Szilárd Borbély (1963–2014)

Borbély_Szilárd_bwby János Mátyás Kovács

On February 16, I received an email from Szilárd, in which he wrote the following: “(…) We are commuting between Vienna and Debrecen, (…), next week I will be in Debrecen, then back and forth again. (…) Slowly, we are awaiting spring and sunshine.” On February 19, he committed suicide.

I had not known him in person before he came to the IWM to translate a book as part of our Paul Celan Fellowship Program. I had only read his most recent novel, Nincstelenek (The Dispossessed) published last year, a sad and unsettling work which brought enormous success to its author. When he left the Institute in December, he complained about depression impeding his work on the translation.

Currently, the obituaries are full of references to his illness. About a year ago, he also talked about it in an interview:

“The schism between the individual and the environment leads to depression which can be healed if we reconstruct our personality on a different level and find a new relation to the outside world. I had to do this more than once. It is an extremely difficult process, but it is one of the best ways to handle such a conflict. My reaction was childhood depression and―even though this might sound paradoxical―it helped me. Back then no one realized it, of course, the adults around me were happy that the child was quiet. It is due to suppression and expression that I learned to deal with the whole situation and to survive it. In short, depression helped me. But these processes can never be finally concluded.”

I think I also belong to these insensible adults. When he stopped at the doorstep of my office (without ever entering it), I saw an extremely modest, polite and smart man who was perhaps a little sad but whose style was not devoid of irony. I would like to remember him this way with the help of an excerpt from a short essay he wrote in 2005.


Lob der Quitte: Ein Ungarnbild
by Szilárd Borbély

Wer noch nie Quittenbrot gegessen hat, der ist gewiss kein Ungar. Oder nicht Ungar genug. Dem fehlt etwas am Ungarsein. Wer nun sein Ungarbewusstsein weckt, indem er an mit unsauberen Händen gepresstes Fruchtmus denkt, ist auf dem Holzweg. Die Quitte ist ein Teil des ungarischen Charakters, denn sie ist hart und herb. Bekanntlich haben die Ungarn sie von ihren Wanderschaften mitgebracht. Der Quittenbaum (Cydonia oblonga) ist ein edles Gewächs. Es zeigt Haltung. Es beugt sich nicht in die schnell wechselnden Windrichtungen. Zum Vorteil gereicht ihm dabei auch sein Wuchs, der eher niedrig als hoch aufgeschossen ist. Die Quittenbäume schlafen im Stehen. Ihr Stamm ist, wie die Unterschenkel reitender Völker, gekrümmt. Die Quitte wächst häufig in Gruppen. Hin und wieder stecken zwei Büsche die Köpfe zusammen. In seinen Zweigen baut der Zaunkönig sein Nest. Die Quitte kommt aus dem Osten. Sie ist eine Pflanze aus Kleinasien, die Wärme liebt. Ihre Blätter sind ledern. Sie ähneln eher dem mediterranen Lorbeer als einer verkümmerten, assimilierten Kulturpflanze des Karpatenbeckens. Das beweist uns, das die Ungarn nicht finnisch-ugrischen Ursprungs sein können. Wer die Ungarn kennt, kann bezeugen – und schlichtet damit den uralten Streit -, dass die Ungarn nicht nach Fisch riechen. Dem Geruch nach ähneln sie eher den milden Quitten. In den Gärten der Ungarn gab es, den alten Chroniken zufolge, neben Pflaumenbäumen immer auch Quitten.

Die alteingesessenen Quitten, die auf kleinen Tatarenpferden die Karpatenhänge überquerten, haben ihre Eigenschaften bis heute bewahrt. Man begegnet ihnen aber nur noch selten, denn sie leben im Verborgenen. Nach der Niederschlagung der Revolution von 1848 zitterte die österreichische Herrschaft vor den Quittenbäumen. Soldaten wurden in Marsch gesetzt, um die edlen Bäume zu fällen. Sobald die Behörden erfuhren, dass Quittenbäume in bestimmte Gärten geflohen waren, traten sie sofort in Aktion. Doch die Ungarn gaben nicht auf. Sie versteckten ihre geliebten Bäume. Wenn einer zuweilen doch einen Nachbarn verriet, dann tat er es nur für eine ansehnliche Summe. Womit die Verräter der kaiserlichen Schatulle ein erhebliches Defizit verursachten. Das später dann natürlich mit der Steuer von den übrigen Ungarn wieder ausgeglichen wurde. Die Quittenbäume wurden gut versteckt. Nur diesem Umstand ist es zu verdanken, dass einige diese schwere Zeit überlebten. Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts kam dann das Zeitalter der Wiedergeburt des Quittenbaums. Die Forscher begannen, die Bäume auszuhorchen. Ihr Blätterrascheln wurde anfangs auf Wachsplatten, später mit einem tragbaren Mikrofon aufgezeichnet. Das war die Zeit, in der man diese edlen Bäume zu demokratisieren begann (…). [Translation: Hans Skirecki]