CAPITO – Understanding Nascent Capitalism in Eastern Europe

 iStock_000062002188_Double_webCAPITO aimed at comparing the emerging capitalist regimes in six countries of Eastern Europe. The project applied a simple scheme of “tradition-emulation-invention” to identify the origins of institutional change in the economies of the region, and define the real types of nascent capitalism in an East-East and an East-West comparison. The research period started in April 2010 and ended in December 2011. The project was supported by a grant of the Jubiläumsfonds of the Austrian National Bank.

Tradition, NACHAHMUNG, Erfindung:
Neue Kapitalismen in Osteuropa

János Mátyás Kovács

Gibt es über zwei Jahrzehnte nach den Revolutionen von 1989 so etwas wie einen polnischen, rumänischen oder serbischen Kapitalismus? Falls ja, unterscheiden sich diese Kapitalismusspielarten in wesentlichen Punkten voneinander? Weichen sie darüber hinaus deutlich von anderen Kapitalismustypen im »Westen« und »Süden« ab? Falls es gegenwärtig aber so etwas wie einen polnischen, rumänischen oder serbischen Kapitalismus nicht gibt, liegt das daran, dass sich der Kapitalismus in diesen Ländern noch immer in einem Übergangsstadium befindet, oder ist zu erwarten, dass er auf lange Zeit hin unreif bleiben wird? Oder wird er sich in absehbarer Zukunft zwar voll ausbilden, aber in ganz Osteuropa relativ einheitliche Züge aufweisen, so dass ein ausgeprägter Regionaltyp wie der nordeuropäische oder mediterrane Kapitalismus entsteht? Lohnt es überhaupt die Mühe, sich in Haarspaltereien zu ergehen, nur um eine weitere Typologie des sich in der Region herausbildenden Kapitalismus vorzuschlagen? Sollten wir nicht lieber davon absehen, nach Ländern zu typologisieren, sondern nach Unterschieden auf der Ebene einzelner Kapitalismusregime oder -institutionen Ausschau halten?

Die führenden Vertreter der vergleichenden Kapitalismusforschung neigen dazu, viele der oben angeführten Fragen zu ignorieren oder, häufig gelenkt von ideologischen Vorurteilen, vorschnell zu beantworten. Währenddessen ist der neueste Stand der Forschung durch eine Fülle länderbasierter Klassifikationsschemata gekennzeichnet und das Prinzip des »methodologischen Nationalismus« wird selten in Frage gestellt.

Im Folgenden möchte ich erste Ergebnisse des internationalen Forschungsprogramms CAPITO (Understanding Nascent Capitalism in Eastern Europe) zur Diskussion stellen, das vom Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien organisiert wurde.1 In der im letzten Winter abgeschlossenen Pilotphase des Programms wurden vier umfangreiche Feldstudien in sechs Ländern (Bulgarien, Ungarn, Polen, Rumänien, Russland und Serbien) vorbereitet, die sich auf Eigentumsrechte, die Marktregulierung, Wohlfahrtsregime und auf die, wie wir es faute de mieux genannt haben, politische Ökonomie des entstehenden Kapitalismus konzentrierten. Das Ziel der Autoren war weit davon entfernt, eine Reihe von Schubladen zu zimmern und so viele ex-kommunistische Länder wie möglich hineinzupressen. Ebenso wenig wollten wir irgendein Land als Paradebeispiel eines bestimmten Typus hinstellen oder Idealtypen des Kapitalismus konstruieren, um dann reale nationale Typen unter sie zu subsumieren.

Die Vorsicht bei unserem Klassifizierungsansatz entspringt den Erfahrungen aus einem vorangehenden Projekt, das unsere Forschungsgruppe über Wirtschaftskulturen in Osteuropa durchgeführt hat.2 Um dieses Projekt zu Ende zu bringen, hatten wir dringend handfestes Wissen über die neuen kapitalistischen Regime benötigt, in denen diese Kulturen eingebettet waren, und vermutet, dass diese Regime unterhalb der nationalen Ebene zu finden sein müssten. Mit anderen Worten, wir hatten damals angenommen, dass wir keinen einzigartig polnischen, rumänischen oder serbischen Kapitalismus würden identifizieren können, so wenig, wie es uns zuvor gelungen war, spezifisch polnische, rumänische oder serbische Wirtschaftskulturen zu entdecken (oder zum Beispiel spezifische Wirtschaftskulturen des Balkans im Vergleich zu mitteleuropäischen), während wir in der Region für die Zeit nach 1989 bedeutende Unterschiede etwa zwischen den Unternehmens- und Verwaltungskulturen fanden.

Im Folgenden werde ich einige vorläufige Schlussfolgerungen von CAPITO darlegen, wie sie sich gegenwärtig, noch inmitten des Forschungsprozesses, abzeichnen.3 Zunächst möchte ich aber einige Überlegungen zu den Fährnissen der komparativen Erforschung des osteuropäischen Kapitalismus (bzw. seiner Spielarten) anstellen, um anschließend einen alternativen Vergleichsansatz anzubieten. Schließlich werde ich einige der Ergebnisse dieses Ansatzes erörtern und dabei auch auf seine Beschränkungen hinweisen.

Über Metaphern hinaus? Zum aktuellen Stand der Forschung

Die Osteuropaexperten scheinen einen starken Hang zur Konstruktion nationaler Typen des entstehenden Kapitalismus zu haben. Kein Wunder, denn wann immer man eine Zeitung aufschlägt, liest man, welches Land gegenwärtig den Regionalwettbewerb um den Aufbau von Märkten, um Good Governance oder Korruptionsbekämpfung anführt. Natürlich ist die einflussreichste »Ratingagentur« die Europäische Union, die, basierend auf einem Durchschnitt der westeuropäischen Kapitalismen (acquis communautaire), die Reife der beitrittswilligen Staaten bewertet. Die daraus folgende Rivalität nährt in Osteuropa einen Geist unablässiger Typologisierung, von dem sich auch die ausländischen Beobachter verleiten lassen. Doch was lernen wir aus der Tatsache, dass vorgestern Polen, die Tschechische Republik und Ungarn und gestern die Slowakei und Slowenien in den Augen wohlinformierter Forscher die bevorzugten »Transformationsstaaten« in der Region waren? Greift man zwei der jüngsten Vorreiter heraus, die Slowakei und Slowenien, ist es verblüffend zu sehen, dass sie für diametral entgegengesetzte Merkmale gepriesen wurden: die Slowakei für mutige Liberalisierungsschritte, Slowenien dafür, keine solchen Maßnahmen durchzuführen. Der Dynamik des angeblich neoliberalen Wandels wurde die Stabilität korporatistischer Strukturen gegenübergestellt. Im Klartext: Die Slowakei wurde als »großes Chicago« porträtiert, während Slowenien als »Kleinösterreich« hingestellt wurde. Heute stehen Estland und sogar Lettland wieder als neoliberale Länder an der Spitze, während Ungarn in den Ruf eines Nachzüglers geraten ist, der seine Nachbarn mit dem Virus des autoritär-korporatistischen Kapitalismus infiziert.

Die Hoffnung unserer Forschungsgruppe war es, über nationale Typen hinauszugelangen, die mithilfe griffiger Etiketten wie diesen konstruiert worden waren. Gewiss haben einige der gebräuchlichen Adjektive und Metaphern einen solideren wissenschaftlichen Hintergrund. Nomenklatura-Kapitalismus, Patrimonialkapitalismus, Clankapitalismus, abhängiger Kapitalismus, Cocktailkapitalismus usw., um nur ein paar zu nennen, sind Konzepte, die zu Arbeitshypothesen über die Grundmerkmale des sich in Osteuropa herausbildenden Kapitalismus anregen. Gleichzeitig können solche Begriffe freilich zu Typologien führen, in denen sich ein »Narzissmus der kleinen Differenzen« widerspiegelt (um Freuds Ausdruck zu borgen). So mag man meinen, mit der Verwendung dieser Konzepte die Quintessenz des neuen Kapitalismus in Osteuropa einzufangen. Direkt nach 1989 war zum Beispiel Nomenklatura-Kapitalismus (oder politischer Kapitalismus) ein Modewort und die einzelnen Länder wurden danach eingestuft, bis zu welchem Grad die politischen und/oder wirtschaftlichen Privilegien der kommunistischen Elite fortbestanden. Später regten die Privatisierungskampagnen die Beobachter dazu an, Idealtypen vorzuschlagen, und man steckte die Länder in die engen Schubladen eines mehr oder weniger oligarchischen, kollektivistischen etc. Kapitalismus. Noch später wurden Dependenz, Korruption und Ähnliches zu den beliebtesten Vergleichsschlagwörtern. Der Grad der »Westlichkeit« der »östlichen« Kapitalismusspielarten war dabei immer eine beherrschende komparative Variable. In jüngster Zeit boten die europäische Integration und die Finanzkrise einen fruchtbaren Boden für neue Kriterien wie »inkludierte« und »exkludierte« Länder, gute und schlechte Krisenmanager etc. Heute scheint das Bedürfnis nach Vergleichen sogar noch stärker zu sein, weil man erwartet, dass unter den osteuropäischen Ländern eine neue Rivalität ausbrechen wird, um einen sicheren Platz in der »Nordhälfte« einer möglicherweise bald dualen EU zu ergattern. Wie dem auch sei, man sieht sich mit einer wilden Mischung sich überlappender Marker konfrontiert. Kapitalismus wird mithilfe von Adjektiven bzw. Metaphern (und deren Kombinationen)4 definiert, die sich auf Folgendes beziehen:

– die Macht des kommunistischen Erbes: Nomenklatura-Kapitalismus, Genossenkapitalismus, politischer/politisierter Kapitalismus, simulierter Kapitalismus, Kapitalismus ohne Kapitalisten, Patrimonialkapitalismus etc.

– starke vorkommunistische Wurzeln: oligarchischer Kapitalismus, Feudalkapitalismus,
byzantinischer Kapitalismus, gemeinschaftlicher Kapitalismus, ethnischer Kapitalismus, unziviler Kapitalismus etc.

– das kriminelle Wesen des neuen Kapitalismus: Vetternkapitalismus, Clankapitalismus, Mafiakapitalismus, Gangsterkapitalismus, kleptokratischer Kapitalismus, pervertierter Kapitalismus, parasitärer Kapitalismus, Raubtierkapitalismus, Beutekapitalismus, Balkankapitalismus etc.

– ausländische Vorherrschaft: postkolonialer Kapitalismus, abhängiger Kapitalismus, Kompradorenkapitalismus, Dienstbotenkapitalismus, Kellnerkapitalismus, Kapitalismus von außen, Aufholkapitalismus etc.

– den freien Markt: Wildostkapitalismus, Gaunerkapitalismus, Kasinokapitalismus,
Winner-take-all-Kapitalismus, Verschwendungskapitalismus, Auktionskapitalismus, Händlerkapitalismus, Chicago-Kapitalismus, kompromissloser Kapitalismus, Marktwirtschaft ohne Adjektive etc.

social engineering: Designerkapitalismus, Kapitalismus per Dekret, Schockkapitalismus, Kapitalismus von oben etc.

– symbolische Geografie: mitteleuropäischer versus südosteuropäischer und osteuropäischer Kapitalismus (unterfüttert mit dem Verweis auf die Opposition westliches und östliches Christentum)

– die Beziehung von Staat und Markt: Staatskapitalismus (staatlicher Entwicklungskapitalismus), staatlich regulierter liberaler Kapitalismus, staatlich regulierter kooperativer Kapitalismus, gelenkter Kapitalismus, Kapitalismus mit freier versus Kapitalismus mit sozialer Marktwirtschaft, liberaler versus koordinierter Kapitalismus etc.

– Liberalismus und Demokratie: liberaldemokratischer versus illiberaler
(Democradura- oder populistischer) Kapitalismus etc.

– eine unabgeschlossene Transformation: entstehender / sich herausbildender / unbeständiger / unreifer / unvollständiger / unvollkommener / roher Kapitalismus, Ramschkapitalismus, Halbkapitalismus etc.

– die Zwitterhaftigkeit der neuen Regime: dualer, gemischter, gemäßigter, chaotischer, Cocktail-, Patchwork-Kapitalismus, Dritter Weg, abhängiger liberaler postkommunistischer Kapitalismus etc.

In Wirklichkeit beruhen diese Etiketten zumeist auf einfachen Dichotomien, die der jüngsten Geschichte einiger weniger Länder entspringen, genauer gesagt, auf Schnappschüssen von ein oder zwei Feldern postkommunistischer Transformation. In vielen Fällen dienen sie zur Enthüllung angeblicher kommunistischer, nationalistischer, neoliberaler oder postkolonialistischer Verschwörungen. Irritierend ist dabei auch die Tatsache, dass diese Adjektive bzw. Metaphern zumeist von Wissenschaftlern, nicht von Politikern oder Journalisten stammen und einer anything goes-Mentalität Vorschub geleistet haben.

Gleichwohl konnten sie nicht umhin, einen Pfad durch den Dschungel des 1989 unverhofft einsetzenden gesellschaftlichen Wandels zu bahnen. Man musste sich mittels trial and error vorarbeiten, da die etablierte Komparatistik keine große Hilfe bot. Tatsächlich bietet sie noch immer ein Bild der Verwirrung. Die alte Disziplin der Comparative Economic Systems hält sich an ihre Tradition, ungeachtet der Tatsache, dass sie daran gescheitert ist, den Zusammenbruch von nicht weniger als der Hälfte ihres Untersuchungsgegenstands – des Kommunismus – vorherzusagen. Die Autoren veröffentlichen weiter Lehrbücher,5 ohne die binäre Einstellung des Kalten Krieges mit ihrer Betonung der Idealtypen von Kapitalismus und Kommunismus aufzugeben. Obwohl sie Letzteren in Marktsozialismus und sozialistische Planwirtschaft differenzieren, werden die Verbindungen zwischen diesen beiden mit den entstehenden Kapitalismustypen verdunkelt. Wenn sie über die klassischen Dichotomien hinausgehen, sprechen sie gern von nationalen oder regionalen Typen (z.B. vom schwedischen Modell, vom mediterranen Kapitalismus, vom islamischen Modell, vom lateinamerikanischen Kapitalismus etc.) statt über konkrete kapitalistische Regime und ihre verwickelten Netzwerke.6 Die Autoren beharren auf den großen Entwürfen der Systemtheorie und obwohl sie mehr denn je über Systemtransformationen und ihre institutionellen Aspekte sprechen, lassen sie die jüngsten Ergebnisse der New Institutional Economics (NIE) außer Acht oder ziehen sie in Zweifel.7 Vor ein paar Jahren stieß Janos Kornai zu ihnen mit der Vermutung, dass eben diese neue Institutionenanalyse den entscheidenden Unterschied zwischen den beiden klassischen Systemen einebnen könne, womit er die Revolutionen von 1989 im Nachhinein entwertete.8

In der Zwischenzeit hat eine neue Generation von Komparatisten die Szene betreten, die in den komplexen neoklassischen Modellen der NIE gut bewandert ist. Diese Generation hat starke Verbindungen zu Osteuropa: Unter den Autoren findet man zum Beispiel den gegenwärtigen bulgarischen Finanzminister Simeon Djankov und den in Russland geborenen Harvard-Ökonom Andrei Shleifer.9 Diese Experten konzentrieren sich auf Herausbildung, Aufbau, Auswahl und Übertragung grundlegender ökonomischer Institutionen und fragen nach ihrer Effizienz. Die von ihnen erstellten ökonometrischen Modelle enthalten nur einige, gewöhnlich aus ihren historischen Kontexten gerissene synthetische Variablen, die sich auf Revolution, Diktatur, Oligarchie, Militärregime, Populismus usw. beziehen. Sie zielen häufig auf globale Vergleiche und betreiben Fallstudien mit einer sehr langfristigen Perspektive.10

Am anderen Extrem steht man einer Fülle hervorragender empirischer Studien über den Postkommunismus gegenüber. Ihre Autoren kümmern sich jedoch in der Regel nicht darum, ihre Ergebnisse auf die Ebene breiterer Typologien zu heben. Mittlerweile ist viel über die kleinsten Details des Insolvenzrechts, über Tarifverträge oder Steuersysteme gesagt worden, doch das neue Wissen wurde nur selten in Typen von Wirtschaftsorganisationen, wirtschaftspolitischen Ansätzen und Wirtschaftskulturen integriert. Oder hat man je von, sagen wir, »Donaukapitalismus« oder »baltischen Wohlfahrtsregimen« gehört, Bezeichnungen, die an die Klassifizierungsschemata erinnern könnten, die Michel Albert oder Gosta Esping-Andersen im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts zum besseren Verständnis westlicher Kapitalismusregime vorschlugen? Auch gibt es so gut wie keine Forschungsarbeiten, die es ernsthaft wagen würden, die Plausibilität zum Beispiel eines übergreifenden balkanisch-mediterranen, deutsch-österreichisch-ungarischen oder baltisch-skandinavischen Kapitalismusmodells zu überprüfen.

Von daher ist das Tempo nicht überraschend, mit dem sich die an vergleichender Kapitalismusforschung über Osteuropa Interessierten in jüngster Zeit auf ein weiteres neues komparatives Paradigma gestürzt haben (das tatsächlich nicht der neuen, sondern der alten Institutionenforschung entstammt). Der Varieties of Capitalism-Ansatz (VoC) wurde vor etwa 15 Jahren zum Studium westlicher kapitalistischer Regime entwickelt.11 Offenbar hat das Verschwinden des Kommunismus und die Tatsache, dass die Prophezeiung »the world will be as one« trotz Globalisierung und europäischer Integration nicht in Erfüllung ging, das Interesse an den Unterschieden (selbst den geringfügigeren) zwischen den Spielarten des »real existierenden« Kapitalismus wiederbelebt. VoC erfüllt genau dieses Bedürfnis: Der Ansatz zielt darauf, die (Un)Ähnlichkeiten von kapitalistischen institutionellen Arrangements auf lokaler, sektoraler, nationaler und regionaler Produktionsebene zu erklären. Unternehmensstrukturen, industrial relations, Unternehmensfinanzierung, Berufsausbildung usw. und ihre institutionellen Entsprechungen werden auf das Genaueste unter die Lupe genommen. Dieser Diskurs ist den osteuropäischen Forschern vertraut (denn er argumentiert nicht-mathematisch und konzentriert sich auf die Produktionsverhältnisse), doch scheint sie daran zu stören, dass die Länder in nur zwei Schubladen gepresst werden: liberale versus koordinierte Marktwirtschaften.

Mittlerweile haben VoC-Forscher damit begonnen, auch einen dritten Typus zu betrachten (gemischte, gelenkte, staatlich beeinflusste etc. Marktwirtschaften), um u.a. die Länder Südeuropas und Lateinamerikas zu erfassen.12 Für Osteuropa war das eine offene Einladung, dabei zu helfen, die Gruppe der Länder des »dritten Typus« in der Theorie zu erweitern. Eine Reihe von Autoren ist auf den Zug der Kapitalismusvarianten aufgesprungen und hat dabei den Forschungsschwerpunkt beträchtlich verlagert, wodurch eine Unterdisziplin entstanden ist, die man »Varianten des Kapitalismus / Osteuropa« taufen könnte.13 Weil die institutionellen Konstellationen in der Region noch im Fluss, die neuen kapitalistischen Regime stark dem Weltmarkt ausgesetzt sind und der Transformationseifer der neuen Staaten nicht außer Acht gelassen werden kann, betonen die Autoren die externe Abhängigkeit und Außeneinwirkung und beziehen zusätzliche Variablen wie die Größe der natürlichen Ressourcen, die Industriepolitik, soziale Inklusion, Identitätspolitik etc. ein.

Sicherlich wurden auf dem Gebiet der Wirtschaftsgeschichte die osteuropäischen Wirtschaften noch nie mit einem solchen Elan verglichen. Einige Autoren (Buchen, Feldmann, Knell und Srholec u.a.) beharren auf der ursprünglichen Dichotomie im Ansatz der Kapitalismusvarianten von koordinierten versus liberalen Marktwirtschaften. Entsprechend wäre unter den ehemaligen kommunistischen Ländern Slowenien der Archetypus der ersteren, Estland jener der letzteren Kategorie. Andere (z.B. Cernat, Mykhnenko) präsentieren gemischte Fälle. Bohle und Greskovits gehen über die Theorie der Kapitalismusvarianten hinaus, indem sie die Typen eines »staatlich geformten« Kapitalismus (baltische Staaten), eines »weltmarktgetriebenen« Kapitalismus (GUS), eines »eingebetteten Neoliberalismus« (Visegrád-Staaten) sowie eines »Neokorporatismus« (Slowenien) voneinander abgrenzen. Szelenyi und King konzentrieren sich darauf, wie sich der Kapitalismus auf den Ruinen des Kommunismus entwickelt, und sprechen von einer anderen Triade: »Kapitalismus von unten« (China), »von oben« (Russland) und »von außen« (Tschechische Republik, Ungarn, Polen und die baltischen Staaten), wobei sie hybride, patrimoniale (Russland, Ukraine, Rumänien) und liberale Typen (Ungarn, Polen) unterscheiden. Abhängigkeit wird von Bohle und Greskovits, Szelenyi und King sowie anderen betont. Nölke und Vliegenthart sehen in der Exponiertheit gegenüber dem »Westen« sogar die differentia specifica des osteuropäischen Kapitalismus als Ansammlung »abhängiger Marktwirtschaften«.14

Ein Feuerwerk an Adjektiven, gewiss, das vieles erhellt, aber wohl noch mehr im Dunkeln lässt. Dennoch müssen sich die Autoren damit, wie ich meine, nicht unglücklich fühlen. Erinnern wir uns daran, wie lange es im Westen dauerte, umfassende, empirisch nuancierte Kapitalismustypologien zu entwickeln. Die VoC-Theorie kam erst in den späten neunziger Jahren auf (nach mindestens 200 Jahren kapitalistischer Entwicklung) und ist immer noch weit von einer Großtheorie entfernt. Alles in allem beklagen die Vertreter des VoC / Osteuropa-Ansatzes zu Recht, dass die ursprüngliche Variantenforschung unfähig war, das Neue an der postkommunistischen Welt zu erfassen. Sie beginnen ihre Geschichte jedoch erst 1989 (oder ein wenig früher), konzentrieren sich auf nur wenige Variablen und dämonisieren die vermeintlich neoliberalen Triebkräfte des neuen Kapitalismus. Ferner beschäftigen sie sich vor allem mit dem Staat, so dass ihnen leicht die Gesellschaft aus dem Blick gerät, die ebenfalls einen entscheidenden Anteil an der Schaffung des Kapitalismus haben kann, wenn auch häufig nur in indirekter Weise.

Abschied vom methodologischen Nationalismus

Was ist am Forschungsprojekt CAPITO anders? Ausgangspunkt ist die Hypothese, dass sich die neuen kapitalistischen Regime in Osteuropa wahrscheinlich von den westlichen und südlichen sowie untereinander in mindestens drei wichtigen Aspekten unterscheiden:

– Es ist nicht das erste Mal, dass der Kapitalismus in diesen Ländern erscheint. In diesem Fall ging ihm der Kommunismus voraus. Wenn sich also die vorkommunistischen Kapitalismen und die späteren Spielarten des Kommunismus erheblich voneinander unterschieden haben (z.B. die Tschechoslowakei von Albanien), dann darf man erwarten, dass in den neu entstehenden kapitalistischen Systemen eine Vielfalt von Erbschaften ihre Spuren hinterlassen hat.

– In Osteuropa schlägt der Kapitalismus seine Wurzeln unter dem starken Einfluss zweier rivalisierender Kapitalismusmodelle, einfach gesagt, des amerikanischen und des europäischen (und – immer mehr – des chinesischen) Kapitalismus. So darf man eine Vielfalt von Mischungen äußerer Einflüsse erwarten, zu denen die Vorbildwirkung eines benachbarten Landes oder einer angrenzenden Region hinzukommen kann.

– Die neuen kapitalistischen Regime haben noch keinen stabilen Zustand erreicht. Sie werden von oben, durch die Eliten mit all ihren politischen Organisationen, angestammten Interessen und dominanten Diskursen umgeformt. Gleichzeitig werden sie auch (häufig unsichtbar) von unten, von der Gesellschaft selbst gestaltet. Dieser Prozess dürfte über bloße Neukombination, bricolage und Improvisation hinausgehen.

Mit anderen Worten, wir beschlossen, mit der Analyse a) lange vor 1989 zu beginnen, b) unter weitgehender Enthaltung von Werturteilen die äußeren Einflüsse einzuschätzen und c) dem Wechselspiel von Staat und Gesellschaft Beachtung zu schenken, das womöglich neue Spielarten des Kapitalismus hervorbringt. Zudem soll der Blick des Forschungsprojekts auf den gegenwärtigen osteuropäischen Kapitalismus umfassender sein, da er mit der stillschweigenden (»orientalistischen«) Vorliebe vieler anderer komparativer Narrative für die neokapitalistischen Modelle der nördlichen und mittleren Länder Osteuropas bricht.

Diese Überlegungen führten uns dazu, ein Schema aus Tradition, Nachahmung und Erfindung (TNE) zu wählen. Einfach gesagt: Entweder man erbt eine Institution, kopiert sie oder baut eine neue – oder, weit wahrscheinlicher, man neigt zur Kombination dieser Vorgehensweisen. Statt das geschlossene Gehäuse einer fertigen Theorie zu wählen,15 entschieden wir uns für eine Analyse von drei Arten von Quellen, aus denen Institutionen hervorgehen können: a) vergangene Versionen des Kapitalismus in der Region (darunter der Protokapitalismus unter dem späten Kommunismus); b) gegenwärtige Kapitalismusspielarten im Westen; c) im Aufbau befindliche Versionen eines einheimischen Kapitalismus. Als wir uns daran machten, vier Forschungsfelder in sechs Ländern abzustecken und eine Vielzahl von Vergleichsvariablen zu ihrer Analyse heranzuziehen, wurde aus einem eigentlich schlichten Forschungsansatz eine ziemlich große Herausforderung.16

Unterdessen wurde keiner von uns von einem furor comparationis befallen. Wir fanden, dass es uns nicht stören würde, wenn unser Team am Ende zwischen einzelnen Ländern und Feldern ein höheres Maß an Homogenität und Konvergenz feststellen würde als an Heterogenität und Divergenz. Wir erwarteten nicht, auf »normale Kapitalismen« im Sinne Shleifers und Treismans zu stoßen;17 ebenso war uns jede Art von »methodologischem Nationalismus« oder eine Postulierung »nationaler Einzigartigkeit« fremd. Warum sollte eine Konvergenz zwischen den Ländern als weniger wichtiges und originelles Ergebnis des Vergleichs gelten als eine Divergenz – vorausgesetzt, man kann sie untermauern? Doch kann man das?

Hilft das Schema von Tradition, Nachahmung und Erfindung, neue Kapitalismen in Osteuropa zu identifizieren? Gibt es in dieser Hinsicht überhaupt etwas Neues im Osten?

Es mag überraschend klingen, aber mithilfe dieses Schemas ließen sich keine auffällig traditionsverbundenen oder, umgekehrt, extrem innovativen Länder ausmachen. Stattdessen erkannten wir in der gesamten Region sehr viele Nachahmungsbewegungen. Die untersuchten Länder hatten offenbar in den letzten zwanzig Jahren ihren jeweils eigenen vorkommunistischen Kapitalismus »vergessen« (d.h. sie reaktivierten ihn nicht wirklich) und einen Großteil ihres kommunistischen Erbes neutralisiert, wenn auch nach ihrem jeweils eigenen Takt. Sie trugen so zu einer raschen Angleichung der institutionellen Ausgangsbedingungen des kapitalistischen Marathons nach 1989 bei. Ein dramatisches Beispiel ist die Privatisierung, bei der die ursprünglich kollektivistischen Lösungen wie das Vouchersystem oder die Mitarbeiterbeteiligung rasch aufgegeben wurden. Das Gleiche gilt für frühere Innovationen wie die Arbeiterselbstverwaltung im ehemaligen Jugoslawien oder Kreuzbeteiligungen in Ungarn. Offenbar verliert das vielgepriesene Konzept der Pfadabhängigkeit nach der Anfangsphase der postkommunistischen Transformation an Erklärungskraft.

Wendet man sich von der Tradition zur Nachahmung, kann man beobachten, dass auch die allgemeinen Folgen der externen Einwirkung auf den osteuropäischen Kapitalismus nicht substanziell voneinander abweichen. Mit Ausnahme Russlands schwenkten die Länder um die Jahrtausendwende von »Amerikanisierung« zu »Europäisierung« um. Schlicht gesagt, sie verließen die vermeintlich gefährlichen Gewässer des Washingtoner Konsenses, um in den sicheren Hafen der EU einzulaufen (was heute ein wenig ironisch klingen mag). Die Union diente als Schmelztiegel für die neuen Mitgliedsstaaten und jene, die noch in die EU strebten, zumindest was die rechtlich-organisatorische Verfassung ihrer kapitalistischen Regime anging. Überraschenderweise lieferte das TNE-Schema die klarsten Ergebnisse bei der Nachahmung und dem Wechsel von den USA zur EU – selbst in Serbien, das womöglich so bald kein Mitgliedsstaat werden wird.18 Die VoC-Theorie zu Osteuropa beschreibt dies vorzugsweise in der Sprache des Imperialismus, von »harter« oder »weicher« Macht, oder – milder – als Selbstkolonialisierung. Unser vorangegangenes Forschungsprogramm zur Kartierung osteuropäischer Wirtschaftskulturen hatte aber einen starken kulturelle Widerstand, eine simulierte Fügsamkeit und wiederholte Versuche einer Hybridisierung unter dem Mantel einer scheinbar glatten und erfolgreichen Anpassung an die Übernahme kapitalistischer Institutionen aus dem Westen zutage gefördert.19

Heute unterscheiden sich in den von uns untersuchten Ländern die formale (rechtliche) Stellung einer Bank, die Verteilungsmechanismen landwirtschaftlicher Subventionen oder das System von Tarifverhandlungen nicht sehr voneinander. Im Großen und Ganzen haben die Länder alle einen Anteil an Privateigentum erreicht, wie er für fortgeschrittene kapitalistische Wirtschaften charakteristisch ist, ihre Kapitalmärkte sind in ähnlicher Weise reguliert (oder dereguliert), ihre Wohlfahrtsregime kombinieren die Merkmale verschiedener europäischer Systeme und sie haben beinahe die gleichen Institutionen aufgebaut, um unlauteren Wettbewerb oder den »fiskalischen Alkoholismus« ihrer Regierungen in Grenzen zu halten. Betrachtet man die Länder als solche, lassen sie sich nicht in eine sinnvolle Typologie einordnen. Im Verlauf des EU-Beitritts wog die Konvergenz langsam, aber stetig die Divergenz auf. Natürlich erfolgt dieser Blick auf das heutige Osteuropa aus der Vogelperspektive – er konzentriert sich eher auf die rechtlich-organisatorischen Formen als auf den tatsächlichen Betrieb und den kulturellen Inhalt der aufstrebenden kapitalistischen Regime.

Es ist freilich bemerkenswert, dass die gängigen komparativen Indikatoren für institutionelle Leistungsfähigkeit ebenfalls ein beträchtliches Maß an Homogenität offenbaren. Während die einzelnen Länder in den meisten Aspekten dem Westen noch immer hinterherhinken, holen sie doch langfristig auf und gleichen überdies auch ihre jeweilige Leistung untereinander an. Man mag den Wert quantitativer Studien in Zweifel ziehen, aber was z.B. Russlands Ease of Doing Business-Indikatoren betrifft, so ist die aktuelle Bilanz recht gut. Auch der Global Competitiveness Index zeigt durchausinteressante Ergebnisse für einige andere Länder. Er wertet insgesamt zwölf Indikatoren aus, die von Institutionen über Infrastruktur und Bildung bis hin zu Unternehmenskultur und Innovation reichen. Die Skala reicht von 1 bis 7, und die Gesamtpunktzahl der von CAPITO untersuchten Länder variierte 2010/11 zwischen 3,84 (Serbien) und 4,51 (Polen). 2011 wurden beim International Property Rights Index, der den Schutz dieser Rechte auf einer Skala von 0 bis 10 bewertet, Werte zwischen 4,2 (Serbien) und 6,4 (Ungarn) erzielt. Zweifellos sind die Unterschiede zwischen z.B. Ungarn und Polen auf der einen Seite und Bulgarien, Rumänien, Russland und Serbien auf der anderen noch nicht ganz verschwunden, aber sie haben sich beträchtlich verringert. Das tritt noch deutlicher zutage, wenn man die verschiedenen Punktzahlen in ihre einzelnen Komponenten aufschlüsselt. Was z.B. die Rechenschaftspflicht privater Institutionen (ein wesentliches Element von governance) angeht, kommt Rumänien in jüngster Zeit sehr nahe an Ungarn heran.20

Das TNE-Schema hat sich aus heuristischer Sicht bei unseren Feldstudien noch unter anderen wichtigen Aspekten als hilfreich erwiesen:

– Divergenz. Wenn wir von der nationalen Ebene hinabsteigen, mag die Konvergenz zwischen den Ländern mit einer scharfen Divergenz der Entwicklung individueller Felder und, innerhalb der Felder, der Entwicklung von Vergleichsvariablen einhergehen. Selbst auf den ersten beiden Feldern, Privateigentum und Markt, wo der Kapitalismus in den meisten der von CAPITO untersuchten Länder gleichermaßen gut etabliert erscheint, erkennt man beträchtliche Unterschiede über Ländergrenzen hinweg zwischen, sagen wir, der Zusammensetzung des öffentlichen Eigentums, dem Schutz privater Eigentumsrechte oder der Preisregulierung. Die Divergenzthese gilt auch für die Variablen und Felder innerhalb einzelner Länder. Ein wohlbekanntes Beispiel sind die entgegengesetzten Bewegungen bei der Marktregulierung: Während die Arbeitsmärkte in den meisten osteuropäischen Wirtschaften ungefähr in der letzten Dekade liberalisiert wurden, folgen die Kapitalmärkte in den letzten Jahren ebenfalls einem globalen Trend – dem zunehmender staatlicher Intervention. Ein ähnliches Muster lässt sich in den letzten Jahren in vielen Ländern der Region an den Wohlfahrtsregimen beobachten, wo eine schleichende Privatisierung der Gesundheitsvorsorge mit zunehmenden staatlichen Eingriffen in das Rentensystem einhergeht.

Die ersten beiden Felder zeigen das höchste Maß an Nachahmung, während sich Tradition und Erfindung deutlicher bei den beiden anderen auswirken, d.h. beim Wohlfahrtsregime und bei der politischen Ökonomie (bei anhaltender Dominanz der Nachahmung). Klammert man sich da an die Vergangenheit, während man gleichzeitig kühne Experimente anstellt? Es mag ein wenig paradox erscheinen, aber ist es nicht genau das, was Staaten zu tun pflegen, insbesondere, wenn ihre Souveränität nicht von größeren Mächten eingeschränkt wird? Das dritte und das vierte Feld gehören nun genau zu jenen Segmenten des Kapitalismus, in denen der acquis communautaire bislang noch relativ wenige Beschränkungen auferlegt.

– Begrenzte Konvergenz. Ein interessanter Aspekt der Divergenz zwischen den Entwicklungsmustern der Felder ist, dass sie den alten Traum eines ausgewogenen und linearen »Aufholens zum Westen« platzen lassen kann. Natürlich würde selbst eine anhaltende Konvergenz innerhalb des »Ostens« nicht notwendigerweise zu einer stets wachsenden Ähnlichkeit mit dem »Westen« führen. Es könnte sein, dass am Ende der osteuropäische »Durchschnitt« des Kapitalismus nicht sehr nahe am westlichen liegen wird. Die einseitige Annäherung zum Beispiel zwischen Osteuropa und der EU, wie stürmisch und erfolgreich sie zu Beginn auch gewesen sein mag,21 könnte an einem bestimmten Punkt ins Stocken geraten oder einen Rückschlag erleiden, und die Angleichung könnte bestenfalls asymptotisch verlaufen. In diesem Fall wird Osteuropa auf lange Zeit hin keine Region »normaler Länder« im westlichen Sinn von Normalität werden.

Insbesondere die Vergleichsvariablen auf dem vierten Feld, der politischen Ökonomie, legen nahe, dass es eine Decke gibt, durch die die aufstrebenden kapitalistischen Institutionen in absehbarer Zukunft nicht leicht hindurchbrechen werden. Wahrscheinlich werden die kapitalistischen Regime der untersuchten Länder etatistischer und stärker auf Umverteilung ausgerichtet sein, sie werden oligarchischer, informeller, korrupter, antisolidarischer und stärker populistischen Zyklen ausgesetzt sein als die meisten europäischen oder nordamerikanischen. Mit anderen Worten: Eine Reihe grundlegender kapitalistischer Institutionen könnte formal eine lehrbuchhafte Vollkommenheit erreichen, während in der realen Welt etwas ganz anderes geschieht. Darüber hinaus kann man wiederkehrende Ausbrüche antikapitalistischer Ressentiments unter den Bürgern, die den Kapitalismus üblicherweise als zweit- oder drittbeste Lösung betrachten, nicht ausschließen (vgl. Claus Offes treffenden Ausdruck »Contre-coeur-Kapitalismus« – übrigens eine weitere Metapher).

Angesichts dieser Art von Quasi-Nachahmung oder simulierter Nachahmung (ich würde es »Semulation« nennen, aus Simulation und Emulation) hält das Forschungsprojekt CAPITO für uns Osteuropäer eine schmerzliche Lektion bereit. Statt unsere Kapitalismen ständig mit unseren westlichen Nachbarn zu vergleichen, müssen wir vielleicht eher mit einer weniger ehrgeizigen Analogie vorliebnehmen, jener der »südlichen« Varianten des Kapitalismus. Hier wäre das Aufholen zu den Mittelmeerländern der EU das anfänglich bestmögliche Szenario, was immer man von ihren aktuellen Kalamitäten hält.

– Neu, weil gemischt? Das führt mich zurück zum letzten Element des TNE-Schemas, der Erfindung, genauer gesagt, ihrem Fehlen. Anscheinend ist diese Tatsache für Osteuropäer noch schwerer zu verdauen als das Image eines »unauffälligen« Landes mittleren Einkommens. CAPITO bietet jedoch etwas Trost. Wenn wir nicht nur die höchst authentischen und weitreichenden Innovationen in Rechnung stellen (wie zum Beispiel die Einführung des Wohlfahrtsstaats im letzten Jahrhundert), sondern auch Anwendungs- oder Folgeinnovationen mitzählen, kann die Region ziemlich zufrieden sein, zum Beispiel mit ihren privaten Rentenversicherungen oder der flat tax. Was immer man über die Vor- und Nachteile denkt, Osteuropa stellte für diese Regime ein riesiges Laboratorium dar.

Ohne Zweifel gibt es auch einige beängstigende Neuheiten, vor allem auf dem Gebiet der politischen Ökonomie. Der Postkommunismus liefert unzählige Muster für kollektivistische/autoritäre/illiberale Regime22 auf allen Ebenen der Wirtschaft, angefangen mit nationalen Regierungen, die massiv die Rechtsstaatlichkeit missachten, bis hinunter zu lokalen Machtnetzwerken, die in entlegenen Dörfern über Leben und Tod entscheiden. Wie von unserer Arbeitshypothese vorhergesagt, wurden viele der neuen kapitalistischen Regime auch von unten gestaltet. Die Pauschalbesteuerung zum Beispiel war ein kombiniertes Ergebnis einer nichtegalitären Sozialphilosophie und der prosaischen Tatsache umfangreicher Steuerhinterziehung. In ähnlicher Weise hätten private Rentenversicherungen nicht in großem Umfang ins Leben gerufen werden können, wenn die Menschen darauf vertraut hätten, dass die Regierungen langfristig ihre fiskalischen Versprechen einhalten.

– Tradition der Dualität. Schließlich darf Hybridität nicht mit Dualität verwechselt werden. Erstere bezeichnet ein Maß an »organischer« Durchdringung der Bestandteile, während Letztere ihre bloße Koexistenz nahelegt. Praktisch alle unsere Feldstudien zeigen beharrliche Dualismen bei der Entwicklung kapitalistischer Regime und verweisen auf das Überleben kleinerer oder größerer Inseln älterer nichtkapitalistischer oder nur partiell kapitalistischer Arrangements innerhalb des Neuen. Der Agrarsektor in Rumänien, der allmächtige Staat in Serbien, die Polska Solidarna in Polen, die kommunale Tradition in Bulgarien, die von oben gelenkten Reformzyklen in Russland usw.: Sie alle verkörpern Institutionen und Kulturen, die offensichtlich bis in vorkommunistische Zeiten zurückreichen und unter dem Kommunismus noch gestärkt wurden. So kehrten wir zurück zur Tradition, dem ersten Element des Schemas von »Tradition, Nachahmung und Erfindung«, um zu erkennen, dass die Länder ihr Erbe doch nicht ganz vergessen haben. Vielleicht können wir dieses Erbe nicht immer in der rechtlichen Ausgestaltung der neu entstehenden kapitalistischen Regime ausmachen, aber es scheint trotzdem in dem Verhalten jener durch, die dafür sorgen, dass diese Regime funktionieren.

Ein politisch inkorrekter Witz, den mir ein russischer Kollege erzählt hat, mag diese Zweideutigkeit illustrieren: Fragt ein Wirtschaftsprofessor seinen Studenten: »Wie definieren Sie das Konzept der feindlichen Übernahme po russki?« – »In Amerika«, erwidert der Student, »ist diese Transaktion aufgrund gesetzlicher Bestimmungen unsinnig kompliziert. In Russland ist alles menschlicher und einfacher: Du schickst einen Auftragskiller zum Eigentümer des Unternehmens, das du erwerben möchtest, und wenn der Eigentümer ihm nicht mehr zahlt als du und der Killer nicht selbst das Unternehmen übernehmen möchte und der stärkste Silowik in der örtlichen Verwaltung nicht beschlossen hat, das Unternehmen seiner Tochter zum Geburtstag zu schenken, und dein Name nicht mit ›Ch‹ beginnt und mit ›odorkowski‹ endet, dann wirst du wahrscheinlich am Leben bleiben und das Unternehmen wird dir gehören – vorausgesetzt, dass es überhaupt existiert.«

Die Tatsache, dass man keine festgefügten und markanten Ländertypen identifizieren kann, bedeutet noch nicht, dass sich über den sich in der Region herausbildenden Kapitalismus als solchen nichts Sinnvolles sagen ließe. Es wäre schwierig, eine umfassende Liste der wichtigsten Merkmale des Typus zu definieren, auf den sich die osteuropäischen Kapitalismusspielarten in den letzten zwanzig Jahren zubewegt zu haben scheinen. Einige dieser Merkmale ließen sich jedoch vielleicht in einen langen Satz zwängen: Der 2012er Jahrgang des osteuropäischen Kapitalismus nähert sich langsam dem »europäischen Durchschnitt«, wird ihn jedoch womöglich nie erreichen (es sei denn, Europa fängt an, sich auf uns zuzubewegen); er zeigt »südländische« Züge; er ist fragmentiert, informell, inkonsistent und volatil, seiner eigenen liberalen Errungenschaften überdrüssig und in seine eigenen Mehrdeutigkeiten verliebt; er zeigt eine Neigung zur Simulation, zollt seinen eigenen Traditionen Lippenbekenntnisse und fürchtet gleichzeitig Innovation.

Das fehlende Normalmaß

Trotz der detaillierten Feldstudien und einer Vielzahl von Vergleichsvariablen ist CAPITO in seiner gegenwärtigen Gestalt eine im Wesentlichen qualitative Untersuchung, gestützt auf Literaturauswertung und Expertenurteile. Zudem soll nicht unterschlagen werden, dass unser vergleichender Ansatz unter einer Reihe von Unsicherheiten leidet. Wie lässt sich bei der Einschätzung der Macht der Tradition eine Unterscheidung zwischen den ineinandergreifenden vorkommunistischen und kommunistischen Erbschaften treffen? Gibt es keine Überlappungen zwischen dem »amerikanischen« und dem »europäischen« Einfluss auf die Entwicklung des Kapitalismus? Wie soll man Normalität in einer Weise definieren, die es ermöglicht, aus ihr einen Maßstab für Innovation abzuleiten? Etc.

Eine weitere Schwierigkeit liegt darin, die Mehrzahl der Vergleichsvariablen zu messen; deshalb eignen sie sich nicht zur Aufaddierung, insbesondere, wenn sie sich innerhalb einzelner Felder oder feldübergreifend in unterschiedliche Richtungen bewegen. Zudem hatten wir mit solchen Inkonsistenzen selbst dort zu kämpfen, wo wir Veränderungen quantifizieren konnten, weil die Lücken zwischen dem Bauplan, dem informellen Leben und der tatsächlichen Leistung einer Institution (ganz gleich, ob traditionell, nachgeahmt oder neu erfunden) sich nicht erklären lassen, ohne näher an die realen Praktiken heranzukommen. Sich einer anthropologischen Herangehensweise zu befleißigen, ist von daher, wie ich glaube, ein Muss. Womit wir wieder bei den Wirtschaftskulturen angelangt wären …

Schließlich mag die Verwischung der nationalen Typen eine optische Täuschung sein, die sich aus der Auswahl der von CAPITO untersuchten Länder ergibt. Es lässt sich nicht ausschließen, dass ein farbigeres Bild entstanden wäre, wenn andere osteuropäische Länder in den Vergleich aufgenommen worden wären (etwa einige der ehemaligen Sowjetrepubliken wischen den Extremen von z.B. Estland und Turkmenistan) oder weitere Länder aus unserer Gruppe »revolutionäre« Veränderungen wie heute Ungarn durchgemacht hätten. Das Schicksal meines Landes ist eine deutliche Warnung: Typologien auf Länderbasis sind extrem fragil. Vor zwei Jahren hatte die ungarische Regierung noch nicht damit begonnen, große Unternehmen wieder zu verstaatlichen und neue zu gründen; die privaten Rentenversicherungsfonds waren noch nicht konfisziert und die öffentlichen Finanzen noch nicht zentralisiert; das Land hatte immer noch ein starkes und unabhängiges Verfassungsgericht, einen Haushaltsrat und eine Kartellbehörde ebenso wie freie Medien; es gab noch keinen Parteistaat, der die Sozialpartner, die Zivilgesellschaft usw. von der Entscheidungsfindung ausschließt; die Ideologen der Regierungspartei bewunderten nicht den »chinesischen Weg«, erwarteten nicht den nahen Untergang des Abendlandes und liebäugelten nicht mit der Idee, aus der EU auszutreten. Wenn es Ungarn auf die eine oder andere Weise gelänge, sich von der Welt der Kopenhagener Kriterien abzukoppeln (etwas, was ich mir vor einem Jahr noch nicht hätte vorstellen können) und doch in der EU zu bleiben, stünde jene unserer vorläufigen Schlussfolgerungen, die die Konvergenz der osteuropäischen Kapitalismusspielarten mit der Anziehungskraft der Union verbindet, ernstlich in Frage.

Ich habe meinen Artikel mit einer Reihe von Fragen begonnen und in dieser Weise möchte ihn auch schließen. Vorausgesetzt, wir können den Konvergenzpunkt der entstehenden kapitalistischen Regime in der Region genauer bestimmen als mithilfe »langer Sätze«, könnten wir dann auch seine Entfernung vom »europäischen Durchschnitt« angeben? Existiert ein solcher Durchschnitt noch? Lässt er sich immer noch mit derselben
Gewissheit durch den acquis communautaire, den gemeinschaftlichen Besitzstand, symbolisieren, wie es der Fall war, als unsere Forschungsgruppe mit der Planung von CAPITO begann, d.h. in der optimistischen Stimmung des Erweiterungsprozesses vor der Krise? Unglücklicherweise erlebt die nächstgelegene Vergleichsbasis für die neuen kapitalistischen Regime, nämlich die Varianten des westeuropäischen Kapitalismus, selbst beträchtliche Veränderungen, die drohen, die Union in zwei Gruppen von mehr und von weniger »anständigen« (disziplinierten, umsichtigen, wohlhabenden usw.) Ländern zu spalten. Zudem scheinen sich die Kriterien für Anstand auf eine breitere und tiefere Koordination zuzubewegen, um es mit einer für den VoC-Ansatz typischen Untertreibung für schärfere staatliche Eingriffe auszudrücken.

Natürlich könnte eine solche Spaltung der Europäischen Union das Leben der Komparatisten erleichtern, da sie bei der Bildung von Typologien den Ort für die neuen kapitalistischen Regime Osteuropas nicht mehr zwischen Schweden und Griechenland suchen müssten. Sie könnten sich künftig nur auf Griechenland konzentrieren …

Erschienen in Transit – Europäische Revue, Nr. 43
(Aus dem Englischen von Andreas Simon dos Santos)

Anmerkungen

1 Ursprünglich gehörten unserer Forschungsgruppe Dragos Aligica, Roumen Avramov, Jacek Kochanowicz, Mladen Lazic, Violetta Zentai und ich selbst an. Später luden wir Georgy Ganev, Mihaly Fazekas, Leonid Kosals, Aura Matei, Jelena Pesic und Karol Pogorzelski zur Teilnahme ein. Das Projekt wurde vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank gefördert.

2 Vgl. Janos Matyas Kovacs / Violetta Zentai (Hg.), Capitalism from Outside? Economic
Cultures in Eastern Europe after 1989, Budapest / New York 2012.

3 Besonderer Dank gilt meinen Kollegen in der CAPITO-Forschungsgruppe ebenso wie Philip Hanson, Peter Mihalyi, Claus Offe, Sandor Richter und Pekka Sutela für ihre wertvollen Anmerkungen. Zu meinen früheren Schriften über den Vergleich osteuropäischer Kapitalismusspielarten vgl. Janos Matyas Kovacs, »Which Past Matters? Culture and Economic Development in Eastern Europe after 1989«, in: Lawrence Harrison / Peter Berger (Hg.), Developing Cultures, London 2006; »Little America. Eastern European Economic Cultures in the EU«, in: Ivan Krastev / Alan McPherson (Hg.), The Anti-American Century, Budapest 2007; »Various Varieties. On the Classification of New Capitalisms in Eastern Europe«, in: Hans-Georg Soeffner (Hg.), Unsichere Zeiten. Herausforderungen gesellschaftlicher Transformationen, Wiesbaden 2010.

4 Diese Liste erweitert sich ständig. Viele ihrer Quellen finden sich in den folgenden Fußnoten.

5 Vgl. z.B. Paul Gregory / Robert Stuart, Comparing Economic Systems in the Twenty-
first Century, Boston 2004.

6 Für eine persönliche Geschichte und die aktuellen Tendenzen in der komparativen Ökonomie vgl. Philip Hanson, »The Tasks Ahead in Comparative Economic Studies. What Should We Be Comparing«, in: Japanese Journal of Comparative Economics, Bd. 44, Nr. 1 (2007).

7 Vgl. z.B. Josef Brada, »The New Comparative Economics versus the Old«, in: The European Journal of Comparative Economics, Bd. 6, Nr. 1 (2009).

8 Vgl. Janos Kornai, »The System Paradigm«, in: Waltraud Schekle u.a. (Hg.), Paradigms
of Social Change, Frankfurt 2000.

9 Zu ihren Zielen vgl. Simeon Djankov et al., »The New Comparative Economics«, in: Journal of Comparative Economics, Bd. 31, Nr. 4 (2003).

10 Vgl. z.B. Daron Acemoglu, Economic Origins of Dictatorship and Democracy, Cambridge 2005. Für eine »bodenständige« Herangehensweise der neuen Institutionenforschung an die osteuropäischen Transformationsprozesse vgl. Gerard Roland, Transition and Economics. Politics, Markets, and Firms, Cambridge (Mass.) 2004. In Osteuropa sind es vielleicht ihre russischen Anhänger (Sergei Guriev, Konstantin Sonin, Ekaterina Zhuravskaia und andere), die die bislang anregendsten Forschungsprogramme auf den Weg gebracht haben.

11 Vgl. z.B. Bruno Amable, The Diversity of Modern Capitalism, Oxford 2003; Colin Crouch, Capitalist Diversity and Change, Oxford 2005; Peter Hall / David Soskice (Hg.), Varieties of Capitalism. The Institutional Foundations of Comparative Advantage, Oxford 2001; Bob Hancké, Martin Rhodes / Mark Thatcher (Hg.), Beyond Varieties of Capitalism. Conflict, Contradictions, and Complementarities in the European Economy, Oxford 2007; Vivien Schmidt, The Futures of European Capitalism, New York 2002; Wolfgang Streeck / Kathleen Thelen (Hg.), Beyond Continuity. Institutional Change in Advanced Political Economies, Oxford 2005.

12 Vgl. Amables fünf Typen: angelsächsischer, sozialdemokratischer, asiatischer, kontinentaleuropäischer und südeuropäischer Kapitalismus.

13 Zu den geistigen Quellen außerhalb des VoC-Paradigmas vgl. Claus Offe, Varieties of Transition. The East European and East German Experience, Cambridge 1996. Vgl. auch Clemens Buchen, »Estonia and Slovenia as Antipodes«, in: David Lane / Martin Myant (Hg.), Varieties of Capitalism in Post-Communist Countries, Basingstoke 2007; Dorothee Bohle / Bela Greskovits, »The State, Internationalization and Capitalist Diversity in Eastern Europe«, in: Competition and Change, Nr.2 (2007); dies., »Neoliberalism, Embedded Neoliberalism and Neocorporatism«, in: West European Politics, Nr. 3 (2007); dies., Capitalist Diversity on Europe’s Periphery, Cornell UP 2012; Lucian Cernat, Europeanization, Varieties of Capitalism and Economic Performance in Central and Eastern Europe, Basingstoke 2006; Bernard Chavance / Eric Magnin, »National Trajectories of Post-Socialist Transformation«, in: Michel Dobry (Hg.), Democratic and Capitalist Transitions in Europe, Dordrecht 2000; Magnus Feldmann, »The Origins of Varieties of Capitalism. Lessons from Post-Socialist Transition in Estonia and Slovenia«, in: Bob Hancké et al. (Hg.), Beyond Varieties of Capitalism, a.a.O.; Lawrence King, The Basic Features of Post-Communist Capitalism. Firms in Hungary, the Czech Republic and Slovakia, Westport (Conn.) u.a. 2001; ders., »Central European Capitalism in Comparative Perspective«, in: Bob Hancké et al., Beyond Varieties of Capitalism, a.a.O.; Mark Knell und Martin Srholec, »Diverging Pathways in Central and Eastern Europe«, in: David Lane und Martin Myant (Hg.), Varieties of Capitalism in Post-Communist Countries, a.a.O.; David Lane, »Post-State Socialism. A Diversity of Capitalisms?«, in: ebd.; Vlad Mykhnenko, »Strengths and Weaknesses of ›Weak Coordination‹. Economic Institutions, Revealed Comparative Advantages, and Socio-Economic Performance of Mixed Market Economies in Poland and Ukraine«, in: Bob Hancké et al. (Hg.), Beyond Varieties of Capitalism, a.a.O.; Andreas Nölke / Arjan Vliegenthart, »Enlarging the Varieties of Capitalism. The Emergence of Dependent Market Economies in East Central Europe«, in: World Politics, Nr. 4 (2009); Ivan Szelenyi / Lawrence King, »Post-Communist Economic Systems«, in: Neil Smelser / Richard Swedberg (Hg.), Handbook of Economic Sociology, Princeton 2005.

14 Vgl. auch Beata Farkas, die ebenfalls einen einzigen, alle Länder übergreifenden Typus für die Region definiert (»The Central and Eastern European Model of Capitalism«, in: Post-Communist Economies, Bd. 23, Nr. 1 (2011).)

15 Der Grund für unseren »atheoretischen« Ansatz ist einfach: Keine große Theorie ist verfügbar (auch kleine sind rar), die ihren Ursprung in der akkumulierten Erfahrung der letzten beiden Jahrzehnte in Osteuropa hätte.

16 Ich kann hier nicht jede einzelne dieser Variablen aufführen. Ich möchte nur ein Beispiel des Forschungsfeldes »politische Ökonomie« anführen. Hier wurden die Autoren gebeten, grundlegende Verfassungsformen, öffentliche Finanzen, Interessengruppen, lokale Machtstrukturen usw. abzudecken und eine große Vielzahl von Themen zu untersuchen, angefangen bei Informalität über Korruption, Korporatismus und parlamentarische Kontrolle bis hin zu Populismus und politischen Konjunkturzyklen.

17 Andrei Shleifer / Daniel Treisman, »A Normal Country. Russia after Communism«, in: Journal of Economic Perspectives, Winter 2005.

18 Ich fürchte, dass ich an diesem Punkt meine »Little America«-These überdenken muss, die eine fortlaufende Amerikanisierung Osteuropas vorhersagte, basierend auf einer raschen Liberalisierung des Eigentums, der Einführung privater Rentensysteme und der flat tax, einer schwachen Regulierung des Arbeitsmarktes und dergleichen mehr.

19 Vgl. Janos M. Kovacs / Violetta Zentai, »Defining the Indefinable. East-West Cultural
Encounters«, in: dies. (Hg.), Capitalism from Outside, a.a.O.

20 Vgl. www.doingbusiness.org; www.weforum.org/issues/global-competitiveness sowie www.internationalpropertyrightsindex.org.

21 Ich lasse hier das vielgefürchtete Phänomen einer »Veröstlichung des Westens« außer Acht, d.h. eine Art Kontamination aus dem Osten durch Migration, organisiertes Verbrechen, entgegengesetzte Unternehmens- und Arbeitskulturen etc.

22 Der Aufstieg und Fall einer originellen Hybridlösung, der »kollektivistischen Privatisierung«, wurde bereits erwähnt. Natürlich könnte man auch nach größeren Innovationen in der Grauzone zwischen Kapitalismus und Kommunismus suchen, wie sie China mit der Kohabitation von privatem Großeigentum, Markt und Parteistaat bietet.

Project Website: http://www.capitoproject.net/