres Los gewesen sein. „In Brasilien hat er als Landarbeiter auf Bauernhöfen gearbeitet, wurde ausgebeutet. Wir sind in dem Land sicher fünfzehn Mal umgezogen. Vater hat zwar noch das eine oder andere selbst angebaut, aber er hatte kein Geld zum Investieren, daraus wurde also nicht viel. Nun ja, wir Töchter haben schon in jungen Jahren gearbeitet. Das ganze Geld musste bei den Eltern abgegeben werden, so ging das. Als Vater in einem Schlachthof anfing zu arbeiten, konnten wir Geld für die Überfahrt in die Niederlande sparen.“

So geschah es. Helga kam nach ihrer Umsiedlung in die Niederlande Anfang der sechziger Jahre bei einer Tante in Den Haag unter und fand Arbeit in einem chinesisch-indonesischen Geschäft in der frivolen Hager Passage. „Die Stelle hatte ich meinen Sprachkenntnissen zu verdanken. Es kamen viele Ausländer in den Laden. Ich sprach natürlich fließend Portugiesisch, und ansonsten hatte ich mit meinem Vater Niederländisch und mit meiner Mutter Deutsch gesprochen.“

Unterdessen fühlte sie sich „schon ein bisschen über der Zeit“. „Ich war schon fast fünfundzwanzig, als ich in die Niederlande zurückkam.“ Zum Glück ging man samstags tanzen. „Ich weiß es noch genau: Ich saß in der Ecke, und Kosdi bat mich zum Tanz.“ Gergely Kosdi, Loosduiner Gurkenzüchter im Lohndienst, gelang es, eine Saite zum Schwingen zu bringen. „Ich sprach also ein bisschen schlechtes Niederländisch und Deutsch, und da stand dieser Mann, der auch allerlei Sprachen ein bisschen sprach. Das schafft ein Band.“

Helga Kosdi-van Spronsen – ihr letztendlicher Name verrät drei Nationalitäten. Gergely Kosdi, dessen Name in Loosduinen zu „Sjors Kosdi“ eingeholländischt wurde, war wiederum „kein typischer Ungar“, erzählt sie. „Ach, er war ein schöner Mann. Groß, ein wenig blond, mit blauen Augen. Er wird wohl slawisches Blut in sich haben, seine Vorfahren kommen schließlich aus der Gegend, die jetzt in der Slowakei liegt.“

Es ist, als würde sie ihren ältesten Sohn Sandor beschreiben. „Sandor hat vor allem auch die Art, Sachen anzugehen, von seinem Vater geerbt: das Fortschrittliche, die Unternehmungslust. Mein Mann hat mit seinen Gurken drauflos experimentiert.“ Sie heirateten 1965, und schon bald war Sandor da. Er trägt also Spuren von Krieg und Vertreibung im Blut, vom Kommunismus und von der Freiheit, von Ungarn, Berlins Gemüsegarten im Oderbruch und der Gläsernen Stadt im Westland, ganz abgesehen von einer Spur Brasilien. Bei Sandor Kosdi fließt das wiedervereinte Europa durch die Adern. Doch tatsächlich hält er sich für keine Ost-West-Erfolgsgeschichte, wenn er in der ungarischen Puszta steht und sich quält.

Sandor Kosdis Vater Gergely wusste zunächst gar nicht, dass Helga aus einer Gärtnerfamilie stammte. Er selbst hatte in Ungarn zwar in der Landwirtschaft gearbeitet, jedoch nie etwas mit Paprikas oder anderen Gartenbauprodukten zu tun gehabt. Nun war er bei den Gurken gelandet und machte sich nach ihrer Hochzeit als Gurkenerzeuger selbständig.

Die Kosdis hätten die Paprikapioniere der Niederlande werden können. „Paprikas?“ Nein, darüber hätten sie damals nicht nachgedacht, sagt Helga Kosdi-van Spronsen. „Die gab es zu der Zeit in den Niederlanden noch überhaupt nicht. Genauso wenig wie im Manschnow meiner Kindheit.“ Aber gerade deswegen! Als Helga und Sjors ein Paar geworden waren, wurden im Westland zögerlich die ersten Paprikas gezüchtet. Die Umstellung auf Paprika war eine Notlösung, inspiriert durch holländischen Handelsgeist. Der Markt wurde damals in den sechziger Jahren nämlich mit preiswerten Trauben aus Südeuropa überschwemmt. Die Traubenproduzenten aus dem Westland suchten eine andere Verwendung für ihre Glasgewächshäuser. Das wurden die Tomate und die Paprika.

Gemüsebusiness in den Niederlanden - foto A.Hendriks_web

Gemüsebusiness in den Niederlanden

Beide wurden hauptsächlich für den Export angebaut. Die Tomate nahm man jedoch auch in der Region gern ab. Doch die Paprika? Die holländische Hausfrau hatte keine Ahnung, was sie damit machen sollte. Sie kaufte sie in kleinen Mengen und kochte sie dann aus, vorzugsweise als Suppengemüse. Eigentlich wussten in dieser Paprika-Pionierzeit in den Niederlanden lediglich die chinesisch-indonesischen Restaurants leckere Dinge aus den damals vor allem grünen Paprikas zu machen. Der niederländische Paprikahandel hat 2014 ein historisches Kochbuch herausgegeben, mit dem Titel: 50 jaar paprika („50 Jahre Paprika“). Darin lässt sich nachlesen, dass sich die holländische Vorliebe auf „ein Exemplar, das man hinstellen konnte“, richtete. Stellte man die „Blockpaprika“ etwa zur Dekoration auf den Schrank, so wie einst auch die Ungarn auf ihre Zierpaprikapflanze gestarrt haben, als sie noch nicht gelernt hatten, dass man sie auch essen konnte?

Die Essgewohnheiten der paar tausend ungarischen Flüchtlinge, die gleichzeitig mit Gergely Kosdi 1956 ins Land gekommen waren, drangen noch nicht bis zu den einheimischen Niederländern durch. Es waren schließlich die türkischen Gastarbeiter, die den Paprikakonsum in den Niederlanden angefacht haben. Es ist aufschlussreich, dass Sandor Kosdi in seinen ersten ungarischen Gärtnerjahren Ende des letzten Jahrhunderts seine sonnengereiften Paprikas (unter Folie oder Vliestuch) in die Niederlande zu exportieren versuchte. Der Transport musste schnell vor sich gehen, denn Spitzpaprikas werden binnen einer Woche welk. Also organisierte Kosdi den gesamten Export selbst, von der Verpackung bis hin zum Verkauf. Er hätte dabei fast Verlust gemacht, erzählte er, und es wäre sogar ein ziemlicher Verlust, wenn er all die investierte Zeit mitrechnen würde. Denn es zeigte sich, dass Kosdis Paprikas, eine frühe Sorte, gerade reif waren, als die potentiellen türkischen Abnehmer massenhaft in den Urlaub in die Türkei fuhren. Er blieb in Holland auf seiner Ware sitzen, in Deutschland erging es ihm nicht anders.

Daraufhin fuhr Sandor Kosdi mit seinen Paprikas eben eine Weile an die rumänische Grenze, wo ebenfalls genug Paprikakenner leben. Mutter Helga, auf Besuch bei Sandor in Ungarn, fuhr einmal mit ihm mit. Sie habe sich zu Tode erschrocken, erzählt sie. „Um vier Uhr nachts sind wir aufgestanden, um nach Debrecen zu fahren. Sandor wäre auf dem Rückweg fast hinter dem Steuer eingeschlafen. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Zum Glück ist es bei ihm mit diesen Scherzen vorbei. Er ist die Ruhe selbst geworden.“

Sandor Kosdi, selbsternanntes Nervenbündel voll ruheloser, manchmal tollkühner Ideen, wird froh darüber sein, dass seine Mutter ihn nun etwas bedächtiger findet. Sie spiegelt ihren Sohn schließlich an dem ebenfalls so ruhelosen Vater. „Mein Mann musste ständig etwas Neues probieren, ich meine, in der Gurkenzucht. Sehen Sie, die Tomate, das war damals noch ein einförmiges Massenprodukt, damit war wenig los. Die Gurke dagegen ist so empfindlich, das ist etwas für Spezialisten.“ Ihr „Sjors“ war ständig mit seinem Fach beschäftigt. „Dann hat er beispielsweise unsere alten Gewächshäuser abgerissen. Die fand er plötzlich zu niedrig. Sie waren genauso niedrig wie die in Manschnow, glaube ich. Ich war ja immer dagegen, gegen all diese Experimente und die damit verbundenen Scherereien. Aber er baute dann trotzdem höhere Gewächshäuser.“

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Das holländische Westland, die „Gläserne Stadt“ bei Den Haag

Sjors und Helga zogen schon bald um nach Noorden bei Nieuwkoop, einem Gartenbaudorf an der Grenze zur Provinz Utrecht, wo sie ein schönes Stück Land bekommen konnten. Dort saßen sie zwischen den Blumenzüchtern, doch sei’s drum. Sie hatten genug zu tun, erzählt Helga Kosdi-van Spronsen: Mal musste wegen des Familienzuwachses ein Stück am Haus angebaut, dann wieder eine Heizung in die Gewächshäuser gelegt werden. „Auf die Dauer würde die Gurkenzucht nicht mehr ohne Wärme funktionieren, sagte mein Mann. Nun ja, wir dann wieder Geld geliehen. Das war damals ganz einfach, bei der Bank. Wir haben ziemlich oft Geld geliehen.“

Sandor Kosdi würde es mit Neid erfüllt haben. Seine Mutter erzählt, dass sie alle Investitionen über dementsprechend höhere Gurkenerträge im Nu wieder eingespielt hätten, und mehr als das. Das könnte Sandor mit seinen schönen Paprikas auch gelingen – wenn er denn in Ungarn solche bezahlbaren Kredite bekommen würde. Er träumt manchmal von einem beheizten holländischen Glasgewächshaus.

Sjors Kosdi wurde ein respektierter Gurkenproduzent. Helga Kosdi ist, trotz ihrer etwas konservativen Einstellung gegenüber den ständigen Neuerungen, stolz auf ihren Mann. „Er hat ein ganzes Kesselhaus gebaut. Erst hatten wir nur einen kleinen Ölofen im Gewächshaus.“

Das Öl im Gewächshaus machte in den siebziger Jahren Platz für Gas. Ganz anders als heute wuchsen die Gurken, Tomaten und Paprikas allerdings noch in Erde. Das bedeutete, dass der Boden des Gewächshauses jedes Jahr entkeimt werden musste: eine Heidenarbeit. Helga Kosdi-van Spronsen: „Das Entkeimen dauerte gut einen Monat. Aber es war nötig, wenn man jedes Jahr wieder Gurken ziehen wollte. Meine Eltern züchteten früher in Manschnow nie zwei Jahre hintereinander dasselbe auf demselben Boden. Sie wechselten zum Beispiel Tomaten mit Gurken ab. Das ist gut für den Boden. Dann hat man weniger Probleme mit Krankheiten, die in der Erde sind.“

Beim Entkeimen des Glasgewächshauses wurde, jedes Mal aufs Neue, achtzig Grad heißer Dampf unter eine Plane auf dem Boden geblasen. Die Hitze sollte die Krankheitskeime abtöten. Die Plane wurde an den Rändern mit schweren Ketten gehalten. Das Entfernen der knallheißen und bleischweren Ketten in einem Gewächshaus, in dem es dampfte wie in einem Türkischen Bad, war bis in die achtziger, neunziger Jahre ein typisch holländischer Studentenjob für den Sommer.

Sandor Kosdis jüngerer Bruder Albert zieht schon längst keine Gurken mehr in Erde. Steinwolle und anderes Substrat, wie etwa Kokos, ist im niederländischen Gewächshausanbau Standard. In diesem Sinne ist Sandor in Ungarn zu einer älteren, man kann es auch natürlicheren Anbauform nennen, zurückgekehrt: die in Erde. Er muss auf den Fruchtwechsel achten, wie es seine Großeltern mütterlicherseits in Manschnow taten. Sowie auf Tierchen und Pilze oder was es sonst noch an natürlichen Unannehmlichkeiten gibt. Er hat jetzt gerade angefangen, mit einer ersten Paprikazucht auf Kokossubstrat zu experimentieren.

In den siebziger Jahren war der Gurkenanbau seiner Eltern in Noorden gewachsen und gewachsen. Sjors Kosdi hatte schon bald drei Betriebe – und drei Söhne. Sandor, der Älteste, sei immer schon verrückt nach Ungarn gewesen, erzählt seine Mutter Helga. „Als Kind stand er mit einer Peitsche da und knallte und rief schon, dass er in die Puszta gehen würde.“ Ab ungefähr 1975, als der Kalte Krieg abflaute und die Familie Visa für Ungarn bekommen konnte, fuhren die Kosdis in ihrem ersten Auto regelmäßig zur dortigen Verwandtschaft in den Urlaub. Die Eltern von Vater Sjors lebten damals noch. „Und in Debrecen wohnte ein Schwager. Sandor fuhr dort jedes Jahr hin.“

Es ist jetzt nicht mehr gut vorstellbar, und womöglich übertreibt seine Mutter auch ein wenig, doch Sandor Kosdi muss sich während seines Studiums, ausstaffiert mit ungarischen Folklorehemden und in hohen Stiefeln, gern im Ungarischen Tanzclub im Westland, der von der Flüchtlingsgeneration gegründet worden war, gezeigt haben. Der Eiserne Vorhang war damals gerade aufgegangen. Sandor lernte eine Ungarin kennen, die als Au-pair-Mädchen in den Niederlanden arbeitete. Er hat seine Frau eigentlich seinem Vater zu verdanken, erzählt seine Mutter. „Mein Mann war aktiv in der ungarischen Gemeinde in den Niederlanden. Und dort hatte sich meine zukünftige Schwiegertochter gemeldet, weil sie sich ein bisschen einsam fühlte.“

Blut ist dicker als Wasser: Der dritte Sohn, Tibor, hat auch schon eine ungarische Freundin. „Er importiert in Ungarn Trecker aus China. Heute Morgen rief er an, dass er schon über zwanzig verkauft hätte.“ Der zweite Sohn, Albert, hat die Gurkenzucht fortgesetzt. 2011 ist der Gurkenbetrieb der Kosdis nach fast einem halben Jahrhundert in der Provinz Zuid-Holland, unter Alberts Leitung nach Oosterhout in der Provinz Gelderland umgezogen. Das Anbaugebiet in Noorden wird nämlich der Natur zurückgegeben: exakt, was die Unternehmer im Oderbruch fürchten.

Albert und Tibor wurden von ihrem Vater zur Ausbildung auf die Gartenbauschule geschickt, Sandor durfte, als ältester Sohn, ein Ingenieurstudium aufnehmen. „Sandor sah auch überhaupt nichts in der Gärtnerei“, erzählt Helga Kosdi-van Spronsen. „Er kam dabei gut weg. Die anderen Jungs mussten nach der Schulzeit helfen, Gurken sortieren und so. Aber jetzt ist ausgerechnet Sandor, weil es in Ungarn zufällig so gelaufen ist, Allroundgärtner geworden.“

Bis auf Gurken – die will er nicht anbauen. „Sandor glaubt, dass sein Vater am Gift im Gurkengewächshaus gestorben ist. Aber bei Prostatakrebs? Ich glaube das nicht. Außerdem hat mein Mann in den letzten Jahren zur Ungezieferbekämpfung vor allem Insekten eingesetzt und kaum noch gespritzt.“

Moderner niederländischer Tomatenanbau - Foto A. Hendriks_web

Moderner niederländischer Tomatenanbau

Alberts Teenagerkinder wollen nicht in die Gurkenerzeugung, glaubt ihre Großmutter Helga aufgeschnappt zu haben. „Es ist ja auch gruselig. Ich meine, die Perspektive, nicht das Gift. Es muss alles immer größer werden. Und man hat sehr schlechte Jahre dazwischen und auch noch Katastrophen wie die EHEC-Infektion, die von den Deutschen zu Unrecht erst unseren Gurken zugeschrieben wurde. Meine Enkel wollen sowieso nicht in den Gartenbau, glaube ich. Na ja, Sandors Söhne in Ungarn sind noch klein. Seine Tochter, die Teenagerin? Ach, nein …“

Helga Kosdi-van Spronsen hat Ungarisch gelernt, die Sprache passte noch in die Sammlung. Jedes Jahr im Sommer ist sie einen Monat lang in Ungarn. Sie verbringt dann die meiste Zeit bei Sandors Familie im östlich gelegenen Hajdúdorog in der Puszta. Doch sie besucht auch stets für eine knappe Woche Komárom an der Donau, das Städtchen, wo noch eine Schwägerin ihres Mannes lebt. Nachdem das Tauwetter im Kalten Krieg eingesetzt hatte, wurde es für vertriebene Ungarn weniger schwierig, nach Komárom zurückzukehren. Und seit 2004, als sowohl Ungarn als auch die Slowakei der Europäischen Union beitraten, bietet sogar die einst so symbolisch beladene Grenze zwischen „den sozialistischen Brüdervölkern“ mitten auf der Donau freien Durchgang nach Komárno und Kosd.

Gergely/Sjors Kosdi starb 2006. „Er war eigentlich dagegen, dass Sandor sich in diesem rückständigen Gebiet an der rumänischen Grenze niedergelassen hat“, sagte Helga Kosdi-van Spronsen, „mit den vielen Zigeunern und so. Aber er hat trotzdem geholfen, die Scheune in Hajdúdorog zu bauen. Lauter gebrauchtes Material haben sie hier für Ungarn verladen.“

Es ist ein schweres Leben für Sandor, seufzt sie. „Voriges Jahr hatte er sehr viel Paprikas geliefert, die er nie bezahlt bekommen hat. Der Abnehmer war pleite.“ Das passiert in Ungarn nur allzu oft. „Aber es gibt auch eine Gemeinsamkeit mit den Niederlanden: Hier wie dort bekommt der Gärtner selbst in der gesamten Kette am wenigsten. Er ist ein Sklave des Supermarktes. Und das ist nach dem Tode meines Mannes nur noch schlimmer geworden, ich sehe es doch bei Alberts Betrieb.“

Helga Kosdi-van Spronsen hat mit ihren fünfundsiebzig Jahren viel mitgemacht. Sie ist dabei nüchtern geblieben. „Sandor hat mir neulich wieder eine große Kiste mit Paprikas geschickt“, erzählt sie. „Lieb von ihm. Aber warum? Das Zeug kann man hier auch kaufen, sogar die Spitzpaprikas erzeugt man jetzt hier. Holland produziert mehr Paprikas als Ungarn.“

Übersetzung: Gerd Busse

 


annemieke hendriks

Annemieke Hendriks lebt und arbeitet als freie Schriftstellerin in Berlin und Amerstdam. Von April bis Juni 2013 war sie Milena Jesenská Visiting Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen, wo Teile ihres jüngstens Buchs “Biografie der Tomate – Vom Samen bis zum Superstar auf dem europäischen Markt” (Werktitel) entstanden sind. Der Prolog des Buchs, eine zusammenhängende Familiengeschiche in vier Teilen, wird in deutscher Übersetzung ab sofort wöchentlich auf Transit online vorgestellt. Es folgen in Kürze:

4. Der Untergang des regionalen Gartenbaus
Wo ist es nur, das Frischgemüse für Berlin?
+ Epilog und Ausblick

Zum Buch Biografie der Tomate – Vom Samen bis zum Superstar auf dem europäischen Markt (Werktitel)

Das Buchprojekt, dessen Prolog hier vorgestellt wird, wurde ermöglicht mit freundlicher Unterstützung von: