„Patočka ist gestorben. Wir müssen etwas tun!“

Interview mit Klaus Nellen (IWM) über die Geschichte des Nachlasses von Jan Patočka, die Gründung des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen und die klandestine Zusammenarbeit mit den Schülern des tschechischen Philosophen in den 80er Jahren.

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Jan Patočka in den 1970er Jahren

Jan Patočka und das IWM

In den Erinnerungen an den tschechischen Philosophen Jan Patočka (1907–1977) wird häufig auf die Bedeutung des Samisdat und die damit verbundenen Tätigkeiten und Initiativen hingewiesen. In Prag war es eine Gruppe um Ivan Chvatík, den heutigen Leiter des Archivs, die nach Patočkas Tod am 13. März 1977 damit begann, diese Arbeiten zu organisieren, deren Resultat u.a. die 27-bändige Samisdat-Ausgabe von ausgewählten Schriften war. Weniger bekannt sind die parallel verlaufenden Aktivitäten der sog. „Wiener Gruppe“.

Jene „Wiener Gruppe“ formierte sich Anfang der 80er Jahre am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM). Eines der ersten großen Projekte des damals jungen Instituts war eine deutschsprachige Ausgabe von Ausgewählten Schriften Patočkas. Unter dieser Zielsetzung konnte in den 80er Jahren in Wien ein bis heute bestehendes Archiv mit Kopien von Patočkas Schriften aufgebaut werden und in der Folgezeit, in den Jahren 1987–1992, beim deutschen Verlag Klett-Cotta eine Auswahl seiner wichtigsten Schriften in einer Ausgabe von fünf umfangreichen Bänden erscheinen. Außer den Forschern vor Ort beteiligten sich an dieser Ausgabe maßgeblich auch tschechische Dissidenten, die in den 80er Jahren im Wiener Exil lebten.

Das Interesse am Nachlass Patočkas beschränkte sich aber keineswegs auf diese Edition. Der seit dieser Anfangszeit etablierte Forschungsschwerpunkt besteht am IWM bis heute fort und hat mit Forschungs- und Editionsprojekten zur europäischen Moderne, zur politischen Philosophie und zur Säkularismusdebatte das Archiv weiter entwickelt. All diese Projekte wurden mitinitiert und maßgeblich getragen von Ludger Hagedorn, der im Jahr 2015 die Leitung des Archivs übernommen hat. Neben den Aufgaben einer weiteren Erschließung und Edition von Patočkas Werk ist das Archiv über die Jahre immer mehr zu einem Ort für vielfältige philosophische und phänomenologische Forschung geworden. Ein besonderes Augenmerk galt und gilt dabei politischen und zivilisationstheoretischen Fragen, die in Zukunft mit Blick auf die leitende Thematik Europa – Nacheuropa weiter verstärkt werden sollen. Im Werk Patočkas ist die Frage nach den inneren Antinomien der modernen (europäischen) Zivilisation eindrücklich thematisiert, ihre volle Bedeutung entwickelt sie aber vielleicht erst im Kontext der gegenwärtigen postkolonialistischen Diskurse und der drängenden Fragen der Globalisierung.

Die ursprüngliche Idee zur Gründung des Instituts und zur Realisierung des Wiener Patočka-Projekts hatte der polnische Philosoph Krzysztof Michalski (1948–2013), ein Schüler Patočkas und später Rektor des IWM. An seiner Seite stand von Beginn an Klaus Nellen (*1948), studierter Philosoph und ehemaliger Mitarbeiter des Kölner Husserl-Archivs. Er spielte eine Schlüsselrolle bei der Realisierung des ersten Editionsprojekts und legte die Basis für die weitere Arbeit. Ihm ist maßgeblich zu verdanken, dass Patočkas Vermächtnis in Wien und darüber hinaus bis heute seine Bedeutung entfaltet. Für seine Verdienste wurde Nellen im Jahr 2007 die Jan Patočka Gedächtnismedaile (Pamětní medaile Jana Patočky) der Tschechischen Akademie der Wissenschaften verliehen.

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Jakub Homolka: Nach Patočkas Tod im Jahre 1977 begannen die Bemühungen um die Rettung und Erhaltung von Patočkas Nachlass. Wie kam es dazu, dass Sie sich daran beteiligten?

Klaus Nellen: Fangen wir nicht mit 1977 an, sondern mit der Zeit davor, denn alles hängt mit dem polnischen Philosophen Krzysztof Michalski zusammen. Ich habe ihn Mitte der 70er Jahre im Husserl Archiv der Universität zu Köln kennengelernt, wo er Humboldt-Stipendiat und ich wissenschaftlicher Mitarbeiter war. Er war seit 1973 in Kontakt mit Patočka und hatte mir auch ab und zu davon erzählt. Ich weiß noch, wie er am 13. März 1977 zu mir kam und sagte: „Patočka ist gestorben. Wir müssen etwas tun!“ Viel konnten wir damals allerdings nicht tun. Ich glaube mich zu erinnern, dass wir im Husserl-Archiv eine kleine Gedenkveranstaltung abhielten. Es sollte noch einige Jahre dauern, bis eine Möglichkeit geschaffen werden konnte, etwas für das Denken und den Nachlass von Patočka zu tun – und das hängt mit der Gründung des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen in Wien zusammen.


Wann genau wurde das Wiener Institut gegründet?

Die Idee hatte Michalski 1980 im Inter-University Zentrum (IUC) in Dubrovnik, wo er zusammen mit Hans-Georg Gadamer und Gottfried Böhm ein Seminar veranstaltete. Dieses Zentrum war damals einer der wenigen Orte, wo sich Wissenschaftler aus Ost und West zwanglos treffen konnten. Gegründet hat er das IWM dann 1982. Eines der ersten Projekte hier am Institut war der Forschungsschwerpunkt „Das philosophische Werk Jan Patočkas“, den es bis heute gibt, und der der Erforschung und Verbreitung des Denkens dieses bedeutenden mitteleuropäischen Philosophen gilt.


Krzysztof Michalski kennen vielleicht nicht alle. Könnten Sie sein Verhältnis zu Patočka erläutern?

Er war ein Schüler Patočkas. Michalski hatte Patočka in den 1970er Jahren dazu angeregt, sich mit der Philosophie der Geschichte zu beschäftigen. Herausgekommen sind die Ketzerischen Essays, das vielleicht wichtigste Werk Patočkas. So hat sich Michalski schon früh seinem Mentor verpflichtet gefühlt. Aber er hat ihn auch bewundert als Bürgerrechtler: das politische Ethos von Patočka war für ihn ein großes Vorbild. Man kann wohl sagen, dass er diesem Vorbild sein ganzes Leben lang nachgeeifert hat. Wie Patočka war Michalski nicht nur ein anerkannter akademischer Philosoph, sondern immer auch ein engagierter Bürger und Europäer. Das hat das Institut tief geprägt – es versteht sich eben auch als eine Institution der Zivilgesellschaft, als ein Ort, an dem man sich nicht nur um die Reflexion der Wirklichkeit bemüht, sondern auch um ihre Veränderung. Diesen Geist hat Jan Patočka verkörpert, der von Anbeginn eine Leitfigur für uns war und es bis heute ist, jedenfalls für die Gründergeneration.


Aber warum wurde das Institut in Wien gegründet? Warum nicht z.B. in Köln oder irgendwo in Deutschland, wo Sie beide sich in den 1970er Jahren aufhielten?

Es war eine pragmatische Wahl. Sie hatte zunächst wenig mit der Idee Mitteleuropas zu tun, hatte also keine philosophischen oder ideologischen Gründe. Der Grund war ganz einfach und hängt mit der praktischen Idee des Instituts zusammen: wir wollten die besten Intellektuellen und Wissenschaftler aus Osteuropa einladen und sie mit Kollegen aus dem Westen zusammenbringen. Einfach deshalb, weil die politische Teilung Europas zu einer sich immer weiter vertiefenden geistige Teilung Europas geführt hat. Die Folge war, dass im Osten die Intellektuellen weitgehend abgeschnitten waren von der Diskussion im Westen, und umgekehrt. Im Westen war das geistige Interesse an Osteuropa fast vollständig erloschen: in unseren Köpfen war Osteuropa ein grauer Monolith. Welche Arroganz!

Michalski hatte mich schon in den siebziger Jahren nach Polen eingeladen, und ich war fasziniert von der lebendigen intellektuellen Szene in Warschau. Kurz und gut, die Idee war, mit unseren bescheidenen Kräften dazu beizutragen, die Intellektuellen und Wissenschaftler aus diesen beiden Welten, in die Europa zerfallen war, wieder zusammenzubringen. Und dafür mussten wir einen Ort finden, der es unseren Gästen aus Osteuropa nicht zu schwer machen würde, eine Ausreiseerlaubnis zu erhalten. Österreich ist bis heute neutral, also war es z.B. für einen Polen viel leichter, nach Wien zu kommen als nach Köln oder Berlin. So war es im Kalten Krieg. Es ist übrigens eine Schande für den Westen, dass es nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für die Osteuropäer jenseits der EU-Grenze keineswegs leichter geworden ist, zu uns zu kommen: Früher machte man ihnen die Ausreise schwer, heute die Einreise.


War es für Sie schwierig, unter den Bedingungen des Kalten Krieges ein Institut mit einer solchen Mission zu gründen?

Ja, denn damals folgte die sogenannte „Ostpolitik“ – d.h. die politische Haltung nicht nur der Bundesrepublik Deutschland zu den osteuropäischen Staaten – der Doktrin der Entspannung: man glaubte, die ideologischen Gegensätze abbauen zu können, und setzte auf friedliche Koexistenz und Konvergenz. Während also die Regierungen in Deutschland und Österreich sich in ihren Gesprächen mit den Regimen im Osten um Entspannung bemühten, gab es im Osten Entwicklungen, die diese Gespräche empfindlich störten: Das waren die Dissidenten, und in Polen hatten sie einen alarmierenden Erfolg, nämlich in Gestalt der Solidarność. Hier war der Widerstand gegen das kommunistische Regime auf die Gesellschaft übergesprungen und mündete in eine Bewegung mit Millionen von Mitgliedern. Das führte bekanntlich dazu, dass General Jaruzelski im Dezember 1981 den Kriegszustand verhängte, um – so seine Begründung – der notorischen brüderlichen Hilfe zuvorzukommen. Ich erinnere mich noch gut, wie Helmut Schmidt, der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, damals die Solidarność ermahnte, nicht den Weltfrieden zu gefährden. Ähnlich dachte man auch in Österreich. Allerdings gab es eine bemerkenswerte Ausnahme, und das war Erhard Busek, damals Vizebürgermeister von Wien, der schon länger Kontakte zu Dissidenten pflegte und das Institut in seiner Gründungsphase tatkräftig unterstützte.

Es war also damals nicht opportun oder populär, Kontakte zu Dissidenten zu haben. Von daher war es nicht so leicht, für die Idee des Instituts Unterstützung zu finden, denn wir haben von Anfang an klar gemacht, welche Leute wir einladen wollen: Wir wollten den zahllosen Anstrengungen um einen Dialog mit Regime-Vertretern keine weiteren hinzufügen, wir wollten aber auch nicht das Gegenteil tun und eine Zuflucht für Dissidenten werden. Vielmehr wollten wir Menschen aus Osteuropa einladen, die selbständig denken. Selbst zu denken war unter den damaligen Bedingungen vielleicht das Schwierigste und konnte einen hohen Preis haben.


Kann man sagen, dass Patočka für die Gründer des Instituts ein Symbol für die Vermittlung zwischen West und Ost war?

Ja, Patočka war sein ganzes Leben lang ein Vermittler: er hat in Freiburg bei Husserl und Heidegger studiert, er hat die Phänomenologie nach Prag gebracht und dort weiterentwickelt. Und umgekehrt hat er den Beitrag Mitteleuropas zur Moderne erforscht; ebenso war er davon überzeugt, dass die Tschechen eine besondere Verantwortung für Europa tragen. Patočkas Denken in den westlichen Kontext einzubringen, war daher ein wichtiger Teil unserer Aufgabe.


Wie sah das praktisch aus?

Gleich zu Anfang, in den Jahren 1984/1985, organisierten wir zwei kleine Konferenzen, zu denen wir alle Leute eingeladen hatten, die etwas zum Werk von Patočka zu sagen hatten. Dort waren zum Beispiel zwei alte Freunde Patočkas: Walter Biemel, der bei Martin Heidegger studiert hatte, und Ludwig Landgrebe, ein Schüler Husserls, mit dem Patočka schon im Prag der 1930er Jahre zusammengearbeitet hatte. Es kamen, neben anderen, auch der britische Philosoph Roger Scruton oder der Komeniologe Klaus Schaller, und natürlich tschechische Philosophen wie Ilja Šrubař, Erazim Kohák und Václav Bělohradský. Patočkas Kollegen und Studenten, die damals in der Tschechoslowakei lebten, konnten allerdings nicht kommen.

Auf diesen Konferenzen haben wir die Konzeption der „Ausgewählten Schriften“, einer fünf-bändigen Ausgabe in deutscher Sprache, diskutiert. Zu deren Realisierung brauchten wir dann einen Verlag und natürlich Leute, die an der Ausgabe arbeiten würden. Michalski konnte den Verleger Michael Klett gewinnen, und der Österreichische Wissenschaftsfond (FWF) hat die Mittel für die Übersetzung und Herausgabe der Bände zur Verfügung gestellt.


Wie ging dann die Arbeit an den „Ausgewählten Schriften“ weiter?

Die Voraussetzung war natürlich, dass man Zugang zu einem möglichst vollständigen Korpus der Schriften des Philosophen hat, sonst kann ja man nicht vernünftig auswählen. Daher habe ich schon sehr früh zur Familie von Patočka in Prag und zu seinen Schülern Kontakt aufgenommen, um schließlich in Wien ein Archiv aufzubauen.


Das bedeutet, dass Sie persönlich nach Prag reisten?

Ja, ich war oft dort.


Mit wem hatten Sie den ersten Kontakt?

Soweit ich mich erinnere, habe ich zuerst Jan Sokol kennengelernt – wohl über Empfehlung von Walter Biemel –, und Sokol hat mich dann mit Schülern Patočkas in Verbindung gebracht. Der erste war natürlich Ivan Chvatík, aber auch Pavel Kouba und Petr Rezek gehörten zu der Gruppe, die ich dann immer wieder getroffen habe, später kam Petr Pithart hinzu.


Patočkas Schüler haben Ihnen dann die Schriften übergeben?

Nach Patočkas Tod hatte Ivan Chvatik den Nachlass aus Patočkas Haus an einen sicheren Ort gebracht und angefangen, ihn systematisch im Samisdat herauszugeben; gleichzeitig begann er, ihn zu kopieren, natürlich heimlich. Sie müssen wissen, dass damals die wenigen Kopierer, die es gab, einer strengen Reglementierung unterlagen, um die Verbreitung unbotmäßiger Schriften zu unterbinden. Ein Satz Kopien war für Wien bestimmt. Nach und nach wurden alle Schriften, die damals bekannt waren, kopiert und nach Wien gebracht.


Wie genau wurden die Kopien von Patočkas Schriften aus Prag nach Wien gebracht?

Auf zwei Wegen: Zum einen bin ich zwischen Prag und Wien gependelt. Ich war immer sehr gerne in Prag, und es waren aufregende Zeiten für mich. Die Manuskripte transportierte ich in meinem Koffer. Natürlich wurde man an der Grenze überprüft. Auf die einschlägigen Fragen des tschechoslowakischen Zolls hin sagte ich immer, dass es sich um meine persönlichen Manuskripte handele. Die Grenzbeamten schienen nicht besonders interessiert, sie sich genauer anzuschauen. Bis heute weiß ich nicht, wie stark sich das Regime in den 1980er Jahren noch für die Schriften Patočkas interessierte.

Der andere Weg war der diplomatische: Wir hatten Freunde unter den deutschen und österreichischen Diplomaten, die Manuskripte im Diplomatengepäck nach Wien brachten. Auf diese Weise konnten wir in relativ kurzer Zeit ein Spiegel-Archiv in Wien aufbauen, das den Prager Bestand in Kopie reflektierte. Und so konnten wir bald mit der Herausgabe der Schriften beginnen.


Und haben Sie umgekehrt auch etwas von Wien mit nach Prag genommen?

Auf jedem Weg von hier nach dort habe ich wissenschaftliche Fachliteratur mitgenommen, meistenteils für Peter Rezek. Die Jan Hus Foundation finanzierte damals Bücher für Kollegen in Osteuropa, damit sie nicht von der westlichen Literatur abgeschnitten blieben. Peter schickte mir regelmäßig Wunschlisten, ich habe die Bücher dann gekauft und nach Prag geschleppt. Bei diesen Wegen wandte ich prophylaktisch einen simplen Trick an: es lag immer ein Playboy-Heft bei den Büchern, das sofort die Aufmerksamkeit absorbierte. Die Zöllner schauten mich dann vorwurfsvoll an und beschlagnahmten das subversive Produkt, nicht ohne mir eine Quittung auszuhändigen. Die Bücher durfte ich behalten. Am Ende hatte Peter eine wunderbare Bibliothek zuhause, die aber für alle zugänglich war. Auf dem Rückweg habe ich dann wieder Papiere mitgenommen – eine kleine, fleißige Ameise zwischen West und Ost.


Zurück zu Patočkas Schriften: Sie sind der Mitherausgeber aller 5 Bände – was war genau Ihre Rolle?

Eine prekäre Rolle eigentlich. Ich war in der Tat Mitherausgeber aller 5 Bände, ohne aber das Tschechische zu beherrschen. Es fand sich damals kein anderer Herausgeber mit Deutsch als Muttersprache, der gleichzeitig Tschechisch gelesen hätte und philosophisch gebildet gewesen wäre. Mit dieser Situation mussten wir zurechtkommen. Wir haben daher für alle Bände tschechische Kollegen als Mitherausgeber herangezogen – Jiří Němec war der wichtigste, weil vor Ort, sowie Ilja Šrubař, Petr Pithart und Miroslav Pojar. Němec lebte als Flüchtling in Wien, und wir trafen uns fast täglich.


Und wie sah die praktische Arbeit an den Bänden aus?

Als erstes haben wir eine Auswahl der Texte getroffen. Dann haben wir die
Übersetzungen in Auftrag gegeben. Das Problem war wiederum, dass es damals praktisch keine Übersetzer gab, die Sprachkompetenz mit Fachkompetenz vereinigten. Ilja Šrubař und seine Frau waren die Ausnahme, aber sie konnten wegen ihrer anderen Verpflichtungen nur einen Teil übersetzen. Wir haben also mit den besten Literatur-Übersetzern gearbeitet, die sicher ihr Bestes gegeben haben. Die Aufgabe von Jiří und mir war es dann, die philosophische Terminologie zu überprüfen. Das war auch deshalb eine schwierige Aufgabe, weil Patočka die deutsche Terminologie im Tschechischen weiter entwickelt hat und sie nun zurück ins Deutsche gebracht werden musste.

Meine Aufgabe war, die Übersetzungen als erster zu lesen, um zu sie auf Konsistenz zu prüfen bzw. Unklarheiten zu identifizieren. Danach bin ich mit den Mitherausgebern Satz für Satz durch die Texte gegangen. Das war eine mühsame Arbeit, das Ergebnis liegt seit 1992 in den 5 Bänden vor.


Sie haben mit einer ganzen Reihe von tschechischen Kollegen zusammengearbeitet, doch – wie Sie selbst erwähnten – war Jiří Němec wohl der wichtigste für Sie. Stimmt das?

Ja, er lebte als politischer Flüchtling hier in Wien und wurde uns von den Kollegen in Prag als Mitherausgeber empfohlen. Jiřís Mitarbeit war entscheidend für das ganze Unternehmen. In den späten 1980er Jahren hat Erhard Busek geholfen, ihm ein Forschungsprojekt zu verschaffen, mit dem er sich über Wasser halten konnte. Natürlich war Jiří von Anfang an unglücklich, dass er in Wien sitzen musste und nicht mehr nach Prag konnte. Er war kein glücklicher Mensch, ich glaube, er litt unter Depressionen. In Prag war er ein Guru gewesen, ein intellektueller Star, aber in Wien interessierte sich so gut wie niemand für ihn. Das war wohl sehr bitter für ihn. Die Mitarbeit an unserem Projekt verband ihn wieder mit Prag und war vielleicht eine kleine Kompensation.


Eine andere Person, die in den 1980er Jahren als Visiting Fellow am IWM arbeitete, war der Philosoph Erazim Kohák.

Kohák, der damals in Boston lehrte, spielte für unser Projekt eine wichtige Rolle. Er hat sich durch den gesamten Bestand des Archiv gearbeitet und versucht, ihn zu systematisieren. Das hat uns geholfen, uns einen Überblick zu verschaffen, wobei Kohák einen ganz bestimmten Zugang zu Patočka hatte. Später arbeitete er dann mit einem Schüler von Krzysztof Michalski, James Dodd, an englischen Übersetzungen der Werke Patočkas.


Sie haben die Kooperation zwischen Wien und der Gruppe im Prag beschrieben. Wie änderte sich die Arbeit nach 1989, als das klandestine Jan Patočka-Archiv in Prag endlich eine offizielle Institution wurde?

Das Wiener Archiv war inzwischen zu einem Ort geworden, an dem zahlreiche Wissenschaftler zu Patočka arbeiteten. Zu den Visiting Fellows gehörte auch Erika Abrams, die als ausgezeichnete Übersetzerin der französischen Ausgabe von Patočkas Schriften bekannt ist und für ihre Verdienste das Ehredoktorat der Prager Karls-Universität erhielt. In Kooperation mit Prag haben wir das Archiv fortlaufend ausgebaut und aktualisiert, so war z.B. in den 1990er Jahren der sog. Strahov-Nachlass hinzugekommen. Zugleich folgten dem ersten Projekt – der Edition der 5-bändigen Ausgabe – weitere mehrjährige Forschungsprojekte zum Werk des tschechischen Philosophen. Und in der Zwischenzeit war eine neue Generation von Patočka-Forschern herangewachsen. Hier will ich vor allem Ludger Hagedorn nennen, der Slawistik und Philosophie studiert hatte und bald zu einer tragenden Säule der Patočka-Forschung am IWM werden sollte.


Das internationale Interesse an Patočka hält also bis heute an. Aber der Kontext für dieses Interesse hat sich verändert – es ist nicht dasselbe wie vor 1989. Wie würden Sie den Unterschied beschreiben?

Ja, es ist sicher anderes als früher. Insbesondere hat das Interesse für die Generation der Dissidenten, das Interesse an den Dissidenten als Leitfiguren und öffentliche Intellektuelle, nachgelassen. Václav Havel ist dafür nur das prominenteste Beispiel. Entsprechend wurde Patočka damals eher als mutiger Bürgerrechtler wahrgenommen, denn als Philosoph, natürlich auch weil man sein philosophisches Werk noch nicht so gut kannte. Ich glaube, hier müssen wir einfach geduldig sein – Patočkas Zeit kommt erst noch.


Trotzdem – kann man diesen Idealismus der damaligen Zeit, der auch in Patočkas Nachlass zu finden ist, heute noch spüren, oder ist das alles vergangen?

Havel ist im Pantheon, wird also eine wichtige historische Figur bleiben. Ob aber die Menschen sich heute noch von ihm inspirieren lassen, das weiß ich nicht. Die Postmoderne hat die von den Dissidenten verkörperten Werte plötzlich altmodisch aussehen lassen. Doch wenn man an den Maidan in der Ukraine denkt, sind eben unsere Grundwerte und die Idee Europas, die für Patočka so zentral waren und die wir hier im Westen fast schon vergessen haben, plötzlich wieder da und entfalten eine große Kraft. Ich hoffe, dass die Ukrainer ihren Enthusiasmus trotz des Kriegs in ihrem Land bewahren können und dass etwas davon auf uns überspringt. Ich bin sicher, Patočka hätte das nicht anders gesehen.

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Nachwort: Die Edition von Patočkas Werk

Der schriftliche Nachlass Jan Patočkas zeichnet sich durch einige Besonderheiten aus. Zum einen ist dies die Tatsache, dass es sich bei einem großen Teil davon um Manuskripte handelt, die zu Lebzeiten des Autors nicht veröffentlicht wurden; darunter finden sich sowohl umfangreiche Studien wie auch kürzere Texte, Anmerkungen oder Entwürfe. Zum zweiten ist Patočkas Oeuvre besonders im Hinblick auf seine breite thematische Ausrichtung: Beiträge zur Phänomenologie, Geschichtsphilosophie oder antiken Philosophie sind ebenso präsent wie Studien etwa zu Kunst, tschechischer Kultur und Geschichte oder zur Komeniologie. Die verschiedenen Editionen seines Werkes folgen in der Regel diesen Themenbereichen.

Nicht anders verhält es sich auch im Fall der deutschsprachigen Ausgabe, die unter der Leitung von Klaus Nellen mit seinen tschechischen Mitarbeitern Jiří Němec, Ilja Šrubař, Petr Pithart und Miroslav Pojar am Wiener IWM ausgearbeitet und im Verlag Klett-Cotta publiziert wurde. Als erstes erschien ein Band, der sich Patočkas Arbeiten zu Fragen der Kunst und Kultur widmete (Kunst und Zeit, 1987), es folgten die Beiträge zur Geschichtsphilosophie (Ketzerische Essais zur Philosophie der Geschichte und ergänzende Schriften, 1988), welche u.a. das berühmte Hauptwerk enthalten, das dem Band seinen Titel gab, sowie auch die Reflexion zur „nach-europäischen“ Epoche. Im weiteren erschienen zwei Bände mit phänomenologischen Schriften (Die natürliche Welt als philosophisches Problem, 1990, und Die Bewegung der menschlichen Existenz, 1991). Die Reihe wurde dann abgeschlossen mit den Schriften zur tschechischen Kultur und Geschichte (1992), die u.a. den Essay „Was sind die Tschechen?“ sowie die Texte zur Charta 77 enthielten.

Ins Deutsche wurden in der Folgezeit natürlich noch eine ganze Reihe weiterer Texte übersetzt. Wenn von Übersetzung die Rede ist, sollte aber auch die Vielzahl der Übersetzungen ins Französische erwähnt werden, die insbesondere dem Einsatz der Übersetzerin Erika Abrams zu verdanken sind. Vergleichsweise bescheiden sind hingegen die englischsprachigen Übersetzungen, um die sich vor allem Erazim Kohák verdient machte. Weiterhin wurden verschiedene Texte Patočkas in eine Reihe von anderen Sprachen übertragen.

Den systematischsten und umfangreichsten Versuch zur Strukturierung von Patočkas Nachlass stellt natürlich die tschechische Werkausgabe der Sebrané spisy Jana Patočky (Gesammelte Schriften) dar, welche die frühere Samisdat-Ausgabe ersetzt. Verantwortlich dafür zeichnet das Patočka-Archiv am Center for Theoretical Study (Centrum pro teoretická studia, CTS), einer gemeinsamen Arbeitsstelle der Karls-Universität Prag und der Tschechischen Akademie der Wissenschaften. Unter der Leitung von Ivan Chvatík und Pavel Kouba, früheren Studenten Patočkas, wird eben hier die Herausgabe der philosophischen Schriften systematisch betreut. Seit 1996 sind im Verlag OIKOYMENH bereits 17 Bände dieser Werkausgabe erschienen. Der vorerst letzte waren die Phänomenologischen Schriften III/1, eine ganze Reihe weiterer Bände steht aber noch aus.


Klaus Nellen
ist Permanent Fellow am IWM und  leitete dort bis Mai 2015 den Patočka-Forschungsschwerpunkt. 2007 wurde ihm die Jan Patočka-Gedächtnismedaille der Tschechischen Akademie der Wissenschaften verliehen.

Jakub Homolka ist Doktorand der Karls-Universität Prag. Von November 2014 bis April 2015 war er  Jan Patočka Junior Visiting Fellow am IWM.

Das tschechische Originalinterview erschien am 14. März 2015 in der Zeitung Lidové Noviny.