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Transit - Europäische Revue, Nr. 42/2012

Editorial
Alexej Slapovskys Roman Der Marsch zum Kreml (2010) beginnt mit dem Tod eines
jungen Schriftstellers, der versehentlich Opfer der Polizei wurde. Ihren toten
Sohn in den Armen, macht sich die verzweifelte Mutter auf den Weg, den Schuldigen
zu finden. Von der Polizeistation zum Krankenhaus, von dort zum Büro des
Staatsanwalts und von dort zum Kreml. Als erste schließen sich ihr die
Freunde des Schriftstellers an, dann ein alter Trinker, überzeugt davon,
dass sein in der Nacht zuvor verstorbener Bruder ein Grab an der Kreml-Mauer
verdient. Der Gruppe gesellt sich bald eine zufällig vorbeiziehende Begräbnisprozession
bei, im Glauben, die Kreml-Mauer stehe nun für Privatbegräbnisse zur
Verfügung. Passanten schließen sich an. Der kleine Trauermarsch erregt
schnell die Aufmerksamkeit der Opposition, die ihre Chance gekommen sieht und
erfolgreich mobilisiert. Ein Traum wird wahr: Die Massen marschieren zum Kreml!
Die Regierung setzt ihre Spezialkräfte ein, um die rasch wachsende Menge
zu zerstreuen, mit dem Resultat, dass sich deren Zorn und Zahl nur verdoppeln.
Schließlich erreicht ein gewaltiger Zug von Menschen den Roten Platz. Es
gibt nicht viel, was sie vereint. Die meisten wissen nicht so recht, warum sie
sich angeschlossen haben. Sie haben keinen gemeinsamen Traum, kein Programm,
keinen Anführer. Was sie zusammenhält ist die Überzeugung »Genug
ist genug!«. Der Präsident tritt auf und versucht, die aufgebrachte
Masse zu besänftigen. Er spricht von Demokratie und Wandel, aber niemand
hört ihm zu. Das ist der Moment, in dem die Regierung ihre Macht verliert.
Es sollte nicht lange dauern, bis Slapovskys Szenario Wirklichkeit wurde, freilich
mit noch offenem Ende. In ganz Russland kommt es seit Ende 2011 zu Massenprotesten.
Der Anlass war zwar ein anderer – Wahlfälschungen –, doch haben
die Empörten einiges gemeinsam mit jenen im Roman: Es scheint, dass sie
aus dem Nichts kommen, überraschend für die ganze Welt, ja für
sie selbst; was sie vereint, ist eher der Unmut über das Bestehende als
eine Vision für die Zukunft; und der fragmentierten Opposition fehlt es
an einer charismatischen Führungsfigur.
Noch vor Kurzem hätte niemand eine breite Protestbewegung in Russland für
möglich gehalten. Das Land schien immun gegen den Arabischen Frühling,
wie es schon unbeeindruckt geblieben war von den »Farbrevolutionen« in
der Ukraine, in Georgien oder Kirgistan. Lange herrschte ein tiefer Pessimismus
unter jenen, die nicht mit Putins System einverstanden waren. Viele verließen
das Land.
Und nun ist, wie es scheint, die Politik zurückgekehrt, die Bürger
melden sich wieder zu Wort. Auch wenn Putin seine Macht wohl nicht so rasch verlieren
wird, scheint das System, das ihm erlaubt, das Land ruhigzustellen, doch angeschlagen.
Alternativen zum Status quo lassen sich freilich noch kaum ausmachen.[1] Das vorliegende
Heft will dazu beitragen, die Hintergründe und Ausgangsbedingungen für
einen Systemwechsel besser zu verstehen.
Die ersten drei Beiträge geben einen tieferen Einblick in die Mechanismen
der Macht in Russland: Ivan Krastev untersucht Russlands »gelenkte Demokratie« als
exemplarischen Fall eines neuen Typus von Autokratie unter den Bedingungen der
Globalisierung: Die Autokratien des 21. Jahrhunderts sind gemäßigt
repressiv, kapitalistisch und in die Weltwirtschaft integriert, auf den Ruinen
der traditionellen Gesellschaft errichtet, nicht ideologisch und funktionieren
trotz offener Grenzen und eines freien Informationsflusses. Gerade deshalb scheint
Widerstand gegen sie so schwer zu sein.
Stephen Holmes arbeitet die verborgenen
Kontinuitäten zwischen der Ära
Jelzin und Putins Regime heraus. Bis heute prägt uns die Logik des Kalten
Krieges und lässt uns die Konflikte des postsowjetischen Russlands in
die Polarität von Demokratie und Autokratie pressen. Dass sich nach dem
Zusammenbruch eines autokratischen Systems naturwüchsig eine Demokratie
herausbildet bzw. dass autoritäre Kräfte die Schuld tragen müssen,
wo eine demokratische Entwicklung ausbleibt, stellt einen doppelten Fehlschluss
dar. Um sinnvoll über
die Perspektiven der Demokratie im heutigen Russland nachzudenken, so Holmes,
müssen wir das politisch aufgeladene Narrativ des Regimebruchs ebenso
fallen lassen wie die Dichotomie von Autokratie und Demokratie, auf der es
basiert. Erst dann werden die vielen unterschwelligen Kontinuitäten sichtbar,
die Jelzins und Putins Regime miteinander verbinden.
Gleb Pawlowski begann
seine Zusammenarbeit mit der russischen Regierung zur Zeit der Kampagne für
die Wiederwahl Jelzins 1996 und fungierte fortan als ein wesentlicher Teil
der politischen Maschinerie des Kreml. Lange Zeit war er Berater Putins, zuletzt
Dmitri Medwedews, bis er im April 2011 entlassen wurde. Die russische liberale Öffentlichkeit
sieht in ihm ein Symbol der Putin-Dekade. Transit hat ihn als Zeitzeugen befragt.
Seine Reflexionen über
die späte Sowjetunion, die Erfahrung der Ohnmacht der Dissidenten und
die Metamorphosen der Macht nach dem Zusammenbruch des Imperiums geben einen
tiefen Einblick in die Vorgeschichte und Geschichte des postsowjetischen Russlands.
Dass in Russland Modernisierungsbedarf herrscht, ist allgemeiner Konsens. Vladislav
Inozemtsev zeigt, wie die gegenwärtigen Machtstrukturen jeden Versuch, das
Land zu modernisieren, zum Scheitern verurteilen. Ekaterina Kuznetsova entwickelt
Szenarien für das scheinbar Undenkbare: den Eintritt Russlands in die Europäische
Union.
Einen dramatischen Zerfall des öffentlichen Raums im postsowjetischen Russland
diagnostiziert Samuel A. Greene. Zu beobachten sei eine Flucht der Bürger
aller Schichten aus der Politik ins Private. Ob die neuen Protestbewegungen diesen
Trend umkehren, bleibt abzuwarten. Auf einen weiteren Grund für die Atomisierung
der russischen Gesellschaft macht Rossen Djagalov aufmerksam. Die russische Intelligentsia
war ursprünglich ein entscheidender Faktor für die Emanzipation und
Politisierung der Massen. Djagalov verzeichnet eine historische Verschiebung:
Auf unterschiedlichen Wegen haben der Stalinismus und der Menschenrechtsdiskurs
zum Bruch des »historischen Blocks« zwischen Intelligentsia und »Volk« geführt,
mit der Folge, dass die intellektuelle Elite in Russland heute ein stark ausgeprägtes
Ressentiment gegen das Volk hegt und das Volk verstummt ist.
Die Entwicklungen
der letzten Monate lassen die Welt voller Hoffnung auf Russland blicken. Umwälzungen
scheinen fällig. Doch wenn sie denn kommen, ist
nicht ausgemacht, dass sie die ersehnte Freiheit bringen. Die Frage, ob ein Machtwechsel
ohne Blutvergießen möglich ist, hat in Russ-land Tradition, und sie
steht heute wieder auf der Tagesordnung. »Bewahre uns Gott vor einem russischen
Aufstand, sinnlos und erbarmungslos. Diejenigen, die sich bei uns unmögliche
Umwälzungen ausdenken, sind entweder zu jung und kennen unser Volk nicht,
oder sind Menschen mit bereits verhärteten Herzen, für die ein fremder
Kopf ein Knopf ist und auch der eigne Hals nicht mehr wert als ein Pfifferling.« So
heißt es in Alexander Puschkins Roman Die Hauptmannstochter.[2]
Editorial
Ilya Budraitskis erinnert daran, dass Massenproteste in Russland nichts
Neues sind: Seit Putins Machtantritt kommt es im ganzen Land immer wieder zu
Gewaltausbrüchen
von rechts, die das System bereitwillig für den Abbau von Bürgerfreiheiten
und den Ausbau seiner Macht nutzt – ein gefährliches Spiel, das jederzeit
außer Kontrolle geraten kann, zumal wenn die Regierung in die Defensive
gerät. Die Nationalisten suchen nun ihren Platz in der neuen Protestbewegung,
die ohne sie wohl kaum zu einer Massenbewegung wird. Das wissen die liberalen
Oppositionsführer und müssen sich entscheiden, ob sie eine Allianz
mit ihnen eingehen wollen.
In seinem Roman Sankya, aus dem wir hier ein Kapitel abdrucken, stellt Zakhar
Prilepin Protagonisten aus dem Milieu latenter Gewalt vor. Der jugendliche Held
und seine Freunde gehören einer militanten regimekritischen Gruppierung
an. Nach heftigen Krawallen in Moskau ist ihm die Sicherheitspolizei auf der
Spur. Prilepin zeigt drastisch die Dynamik und Ambivalenz der politischen Radikalisierung.
Die Photographin Anna Jermolaewa hat an Anti-Putin-Demonstrationen in Moskau
und St. Petersburg teilgenommen und eindrucksvolle Bilder mitgebracht. Wir möchten
an dieser Stelle Walter Seidl willkommen heißen, der die Künstlerin
zu uns gebracht hat und der fortan die photographischen Essays in Transit kuratieren
wird. Bei Josef Wais, der dies von 1997 bis 2010 getan hat, möchten wir
uns herzlich bedanken.
Wien, im Januar 2012
Anmerkungen
1. Der
Mitherausgeber des vorliegenden Heftes, Ivan Krastev, und Stephen Holmes loten
die Optionen in ihrem Artikel »The Weakest Strongman« aus, der am
2. Februar 2012 in The New Republic erscheint.
2. Alexander Puschkin, Die Romane. Die Hauptmannstochter.
Der Mohr Peters des Großen. Dubrowski, neu übersetzt und
herausgegeben von Peter Urban, Friedenauer Presse, Berlin 1999.
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