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Thomas Ahbe
Die DDR im Rücken.
Die sozialisatorische Mitgift der Ostdeutschen und der aktuelle Konflikt
von Erinnerungen und Leit-Erzählungen im vereinigten Deutschland
Einleitung: Die DDR im Rücken – Erwartungen und Erfahrungen
Der Titel Die DDR im Rücken hat drei Bedeutungsebenen.
Die erste umschreibt, dass man Menschen oder Verhältnissen „den
Rücken kehrt“, sich von ihnen distanziert oder sie hinter sich lässt.
Das ist eine Bewegung, die ein großer Teil der DDR-Bevölkerung vorgenommen
hatte: zuletzt in den Jahren 1988/1989, als viele Zehntausende flüchteten
und dann zur Volkskammerwahl am 18. März 1990, als eine deutliche Mehrheit
der Noch-DDR-Bürger ein Parteienbündnis wählte, das für
ein sofortiges Aufgehen der DDR in der Bundesrepublik eintrat.
Zweitens verweist die titelgebende Phrase darauf, dass man etwas durchlebt, „hinter
sich gelassen“ und dabei Erfahrungen gesammelt hat, die auch künftig
eine Rolle spielen können. Auch das trifft auf die Ostdeutschen zu. Es
zeigte sich nämlich bald, dass sie aufgrund ihrer Erfahrungen und ihrer
DDR-Sozialisation im Vergleich zu ihren westdeutschen Landsleuten oft zu anderen
Bewertungen des Kapitalismus der 1990er und 2000er Jahre kamen und dass sie
auch besondere Umgangsformen mit dessen ostdeutschen Erscheinungsweisen entwickelten.
Drittens schließlich spielt die Titel-Metapher darauf an, dass man
jemandem „den Rücken stärken kann“. Auch das trifft in
gewissen Maße zu, beispielsweise in den arbeiterlichen Verteilungs- und
Statuskämpfen der frühen 1990er Jahren, als bestimmte Fragmente der
DDR-Ideologie auch von jenen aktualisiert wurden, die diesen Ideen bislang
eher fern gestanden hatten. Heute wiederum, wo mit zunehmender Schärfe
um den moralischen Stellenwert einer ,durchschnittlichen’ DDR-Biographie
gestritten wird, findet ein großer Teil der Ostdeutschen im Rückbezug
auf Werte und Narrative der DDR-Leiterzählung Unterstützung.
Doch im Moment der deutschen Vereinigung spielte die erstgenannte Dimension
die wichtigste Rolle. Denn zunächst waren die Ostdeutschen mit ihren Identifikationen
und Sehnsüchten sehr stark auf die bundesdeutschen Verhältnisse und
das erwartetet vereinigten Deutschland ausgerichtet. Zwei Drittel der Noch-DDR-Bürger
fühlten sich März 1990 „im allgemeinen eher als Deutsche“ und
nur ein Drittel „als Ostdeutsche“. Diese großen Erwartungen
wurden bald frustriert. Schon zwei Jahre später kehrte sich das Muster
der Identifikation spiegelverkehrt um – und verfestigte sich für
Jahre. (Siehe Abbildung)

Abbildung: Identifikationen der Ostdeutschen
Quelle: Noelle-Neumann, Elisabeth; Köcher,
Renate (Hrsg.): Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie. 1984-1992 (Bd. 9). München
/ Allensbach: K.G. Saur / Verlag für Demoskopie, 1993, S. 486 sowie Noelle-Neumann,
Elisabeth; Köcher, Renate (Hrsg.): Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie.
1993-1997 (Bd. 10). München: K.G. Saur, 1997, S. 560)
Die Erfahrungen, die seit der Vereinigung gesammelten wurden, wie auch die
im Lichte dieser aktuellen Erfahrungen neu angeeigneten Erinnerungen aus der
DDR-Zeit ließen offensichtlich einen großen Teil der Ostdeutschen
zu der Überzeugung kommen, dass sie doch keine (West-)Deutschen, sondern
Ostdeutsche sind.
Diese seit 1990 fortbestehende – nun wohl als ,innere Spaltung’ zu
bezeichnende – Teilung Deutschlands wird verständlicher, wenn die
Konkurrenz-Geschichte der beiden deutschen Nachkriegsgründungen in den
Blick genommen und versucht wird, die ideologischen und mentale Tiefenschichten
der deutschen Gesellschaft(en) zu beschreiben.
Zwei rivalisierende deutsche Staaten und zwei konkurrierende Leit-Erzählungen
Nach 1945 wurde in Deutschland der anstehende Konflikt um den politischen
und wirtschaftlichen Entwicklungspfad auf die zwischenstaatliche Ebene gehoben.
Das jeweilige Ordnungskonzept der beiden Nachkriegsgründungen bestimmte
und sicherte die Zugehörigkeit zum jeweiligen Lager der Blockkonfrontation.
Auch die Leit-Erzählungen, die diese Neuschöpfung von Gesellschaft
orientierten, hatten im Westen wie im Osten gleiche Voraussetzungen und Aufgaben:
Sie mussten die katastrophale Vergangenheit des Nationalsozialismus und des
II. Weltkriegs sowie die schmerzhafte Gegenwart der deutschen Teilung in einen
sinnvollen Zusammenhang bringen – und außerdem den größten
Teil ihrer Bevölkerungen entschulden und integrieren. Beide Nachkriegsgesellschaften
schrieben sich zu, die richtigen Konsequenzen aus der zurückliegenden
historischen Katastrophe gezogen zu haben, während sie der anderen Seite
Kontinuitäten zum Nationalsozialismus vorwarf. So bezogen auch die Leit-Erzählungen
ihre Plausibilität auch aus einem Zerrbild der anderen deutschen Konkurrenz-Gründung.
Beispielhaft illustrieren das die Deutungen zum Volksaufstand vom 17. Juni
1953. Die DDR bezeichnete ihn stets als einen von aus dem Westen kommenden, faschistischen
Provokateuren angezettelten Putschversuch, in dem anfänglich von
der Westpropaganda desorientierte Arbeiter verwickelt waren. Im Westen hingegen
avancierte der ostdeutsche Aufstand zu einer der tragenden
Säulen für die bundesdeutsche Identität – und blieb bis
zur Vereinigung der einzige Staatsfeiertag der Bundesrepublik Deutschland.
Der Aufstand wurde damals von so gut wie allen Deutungseliten als „antitotalitär“ bezeichnete
und „als nachholendes Ereignis für den ausgebliebenen Massenaufstand
im ,Dritten Reich’“ genommen.[1] So
ließ dann auch das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung am
16. Juni 1954 verlauten, dass der Aufstand vom Vorjahr ein für alle mal
die Behauptung widerlegt habe, „dass das deutsche Volk nicht die innere
Kraft aufbringe, sich gegen Diktatur und Willkür zur Wehr zu setzen“.
Im Jahr 1956 meinte der SPD- Politiker Carlo Schmid: Der 17. Juni „hat
viele Flecken hinweggewaschen, mit denen das ruchlose Regime des Nationalsozialismus
unseren Namen beschmutzt hat. Dies gibt uns Deutschen wieder das Recht, auch
in der Mitte von Völkern, die ihren Kampf um die Freiheit schon längst
gewonnen haben, das Haupt hoch zu tragen.“[2] Bis
in die Mitte der sechziger Jahre war die Gleichsetzung der „braunen und
der roten Diktatur“ oder die Rede von „totalitären Systemen“ der
ideologische Kitt der Bundesrepublik.
Die DDR legitimierte sich nicht nur durch die antifaschistische Erzählung.
Eine der zentralen Säulen dieses Legitimations-Diskurses war die Rede
von den „faschistischen und revanchistischen“ Kräften, die
in der BRD herrschten.[3] Im Jahr 1965 erschien
im Staatsverlag der DDR mit drei Auflagen ein so genanntes „Braunbuch“.
Es dokumentierte die nationalsozialistische Belastung von 1200 Führungskräften,
die nun in allen Bereichen der Bundesrepublik wirkten. Mit diesem Buch schlug
die DDR gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Zum einen erlangte die ansonsten
isolierte Ost-Republik internationale Aufmerksamkeit und zum anderen schaffte
sie es, ihren westdeutschen Systemkonkurrenten unter Druck zu bringen. Die
oben nur kurz skizzierten geschichtspolitischen Leit-Erzählungen prägten
mehrere west- und ostdeutsche Generationen, insbesondere die ,Kulturträger’,
also jene Menschen, die in Politik und Administration, in Kultur, Bildung,
Wissenschaft und in den Medien arbeiteten.
Bürgerliche und arbeiterliche Gesellschaft
Doch nicht nur diese ,Kulturträger’, auch die Angehörigen
anderer Milieus erfuhren in West- und Ostdeutschland unterschiedliche Sozialisationen.
Bei den Arbeitern des Westens versuchte man in den fünfziger Jahren einen
allmählichen Selbstbildwandel hin zu einem Mittelstandsbewusstsein anzuregen.
In der von Schindelbeck und Ilgen 1999 veröffentlichten Studie „»Haste
was, biste was!« Werbung für die Soziale Marktwirtschaft“ wird
eine Kampagne aus dem Jahr 1956 beschrieben. In der Jahresend-Anzeige
hieß es:
„Der Klassenkampf ist zu Ende. Den Begriff des Proletariers gibt es
nicht mehr. Im freien Deutschland vollzieht sich eine geschichtliche Wandlung:
der ehemals klassenbewusste Arbeiter wird zum selbstbewussten, freien Bürger.
Ein Mann, der auf lange Sicht plant, der für seine Kinder eine gründliche
Schulung verlangt, der durch Eigentum die Freiheit seiner Familie zu sichern
sucht, das ist der Arbeiter von heute.“ [4]
Auch im Osten stellten propagandistische Texte eine „ geschichtliche
Wandlung“ in Aussicht. Zum hundertsten Jahrestag der 1848er Revolution
deutete ein riesiges Transparent in der kriegsbeschädigten Leipziger Innenstadt
die Zeichen der Zeit als das Ende der bürgerlichen Epoche:
„Das Bürgertum hat 1948 und in der Folgezeit versagt. Die Führung
im Kampf und Einheit, Demokratie und Frieden ist der Arbeiterklasse zugefallen.“[5]
Im Osten wurde die Entnazifizierung mit der Entbürgerlichung des Landes
verknüpft. Das Bürgertum, die Juncker und große Teile der Bauernschaft
verloren ihre wirtschaftliche Reproduktionsbasis und somit auch ihre Rolle
als gesellschaftlich und (alltags)kulturell normgebende Schicht. Ein Teil dieser
Schichten wanderte ebenso in den Westen ab wie viele politische Aktivisten
oder andere, die im Osten nicht ins Raster passen mochten oder flüchten
mussten. Das Sozialprofil der ostdeutschen Eliten änderte sich – so übernahmen
beispielsweise von 1945 und 1955 etwa 150.000 ehemalige Produktionsarbeiter
leitende Funktionen in Staat und Wirtschaft.[6] Im
Osten entstand eine arbeiterliche Gesellschaft. Zwar blieben der Bauer, die Ärztin,
der Ingenieur, der Professor und die Schuldirektorin was sie waren, zwar gab
es weiterhin nichtarbeiterliche soziale Milieus, aber sie hatten einen arbeiterlichen
Akzent. Die normative Dominanz des Arbeiterlichen beschreibt der Kultursoziologe
Wolfgang Engler so:
„Die Ostdeutschen lebten in einer Gesellschaft, in der die Arbeiterschaft
sozial und kulturell dominierte und die anderen Teilgruppen mehr oder weniger
,verarbeiterlichten’. Es wäre eine Absurdität zu behaupten,
die ostdeutschen Arbeiter hätten die politische Herrschaft ausgeübt.
Aber das soziale Zepter hielten sie in der Hand. Anschauungen, Meinungen,
Konventionen, Kleidungs- und Konsumgewohnheiten und nicht zuletzt die Alltagssitten
richteten sich nach den Normen und Idealen der arbeitenden Klassen.“[7]
Das (alltags)kulturelle Gravitationszentrum der ostdeutschen Gesellschaft
war also ein anderes als das der bürgerlichen Gesellschaft des Westens.
In der Abfolge der ostdeutschen Generationen begann sich die Mentalität
der Ostdeutschen zu wandeln. Dabei spielte die Haltung zum ideologischen Programm
der DDR nur eine geringe Rolle: Träger des arbeiterlichen Habitus mussten
keine Befürworter der Staatsideologie sein und umgekehrt ließ sich
ein bürgerlicher Habitus durchaus mit prosozialistischen Einstellungen
vereinbaren.
Die oft zitierte „soziale Wärme“ in der DDR, das Gefühl
der Nähe in Gleichheit, hatte freilich auch seine einengende, destruktiven
Seite. Wolfgang Engler beschreibt sie so:
„Die Feindseligkeit, die konsequenten Außenseitern in der DDR
entgegenschlug und zur inneren Kapitulation drängte, wurzelte in demselben
Egalitarismus, der in anderen Zusammenhängen Solidarität verbürgte.
In einer arbeiterlichen Gesellschaft soll sich niemand über die anderen
erheben, aber auch niemand untergehen. Wer nicht nur ungewöhnlich
lebte, sondern überdies Rat und Hilfe der anderen verschmähte,
selber Auskunft wußte, provozierte die Normalitätserwartungen der
Umwelt gleich doppelt. Ihm war nicht beizukommen und auch nicht zu helfen.
Das zurückgewiesene Beistandsangebot verband sich mit dem enttäuschten
Konformitätsverlangen und pervertierte. Wer notorisch auf seiner
Arroganz bestand, der durfte nicht nur, der sollte scheitern und die Überlegenheit
der kollektiven Vernunft möglichst schmerzlich erfahren.“[8]
Für jene, welche die bürgerlichen Konventionen und Verhaltensformen
internalisiert hatten, bedeutete die Verarbeiterlichung der ostdeutschen Gesellschaft
den Verlust ihrer traditionell herausgehobenen und normgebenden Funktion. Das
ist die Perspektive, aus der die Schriftstellerin Irene Böhme die Vorgänge
kommentiert:
„Sittenzerfall – Der ganze bürgerliche Plunder, über
Bord mit ihm. Knicks und Verbeugung der Kinder: ein Zeichen der Verkrüppelung.
Aufstehen vor Älteren, Vorgesetzten: ein Überrest des Untertanengeistes.
Wir alle sind ,per Du’, denn wir sind alle in der Gewerkschaft. Bei Tisch
benehmen wir uns, wie es in einer Proletarierküche üblich ist. Mit
Schürze und Hausschuhen auf die Straße, mit dem Blaumann ins Gasthaus,
die Arbeitskleidung ist ein Ehrenkleid. Bunte Perlonschürzen überfluten
Fabriken, Läden, Ambulatorien und Kontore. Bald bemerkt niemand mehr,
wie häßlich sie sind. Sie sind praktisch (...) Zur neuen Art des
Zusammenlebens gehört, daß man anders miteinander redet als früher.
Man spricht deftig, grob und geradezu, nennt das offen und ehrlich.“[9]
Dieser zugespitzte Verweis auf die ästhetische und formale Dimension
der arbeiterlichen Gesellschaft macht ihre Differenz zur bürgerlichen
Gesellschaft augenfällig.
Inwieweit die mentalen und ideologischen Muster der bürgerlichen und
arbeiterlichen Gesellschaft tatsächlich ihr Ausprägung gefunden haben,
illustrieren Untersuchungen zur „subjektiven Schichteinstufung“.
Solche Untersuchungen zeigen die subjektive soziale Selbstverortung der
Menschen. O bjektive soziologische Kriterien spielen dabei keine Rolle.
Es ist hoch interessant, wie sich die beiden nun vereinigten Bevölkerungsteile
in ihrer subjektiven Schichteinstufung unterscheiden. Die Ostdeutschen, die
Abkömmlinge der arbeiterlichen Gesellschaft, verorteten sich 1992/93 zu
61 Prozent in der „Arbeiter und Unterschicht“ und zu 37 Prozent
in der „Mittelschicht“. Im Westen war die Lage spiegelverkehrt:
Nur 29 Prozent rechneten sich der „Arbeiter und Unterschicht“ zu,
während 57 Prozent als Angehörige der Mittelschicht sahen.

Abbildung: Subjektive Schichteinstufung in West- und Ostdeutschland
1992 und 1993
Quelle: Thomas Gensicke: Die neuen Bundesbürger. Eine
Transformation ohne Integration. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1998, S. 148)
In beiden Gesellschaften ordnen sich also nicht wenige Menschen einer Schicht
zu, der sie nach objektiven soziologischen Kriterien gar nicht angehören.
Es ist jene Schicht, die entsprechend der jeweiligen Leit-Erzählungen
als ehrbare Stützeder Gesellschaft galt. Im Osten war
das die „Arbeiterklasse“, im Westen der bürgerliche Mittelstand.
Man könnte meinen, dass sich diese Differenz mit dem Verschwinden der
DDR und ihrer Sozialisationsinstanzen allmählich eingeebnet hätte.
Doch eine Untersuchung aus den Jahren 2001/2002 zeigt, dass sich die Situation
kaum geändert hat. Hier zeigen sich wirklich langfristige, also mentale
Prägungen.

Abbildung: Subjektive Schichteinstufung in West- und
Ostdeutschland 2001 und 2002
Quelle: Gunnar Winkler (Hrsg.): Sozialreport 2002:
Sozialreport 2002. Daten und Fakten zur sozialen Lage in den neuen Bundesländern.
Berlin: Trafo Verlag, S. 48)
Die Sozialisationsinstanzen, die in der DDR über materielle Strukturen, über
Bildung und Medien die Deutungsmuster der arbeiterlichen Gesellschaft und die
Prägekraft der ostdeutschen Leit-Erzählung unterstützten, gibt
es seit dem Beitritt nicht mehr. Dennoch reproduzieren sich Bestandteile dieser
Mentalität und dieser Leit-Erzählung.
Zur sozialpsychologischen Ebene der Vereinigung
In den Jahren nach dem Beitritt prallten die – bis dahin zumeist unreflektierten – und
aus der westdeutschen und ostdeutschen Sozialisation basierenden Normalitätsvorstellungen
aufeinander. Das ist inzwischen in einer kaum noch übersehbare Fülle
von Erfahrungsberichten, Reportagen und wissenschaftlichen Studien aufgearbeitet
worden. Sehr instruktiv ist die Analyse des Politikwissenschaftlers und Therapeuten
Wolf Wagner. Er wechselte von West-Berlin an eine Fachhochschule nach Erfurt,
einer Stadt in Ostdeutschland. An seiner neuen Wirkungsstätte rekonstruierte
er die Spannungen, die sich in den neunziger Jahren zwischen westdeutschen
und ostdeutschen Kommunikationsstilen aufgebaut hatten. Gelingende Kommunikation
beruht nach dem von Wagner genutzten theoretischen Modell des „Kulturschocks“[10] auf
unreflektierten Kommunikationsmustern und habitualisierten Handlungsroutinen,
deren Bedeutung und Passung im eigenen kulturellen Kontext immer wieder neu
bestätigt wird. Wenn Personen aus unterschiedlichen Kulturräumen
miteinander umgehen und dann natürlich auch die üblichen Muster und
Routinen einsetzen, werden sie jedoch oft nicht mehr in gewohnter und gewünschter
Weise verstanden, was die Kommunikation misslingen lässt. Wagner illustriert
an einfachen Beispielen, wie sich in den neunziger Jahren die Unterschiede
zwischen ostdeutscher und westdeutscher Sozialisation ebenso prägnant
wie konfliktträchtig zeigten: Während es im ostdeutschen Kulturraum üblich
ist, sich beim ersten Treffen am Tage sowie bei der Verabschiedung die Hand
zu geben, tut man das in der westdeutschen Kultur seltener. Wenn sich nun die
West- und die Ostdeutschen an die gewohnten Normen halten, so kommt es in den
alltäglichen interkulturellen Interaktionen zu unerwünschten Ergebnissen
und zu Frustrationen. So meinten die Ostdeutschen, dass die Westdeutschen ihnen
den Händedruck „verweigern“, dass jene arrogant, distanziert
und unhöflich seien. Die Westdeutschen hingegen erlebten die Ostdeutschen,
welche ständig „nach ihren Händen griffen“ als undistanziert,
altmodisch und piefig. Ähnlich symmetrische Missverständnisse zeigen
sich darin, wie man eine belanglose Plauderei, der small talk ‚richtig’ zu
führen sei. Hier neigen die Ostdeutschen dazu, über Mängel,
Missstände – aber auch eigene Probleme zu reden. Und die Westdeutsche
halten sich lieber an die Thematisierung von leichten und nichtigen Dingen.
In der eigenen Kultur funktioniert das jeweils gut: Im Osten erzeugt man durch
die ostdeutsche Art zu kommunizieren, Nähe, man kann Zugehörigkeit,
Empathie oder gar Solidarität demonstrieren. Und die westdeutsche Art
erzeugt im westdeutschen Kulturraum eine nicht minder entspannende positive
Stimmung, in der sich die Personen wechselseitig als ebenso geistreich wie
diskret inszenieren können. Erst wenn Ostdeutsche und Westdeutsche aufeinandertreffen
und sich beide so verhalten, wie es bislang ‚richtig’ war, kommt
es zu Friktionen. Die Ostdeutschen nehmen die plaudernden Westdeutschen als
oberflächlich und abweisend war – diese wiederum erleben die Ostdeutschen
als nörgelnd, larmoyant, ja unersättlich. Ähnliche Differenzen
zwischen der westdeutschen und der ostdeutschen Sozialisation zeigen sich schließlich
in der Art, wie in Gruppen Konflikte behandelt werden. Während bei den
Ostdeutschen die Tendenz zum stillschweigenden Ausgleich, zu Kompromissen aber
auch zum Überdecken von Konflikten vorherrscht, orientieren sind die Westdeutschen
stärker am Modell von miteinander konkurrierenden Individuen. Die Austragung
von Konflikten gilt hier nicht als Störung, sondern als Normalität.
Beim Zusammentreffen der beiden Kommunikationsstile nehmen die Ostdeutschen
die Westdeutschen als aggressiv, dominant und egozentrisch wahr, während
sie sich selbst als solidarisch, kompromissbereit und zum Blick aufs große
Ganze befähigt beschreiben. Den Westdeutschen hingegen erscheinen
die Ostdeutschen als feige, scheinheilig, konformistisch und verdruckst – während
sie sich selbst als offen, mutig und authentisch bezeichnen.
Demnach sehen sich die westdeutsch Sozialisierten stärker in einem Konkurrenzverhältnis
zu ihren Mitmenschen und streben stärker nach Individualität und
,Selbstverwirklichung’ als die Ostdeutschen. Ostdeutsche Sozialisation
hingegen zeigt sich Wagner zufolge eher darin, dass die Gemeinschaft und der
Ausgleich über Individualität (auch die eigene) gestellt wird beziehungsweise
werden soll, und dass der Zusammenhalt und die ‚Gestimmtheit’ des
Kollektivs höher angesetzt wird.
Die oben beschriebenen Dissonanzen sind typisch für die Konflikte zwischen
Angehörigen der ostdeutschen und westdeutschen Mittelschicht. Die größte
Lücke zwischen Kommunikationsstilen und Selbstpräsentationsformen
tat sich zwischen Angestellten, qualifiziertem Fachpersonal und Akademikern
auf. In der Welt der ostdeutschen Industriearbeiter hingegen zeigten sich andere
West-Ost-Konflikte. Hier ging es weniger um Formen und Stile, sondern darum,
dass die ostdeutsche Industriearbeiterschaft ihre Verhandlungsmacht, ihre in
der DDR noch bestehende „passive Stärke“ wie auch ihren symbolischen
Status als wichtigste, als „führende“ Klasse, verloren hatte.
So beschreibt der Industriesoziologe Werner Schmidt nicht nur die üblichen
Interessenskonflikte zwischen Arbeitern und Managern, sonder auch den Zusammenprall
der durch die bürgerliche und die arbeiterliche Gesellschaft sozialisierten
Akteure. In seinen Studien zum Transformationsprozess in der metallverarbeitenden
Industrie entdeckte er bei den ostdeutschen Industriearbeitern eine sogenannte „Ideologie
der produktiven Arbeit“. Hierzu gehöre Schmidt zufolge vor allem „die
schwer korrigierbare Überzeugung, dass die eigene Gruppe die einzig wirklich
produktive, (...) und damit wichtigste sei, auf die niemand verzichten könne.“[11] Zugleich
wurden nach dieser Ideologie die Gruppen definiert, die nicht wirklich
arbeiteten: Nach unten grenzte man sich von den „Faulen“,
den „Assis“ und den Arbeitsscheuen“ ab und in der anderen
Richtung von dem „Wasserkopf“ und den „Pfeifen da oben.“[12] Dieses
arbeiterliche Selbstbewusstsein und die „Ideologie der produktiven Arbeit“ kollidierten
nach 1990 mit den neuen Abläufen und Hierarchien. Eine leitende ostdeutsche
Angestellte in einem Wälzlagerwerk kommentiert die 1992-1994 asymmetrische
eingeführten Privilegien und den Abbau von Zuwendung an die Arbeiter so: „Wir
haben also, wir haben immer gelernt: ein Mensch ist ein Mensch! Egal, ob der
nun Werkleiter ist oder ein Kumpel an der Maschine, du hast die alle gleich
behandelt. So. Und das ist hier (im nun westlich gemanagten Wälzlagerwerk – T.A.)
nicht so.“[13]
Beide Beispiele aus den neunziger Jahren sollten schlaglichtartig zeigen,
wie man sich die Resultate der Sozialisation in der arbeiterlichen Gesellschaft
im Unterschied zur bürgerlichen Gesellschaft vorstellen kann.
Die arbeiterliche Gesellschaft als kulturelles Phänomen reproduziert
sich auch aufgrund der wirtschaftlichen und sozialstrukturellen Faktoren, die
die Transformation im Osten hervorbrachte. Die ostdeutsche Wirtschaft ist nun
eine „Dependenzökonomie“ und „verlängerte Werkbank“ des
Westens. Die 82 Prozent der Firmen mit ostdeutschen Eigentümern erwirtschaften
lediglich 44 Prozent des Umsatzes. Die neuen Bundesländer sind damit „eine
Region mit kapitalistischer Marktwirtschaft ohne einheimisches Kapital und
einheimische Eliten.“ [14] So
konnte Ostdeutschland in den zwei Dekaden der Transformation nicht an das als
Vorbild vorgegebene Modell der westdeutschen Mittelschichtgesellschaft Anschluss
gewinnen und die dafür erforderliche bürgerliche Mittelschicht herausbilden.[15] Statt
dessen sind inzwischen 25 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung dem „abgehängten
Prekariat“ zuzurechnen.[16] Im
Westen gehören nur 4 Prozent der Bevölkerung zu dieser Gruppe. Die
Angehörigen des Prekariats sind von Niedriglöhnen oder Arbeitslosigkeit
betroffene (Fach-)Arbeiter, Angestellte oder Ein-Personen-Unternehmen, die
infolge von „Notgründungen“ entstanden sind. Von allen Menschen
im arbeitsfähigen Alter haben diese Menschen, wenn sie nicht ohnehin arbeitslos
sind, die geringste berufliche Sicherheit, die größte finanzielle
Unsicherheit. Sie sehen sich auf der Verliererseite und ohne Chance, aus dem
gesellschaftlichen Abseits wieder herauszukommen.
Auch in der Lebenswelt finden sich heute, zwei Jahrzehnte nach dem die DDR
in der Bundesrepublik aufging, noch typische West-Ost-Unterschiede. Westdeutsche
und Ostdeutsche unterscheiden sich im Fertilitätsverhalten, den Ansichten
zu Gerechtigkeit und Freiheit oder über die Vereinbarkeit
von Mutterschaft und Beruf. Noch im Jahr 2004 sind ostdeutsche Mütter
rund ein Jahr jünger als westdeutsche, wenn sie ihr erstes Kind bekommen.[17] Und
die Zustimmung zur Kombination von Erwerbstätigkeit und Mutterschaft ist
bei den jüngeren Ostmüttern (25 bis 45 Jahre) vier mal so hoch als
im Westen.[18] Dass
bei den Westdeutschen der Hang zur Individualisierung stärker ausgeprägt
ist, als bei den Ostdeutschen, zeigt sich auch, wenn es um Elternschaft und
Familie geht. Bei den Westdeutschen ist die gewünschte Kinderlosigkeit
und das Single-Leben verbreiteter als bei den Ostdeutschen. Wenn westdeutsche
Frauen dann allerdings Kinder bekommen, dann wird auch geheiratet. Im Osten
dagegen ist die gewünschte Kinderlosigkeit viel niedriger, dafür
aber Elternschaft und Ehe normativ stärker entkoppelt. Deswegen wird das
ostdeutsche Muster als „Kombination von Familialismus und Deinstitutionalisierung“ bezeichnet.[19] Man
vertraut also weniger den (neuen) Institutionen, sondern versteht die Familie
als zentrale Unterstützungsinstanz. Während im Osten sich Eltern
und Kindern emotional näher stehen als im Westen, ist dafür Distanz
gegenüber den (neuen) gesellschaftlichen Institutionen größer.
Das betrifft auch die Institution Ehe: Die Quote der unehelich Geborenen liegt
im Osten mit 58 Prozent fast drei mal so hoch wie im Westen (22 Prozent).[20]
Ein weiteres Feld, wo sich West- und Ost-Identität unterscheiden ist
das der gesellschaftsbezogenen Werte. Insgesamt sind die Ostdeutschen etatistischer
sowie stärker auf Gerechtigkeit und Chancengleichheit hin orientiert.[21] Die
Unterschiede zwischen Ostdeutschland entspringen aber nicht nur sozialstrukturellen,
sondern auch kulturellen Differenzen. Das illustriert der Politikwissenschaftler
Gunnar Hinck in seinem systematischen Vergleich zwischen westdeutschen, ostdeutschen
und schwedischen Wertvorstellungen: Ähnlich wie beispielsweise in Schweden
definieren in Ostdeutschland deutlich mehr Menschen als in den alten Bundesländern“ Freiheit „als
Freiheit von Not“; während im Westen umgekehrt und mit gleich großem
Abstand zum Osten „Freiheit als Handlungsfreiheit“ verstanden wird.[22]
Die diskursive Konstruktion der Ostdeutschen seit 1990
Nachdem die kleinere DDR den Beitritt zur größeren (Alt-)BRD und
die vollständige Übernahme bundesdeutscher Institutionen und Normen
beschlossen hatte, wurden die alten ostdeutschen Eliten, das Fach- und Führungspersonal
durch Sonderrecht, Abwicklungen und durch den Aufbau neuer Strukturen verdrängt.
Ihre Stelle nahmen Westdeutsche oder deren neuen ostdeutsche Statthalter ein,
zum Teil auch Angehörige jener ostdeutschen Subelite, deren Professionalisierung
oder Aufstieg durch die Machthaber in der DDR verhindert worden war. Insgesamt
blieben jedoch Ostdeutsche auf der Ebene der Eliten und der Führungskräfte
deutlich unterrepräsentiert. Die deutsche Soziologie erhebt regelmäßig
umfassende Elite-Studien. Als 1995 wieder mit der soziologischen Feldarbeit
begonnen wurde – die letzte Elite-Studie war 1981 erschienen –,
hatte sich inzwischen die Vereinigung ereignet und es lag nahe auch die Repräsentanz
von Ostdeutschen in den einzelnen Elite-Sektoren der vereinigten Bundesrepublik
zu untersuchen. Im Jahr 1995 waren 20 Prozent der Bevölkerung Ostdeutsche – die
Elite-Positionen im vereinigten Deutschland waren aber zu ganz anderen Prozentsätzen
mit Ostdeutschen besetzt. Hier einige Ergebnisse: In den Sektoren Justiz oder
Militär war die Quote von Ostdeutschen in Elite-Positionen Null Prozent,
im Sektor Wirtschaft 0,4 Prozent, in der Wissenschaft 7,3 Prozent. Etwas weniger
dramatisch war die Unterrepräsentierung von ostdeutschen Positionsinhabern
in Medien und Kultur mit 12 und 13 Prozent. Eine Ausnahme bildete der Sektor
Politik wo die Ostdeutschen nicht unterrepräsentiert waren.[23] Insgesamt
lag also die Leitung des ,operativen Geschäfts’ der Behörden,
der Wirtschaft, in Wissenschaft, Medien und Kultur der Neuen Bundesländer
bei den sogenannten „Wessis“. Inzwischen reproduziert sich diese
personelle und ideologische Struktur von selbst. So kann für das Jahr
2004 festgestellt werden, dass die Quote westdeutscher Führungspersonen
in Wirtschaft und öffentlichem Dienst noch einmal angewachsen ist.[24] Zum
anderen ist nach dem Ende der neunziger Jahre die erste Generation von ostdeutschen
Journalisten, Sozialwissenschaftlern und Zeitgeschichtlern durch ihre westdeutschen
Mentoren professionalisiert, promoviert und habilitiert worden, so dass sie
nun selbst Einfluss auf die Ost-Diskurse ausüben. Insofern verliert die
Frage ostdeutscher oder westdeutscher Herkünfte etwas an Bedeutung. Statt
ihrer dürfte es in den folgenden Jahren mehr um Identifikationen gehen,
also um die Frage, an welchen Werten und Leit-Erzählungen sich die neuen
Angehörigen der „medienpolitischen Klasse“[25] orientieren
werden.
Diese personelle und geistige Situation bildet den Rahmen für die diskursive
Konstruktion der Ostdeutschen seit 1990. Die Medien der Bundesrepublik näherten
sich diesem neuen Gegenstand, wie es Medien einer modernen Reflexionskultur
immer tun: Das Fremde wurde vermessen, erforscht, interpretiert und dabei dem
Eigenen gegenübergestellt. So entwickelte sich eine diskursive Ko-Konstruktion
westdeutscher und ostdeutscher Identität. In dem über die Ostdeutschen – Fremde,
Andere, vom Eigenen Abweichende – gesprochen wurde, sprach man implizite über
die eigene Identität. Alterität stabilisiert Identität. Seit
November 1989 entfalteten sich lang anhaltende und von besonderen Rahmenbedingungen
geprägte Diskurse, die Darstellungen über die Ostdeutschen und deren
Kultur liefern – die so genannten „Ost-Diskurse“.[26]
Die Verfasstheit der Ost-Diskurse und damit die mediale Konstruktion der
Ostdeutschen, hatte in den neunziger Jahren drei wichtige Voraussetzungen:
- Erstens konnten die überregionalen meinungsführenden Sendeanstalten
und Qualitäts-Blätter den kleinen Ost-Markt ohne große redaktionelle
Veränderungen übernehmen.
- Zweitens kam hinzu, dass das Leitungspersonal der in den Neuen Bundesländern
geschaffenen öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten aus dem Westen stammte – und
zumeist auch das der restrukturierten regionalen ostdeutsche Tageszeitungen.[27]
- Und drittens bildete sich kein adäquater professioneller Gegen-Diskurs
ostdeutscher Akteure heraus. Ostdeutsche Sprecher wurden nur insofern eingebunden,
als sie der etablierten Ausrichtung der Ost-Diskurse entsprachen.
Durch die Verwestlichung der ostdeutsche Medienlandschaft sahen die Ostdeutschen
sich, ihre DDR-Vergangenheit, ihre Kultur sowie ihre „Erfolge“ oder
ihr „Versagen“ beim „Aufbau Ost“ vor allem aus westdeutscher
Perspektive beschrieben und bewertet. So vermissten viele Ostdeutsche abermals
ein Forum, auf dem ihre Sichtweisen verhandelt wurden – ihre besonderen
Ost-Erfahrungen im Transformationsprozess oder ihre neu gewonnenen Einsichten
zur DDR und zum vereinigten Deutschland.
Damit war eine regelrechte Diskurs-Lücke entstanden.
Als Reaktionen darauf entwickelten sich verschiedene Formen von Ostalgie.
Ostalgie als Reaktion
Ersten: Ostalgie in der Werbebranche. Paradigmatisch für eine
kommerziell motivierte Nutzung dieser besonderen Diskurs-Situation ist die
Werbekampagne für eine aus der DDR stammenden Cola-Marke. Im Jahr 1992
,verbrüderte’ sich die Club Cola regelrecht mit den Ostdeutschen.
Mit ihrem Slogan: „Hurra, ich lebe noch!“ erklärte sie sich
als eine der ihren. Die Cola wird als ,Umbruchs-Überlebende’ inszeniert.
Der weitergehende Text der Anzeige – „Von einigen belächelt,
ist sie doch nicht totzukriegen“ – nimmt die Selbstverständigungsgespräche,
die zu dieser Zeit in ostdeutschen Kantinen und Wohnzimmern geführten
werden, auf. Der Text souffliert gewissermaßen: Wir haben es überstanden,
wir lassen uns nicht unterkriegen. Der Werbetext fährt fort: „Club-Cola – die
Cola aus Berlin. Natürlich frisch. Weniger süß. Aber mit viel
Geschmack...“ Hier nimmt die Anzeige die Stereotypisierungen auf, die
Ostdeutsche über die Westdeutschen entwickelt haben: Parfümiert seien
die anderen Deutschen, unecht, gekünstelt, falsch – eben das Gegenteil
von „Natürlich frisch. Weniger süß“.[28]
Ein anderes Beispiel für ostalgische Werbung ist die der ostdeutschen
Elektronikmarke RFT. Sie versucht die Aufmerksamkeit und Sympathie
der Kunden zu gewinnen in dem sie mit ihrem Slogan die dahin gültigen
Vorstellungen in ihr Gegenteil verkehrte: „ostdeutsch, daher gut.“

Abbildung: Werbeanzeige aus dem Jahr 1992
Quelle: Horizont.
Zeitung für Marketing und Medien.
Nr. 45, 6. November 1992, S. 40.
Zweitens: Ostalgie als Praktiken von Laien. Vielfach wurde und wird
Ostalgie nur als DDR-Nostalgie gedeutet. Man glaubte in Ostalgie eine mit zunehmender
Verklärung der DDR einhergehende defensive Haltung gegenüber den
Transformationsanstrengungen zu erkennen – oder auch eine offensive,
polemische Relativierung der DDR-Staatsverbrechen. Obwohl es solche Formen
auch gab und gibt, war die Ostalgie in den 1990er Jahren doch komplexer. Sie
war ein Mittel, das in laienhafter Weise tiefgreifende Erfahrungsbrüche
bearbeiteten half: Die friedliche Revolution und die plötzliche Auflösung
der sich stets als mächtig und ewig gebenden DDR, den raschen Austausch
ihrer allgegenwärtigen und alternativlosen Produktfolie und schließlich
die Einführung der bundesdeutschen Verhältnisse in Ostdeutschland.
Mit dem Besuch oder der Organisation von Ostalgie-Partys holten Angehörige
bestimmter ostdeutscher Milieus eine Verabschiedung der DDR nach und nahmen
eine Selbstvergewisserung in der neuen Gegenwart vor.
Eine Ostalgie-Party glich einem 'historischen Karneval': Die Kostüme
waren DDR-typische Kleidungsstücke oder Uniformen, die Räume dekoriert
mit Fahnen, Politiker-Porträts und Transparenten, auf denen ironische
Abwandlungen einstiger Propaganda-Sprüche standen. So, wie es ein karnevaltypisches
Bühnen-Repertoire gibt, gab es auch eines für Ostalgie-Partys: Honecker-
und Ulbricht-Imitatoren präsentierten noch einmal das groteske Pathos
und die sperrige Sprache der DDR-Selbstzuschreibungen. Es gab Schlager und
Popsongs aus der DDR zu hören, karikierende Fassungen der sozialistischen
Hymnen und „Arbeiter- und Kampflieder" – und manchmal tanzten
die Easty-Girls zu modernisierten Pionier-Liedern.
Man war wehmütig, feierte aber zugleich, dass die dargestellte Vergangenheit
ihre Macht verloren hatte.
Drittens: Ostalgie als Geschäftsfeld. Schon seit über
einem Jahrzehnt verdient eine ganze Branche in Ost und West daran, mit Büchern,
Tonträgern, Spielen, Kult- und Designprodukten ostdeutsche Erinnerungen
zu moderieren. Mit Ostalgie-Produkten werden aber auch ganz neue Moden bedient.
Denn inzwischen sind für viele Jugendliche die Symbole und Formen aus
der DDR-Zeit willkommenes Material, um sich stilistisch von anderen abzuheben.

Abbildung: „DDR-Box“ und
DDR-Bücher
aus dem Sortiment des Eulenspiegel-Verlag Berlin
Quelle: Verlagskatalog Herbst 2004
Viertens: Ostalgie als marginalisierter Gegen-Diskurs. Die Partys
sind vorüber – geblieben ist eine Vielzahl laienhafter DDR-Museen,
von denen einige wenige inzwischen auch an professionelle Standards heranreichen.
Diese DDR-Museen folgten auch dem Impuls, einen Gegenentwurf zu den offiziellen
und professionellen DDR-Museen zu liefern, in denen der Schwerpunkt auf der
Darstellung der Unterdrückung und Indoktrination sowie der Ärmlichkeit
und Hässlichkeit des DDR-Alltags liegt. Zum Gegen-Diskurs gehören
außerdem etliche auflagenschwache Zeitungen, unterfinanzierte Journale
und kleine Verlage. Sie bieten vielen, oft professionell wirkenden Akteuren
jenes Forum, das ihnen in den etablierten Institutionen und Medien nicht gewährt
wird
Die genannten Facetten von Ostalgie konturieren jedoch nicht nur „im
Stillen“ die ostdeutsche Identität. Über ihre mediale Bespiegelung
konturieren sie immer auch die Identität der Westdeutschen, für die
die abweichende Ost-Identität eine wichtige Alteritäts-Konstruktion
darstellt.
Die spezifische Verfasstheit der westdeutschen Ost-Diskurse, die in den neunziger
Jahren die beschriebene Diskurs-Lücke und die darauf reagierende Ostalgie
hervorrief, scheint sich bis heute nicht gewandelt zu haben. Das zeigen Publikationen,
die Medien-Diskurse jüngeren Datums analysieren.[29] Sie
kommen zu dem Ergebnis, dass das mediale Bild von den Ostdeutschen nach wie
vor – und bisweilen mit höchst selektiver Faktennutzung[30] – dazu
dient, westdeutsche Identitäten zu stützen. Für die Ostdeutschen
bedeutet diese Konstellation, dass sie in einer (Medien-)Welt leben, in welcher
der Fremdblick auf ihre Gruppe die vorherrschende mediale Darstellung ist.
Entworfen wird dieser Fremdblick von westdeutschen Positionen aus, die, wie
der Germanist Kersten Sven Roth überzeugend nachweist, als „Normal
Null“[31] fungieren. Insgesamt erweisen
sich die Ost-Diskurse als manifeste Strukturen der Nobilitierung und Marginalisierung
von Wissen. Sie bestimmen die Art des Denkens und Redens über Ostdeutschland.
Sie sind ein „wirklichkeitserzeugender Modus,“[32] also
ein gesellschaftlich-institutionell verankertes Raster des Verstehens, des
Wertens und des Gestaltens. Das alles führt dazu, dass die aus der Zeit
der deutschen Spaltung stammende Identitätskonkurrenz nicht allmählich
eingeebnet, sondern reproduziert wird.[33]
Entgegengesetzte Erinnerungsformen in zwei Jahrzehnten deutscher Einheit
Zwei Dekaden nach ihrem Untergang ist die DDR durch Politikwissenschaft und
Zeitgeschichte, durch Sozial- und Kulturwissenschaften umfassend beschrieben
worden. In der Tendenz spiegeln die forschungsleitenden Fragen wie auch die
Deutung der Ergebnisse jedoch die Perspektive der Westdeutschen wieder. Außerdem
geben die Diskurse der Politik und Medien den zeitgeschichtlichen und sozialwissenschaftlichen
Forschungsstand in nur einseitiger Weise wieder: Die Herrschafts- und Verbrechensgeschichte
findet immer noch eine viel größere Resonanz als die Sozial-, Kultur-
und Alltagsgeschichte der DDR. Dieser war im Gedenkjahr 2009 besonders stark
ausgeprägt.[34]
Hinzu kam eine nachhaltig wirkende Asymmetrie der Geschichtsschreibung: Während
nach der Revolution die Archive des DDR-Staates, der Parteien und Massenorganisationen,
der Wirtschaft, Gesellschaft und insbesondere die Akten des Geheimdienstes
der historischen Forschung und den Medien sofort zur Verfügung standen,
war dies bei den westdeutschen Archiven nicht der Fall. Hier galt und gilt
die übliche dreißigjährige Sperrfrist, bei Geheimdienstdokumenten
oder Akten, die das „Staatswohl der Bundesrepublik gefährden“ können,
auch eine längere. So stehen sich heute die Ergebnisse der durchgreifenden
Aufarbeitung von DDR-Geschichte einerseits und andererseits die durch normale
Archivgesetze und den Einfluss einstiger Akteure geglättete Überlieferung
der bundesdeutschen Zeitgeschichte gegenüber. Diese Konstellation spiegelt
sich im immer positiver werdenden Rückblick auf die Geschichte der Bundesrepublik
wieder.
In der Summe scheint das eher dazu zu führen, dass die Ergebnisse der
DDR-Aufarbeitung bei den Ostdeutschen schlecht ankommen. Somit gibt es im vereinigten
Deutschland immer noch recht unterschiedliche Sichtweisen auf die DDR. Der
Historiker Martin Sabrow[35] beschreibt drei
Gedächtnisformen, in denen heute an die DDR erinnert wird:
(1) Das staatlich privilegierte und im öffentlichen Gedenken vorherrschendes
Diktaturgedächtnis. Es fokussiert vor allem auf den Macht- und Repressionsapparat
und dem Täter-Opfer-Gegensatz. Dieser Erinnerungsmodus weist dem fundamentalen
Unterschied zwischen politischer Freiheit und Unterwerfung eine entschieden
höhere Bedeutung für die Würde des Menschen bei als sozialen
wirtschaftliche Gratifikationen. Auf eine Formel gebracht gilt hier: Zum Verständnis,
für die Bewertung und Einordnung der DDR ist die Stasi das Entscheidende,
nicht die „soziale Sicherheit“.
(2) Das in der gesellschaftlichen Tiefe vorherrschende Arrangementgedächtnis.
Es thematisiert die Konflikte, Lösungen und Erfolge, die sich unter den
meist als fremdbestimmt erlebten Verhältnissen einstellten. In dieser
Erinnerungen geht es gerade um die Verbindung zwischen Machtsphäre und
lebensweltlicher Normalität. Sie ist somit eine, die vom „richtigen
Leben im falschen“ erzählt und von der Selbstbehauptung unter politisch
und materiell schwierigen Bedingungen. Auf eine Formel gebracht könnte
sie lauten: „Wir lassen uns unsere Biographien nicht nehmen – es
war nicht alles schlecht!“
(3) Das am sozialistischen oder postkapitalistischen Projekt festhaltende
Fortschrittsgedächtnis. Diese Gedächtnisform findet sich noch stärker
im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung. Sie wird von den früheren
DDR-Eliten und jüngeren, links stehenden Aktivisten wach gehalten. Neben
einer glättenden und rechtfertigten DDR-Aufarbeitung steht hier die Frage
nach der moralischen und politischen Gleichrangigkeit der beiden deutschen
Staaten im Zentrum. Einschneidende aktuelle Probleme wie die Weltfinanzkrise
oder die Folgen deutscher Militäreinsätze werden im Kontext diesen
Denkens dann immer wieder mit der Frage nach der Legitimität der DDR verknüpft.
Diese Gedächtnisform könnte – mit Rückgriff auf eine DDR-Formel
der Bauernkriegsaneignung – mit „unsre Enkel fechten's besser aus...“ zusammengefasst
werden.
Heute besteht eine deutliche Differenz zwischen dem geschichtspolitisch dominierenden
und von der westdeutschen Bevölkerung geteilten DDR-Bild und den Sichtweisen
der ostdeutschen Bevölkerungsmehrheit. Das zeigt sich beispielsweise in
Umfragen, die die historische Legitimität der DDR zum Gegenstand haben.
Ein großer Teil der Ostdeutschen ist demnach nicht der Auffassung, dass
es sich bei der DDR um ein von vornherein verwerfliches und zum Scheitern verurteiltes
Regime gewesen gehandelt habe. Zur Aussage „Sie war der Versuch, eine
gerechtere Gesellschaft zu errichten, der gescheitert ist“ positionierten
sich die Ostdeutschen wie unten beschrieben:[36]
|
Ja |
Teilweise |
Nein |
1990 |
63,4 |
19,3 |
12,2 |
1995 |
74,8 |
14,9 |
6,6 |
1999 |
72,9 |
17,3 |
7,1 |
Interessant sind auch die Antworten auf die Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat
gewesen sei. Kurz nach dem Ende der DDR, 1994, sagten nur 33 Prozent der Ostdeutschen „Das
stimmt“. 17 Prozent waren unentschieden und 50 Prozent meinten: „Das
kann man so nicht sagen“. Bei den Westdeutschen fiel das Ergebnis ganz
anders aus. [37]
Wenn jemand sagt: „Der
SED-Staat war ein Unrechtsstaat.“ Würden Sie sagen das stimmt,
oder kann man das nicht so sagen? (Zahlen in Prozent) |
Juni 1994 |
Westdeutsche |
Ostdeutsche |
Das stimmt |
73 |
33 |
Kann man so nicht sagen |
15 |
50 |
Unentschieden |
12 |
17 |
Summe |
100 |
100 |
Im Jahr 2009 ist die Lage anders. Es sind nun andere Generationen, die befragt
werden. Wie sich das ostdeutsche Meinungsspektrum geändert hat, zeigte
eine Umfrage, die das Magazin „Super Illu" beim Institut
für Marktforschung Leipzig in Auftrag gab und im März 2009 veröffentlichte.[38]
„War die DDR ein Unrechtsstaat?“ (Zahlen
in Prozent) |
März 2009 |
Ostdeutsche gesamt |
18-29-Jährige |
30-49-Jährige |
50 Jahr und älter |
„ja“ |
28 |
32 |
29 |
25 |
„teils-teils“ |
25 |
18 |
23 |
29 |
„nein“ |
41 |
37 |
43 |
41 |
Auffällig ist zunächst, dass die Zahl der Unentschiedenen, die
auf die Frage, ob die DDR „ein Unrechtsstaat“ war, mit „teils-teils“ antworten,
auf 25 Prozent gewachsen ist. Das ging stärker auf Kosten der Gruppe,
die die DDR nach wie vor für einen Unrechtsstaat hält und etwas weniger
auf Kosten der Gruppe, die diesen Unrechtsstaat-Befund verneint.
Besonders bemerkenswert bei der Umfrage von 2009 sind aber die Altersdifferenzen:
Zum einen zeigt sich, dass die heutige Jugend, die ja die DDR nur noch aus
den Medien kennt, mit der DDR etwas härter ins Gericht geht, als jene,
die sie als Jugendliche und Erwachsene noch selbst erlebten. So wird der Unrechtsstaat-Befund
von 32 Prozent der 18-29-Jährigen, aber nur von 29 Prozent der 30-49-Jährigen
bestätigt. Und von den über 50-Jährigen stimmen dem nur 25 Prozent
zu. Ebenso ist es bei denen, in deren Augen die DDR kein Unrechtsstaat gewesen
ist. Hierzu hören 37 Prozent der 18-29-Jährigen, aber 43 Prozent
der 30-49-Jährigen und 41 Prozent der über 50-Jährigen.
Die zweite altersbezogene Auffälligkeit zeigt sich, wenn man die Größenverhältnisse
bei der Antwortvariante „teils-teils“ nimmt: Nur 18 Prozent der
18-29-Jährigen optieren hierfür, aber 23 Prozent der 30-49-Jährigen
und 29 Prozent der über 50-Jährigen. Das heißt: Während
das Antwortverhalten („ja“, „teils-teils“, „nein“)
bei den mittleren und älteren Jahrgängen relativ ausgeglichen ist,
weist es bei den 18-29-Jährigen starke Diskrepanzen auf. Die zwei Dekaden
DDR-Aufarbeitung haben die ostdeutschen Jugendlichen in ihrer Sicht offensichtlich
polarisiert: Sie sind entweder eindeutig der Meinung dass die DDR ein Unrechtsregime
gewesen sei, oder sie weisen diese Bewertung ebenso entschieden zurück.
Nicht mal ein Fünftel von ihnen optiert für „teils-teils“.
Selbstbewusster Rückblick auf die Lebensleistung in der DDR, nüchterne
Sicht auf die Zeit nach der Vereinigung
Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass der Rückblick der Ostdeutschen
auf die DDR unter recht komplexen, ja bisweilen sogar widersprüchlich
Bedingungen stattfindet. Die allermeisten Ostdeutschen nehmen für sich
in Anspruch, dass sie sich in der DDR unter schwierigen Umständen behauptet,
auf anständige Weise arrangiert oder für eine positive Entwicklung
der Verhältnisse eingesetzt haben. Gleichzeitig sehen sie sich in Medien,
Politik und Bildung mit Beschreibungen der DDR und der Ostdeutschen konfrontiert,
die sich an den Identitätsbedürfnissen der westdeutschen Mehrheit
orientieren[39] und für die Mehrheit
der Ostdeutschen nicht akzeptabel sind. In diesen Diskursen wird einerseits
unterstellt, dass sich sehr viele Ostdeutsche der Diktatur nicht so weit entzogen
hätten, wie es möglich gewesen sei, und damit deren (Mit-)Täterschaft
herausgestrichen. Andererseits spricht man von allgegenwärtiger Repression
und beständigem Mangel und erklärt damit die große Mehrheit
der Ostdeutschen zu Opfern, während jene jedoch Stolz darauf sein wollen,
wie sie ihre Leben in der DDR gemeistert haben. So oder so schlägt diesen
Darstellungen als verärgertes Echo entgegen, dass man die DDR sowieso
nicht verstehen könne, wenn man nicht dabei gewesen sei.
Wie die Ostdeutschen ihr persönliches Verhalten in der DDR im Jahr 2007
bewerten, ist in einer repräsentativen Studie am Beispiel Thüringens
erhoben worden. Die große Mehrheit, 63 Prozent der Ostdeutschen, sind
mit ihrem eigenen Verhalten in der DDR „sehr zufrieden“ oder „zufrieden“.
Nur 7 Prozent sind weniger zufrieden oder unzufrieden.[40]

Abbildung: Zufriedenheit mit eigenem Verhalten
in DDR (2007)
Quelle: Jenaer Zentrum für empirische
Sozial- & Kulturforschung:
Zur sozialen Lage der Opfer des SED-Regimes in Thüringern. Forschungsbericht
im Auftrag des Thüringer Ministeriums für Soziales, Familie und Gesundheit.
Erfurt 2008 S. 52.
Dieses ostdeutsche Sonder-(Selbst)Bewusstsein wird oft als „Verklärung", „Verdrängung" oder
gar als mögliche Bedrohung der Demokratie gebrandmarkt. Umfragedaten bestätigen
diese Befürchtungen allerdings nicht. Nur ein Bruchteil der Ostdeutschen – im
Jahr 2002[41] und 2006[42] waren
das 10 Prozent – möchte „am liebsten die DDR wieder haben." Eine
wachsende Mehrheit hält „die Einführung einer politischen Ordnung
nach westlichem Vorbild" für richtig. 1995 waren das 77 Prozent.[43] Im
Jahr 2001 bewerteten 86 Prozent der Ostdeutschen die Wiedervereinigung und
64 Prozent die Einführung der sozialen Marktwirtschaft als die richtige
Entscheidung.[44] Das ist auch nicht verwunderlich.
Fragt man die Ostdeutschen heute, wie es ihnen im Vergleich zur Zeit vor der
Vereinigung geht, so erkennt die Mehrheit eine Verbesserung. Im Jahr 1999 meinten
65 Prozent der Ostdeutschen, dass es ihnen besser und 13 Prozent, dass es ihnen
schlechter ginge. Die restlichen 22 Prozent konnten keine Veränderung
feststellen. Neun Jahre später hatten sich die Bilanzen etwas eingetrübt:
Im Jahr 2008 meinten nur noch 56 Prozent, dass es ihnen besser und schon 21
Prozent, dass es ihnen schlechter ginge. Nahezu unverändert blieb mit
25 Prozent die Zahl derer, die keine Veränderung feststellten.[45]
Dass 2008 jedoch immerhin ein Fünftel Ostdeutsche rückblickend
meinte, in der DDR ein besseres Leben geführt zu haben, ist nicht (nur)
eine retrospektive Verklärung, sondern auch ein realistisches Abbild jüngster
Verluste und aktueller Zwänge. Für viele brachten die neuen Chancen
und die Freiheit nur wenig. Zu den „größten Verlierern der
deutschen Vereinigung“ wurden die ostdeutschen Arbeitermilieus, sie stellten
1990 immerhin 63 Prozent der DDR-Bevölkerung.[46] Jeder
Zweite aus dieser großen Gruppe musste aus dem Normalarbeitsverhältnis
in den Vorruhestand, in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, in kapitalschwache
Existenzgründungen, ins Arbeitslosen- bzw. Hausfrauendasein weichen. Das „abgehängte
Prekariat“, zu dem in Ostdeutschlands 25 Prozent der Bevölkerung
zu rechnen sind,[47] rekrutiert sich zumeist
aus den ehemaligen DDR-Arbeitern.
Ob sich die Ostdeutschen eher als Gewinner oder als Verlierer der deutschen
Vereinigung sehen, hängt ganz von der Vergleichsebene ab. Vergleichen
sie ihr Leben mit dem in der DDR, so sehen sich heute 39 Prozent der Ostdeutschen
als Gewinner und 12 Prozent als Verlierer an. Die Mehrheit von ihnen, 49 Prozent,
meint jedoch nüchtern, dass sie weder zu den Gewinnern noch zu den Verlierern
gehörten.[48]
Vergleichen die Ostdeutschen ihre Lage jedoch mit der Position der Westdeutschen,
so ergibt sich ein anderes Bild. Obwohl, wie oben gezeigt, immerhin 39 Prozent
für sich persönlich eine Verbesserung der Lebensverhältnisse
konstatieren können, sehen sie sich als Angehörige ihrer Gruppe,
als Ostdeutsche, immer noch als zweitklassig. Dass man als Ostdeutscher „Bürger
zweiter Klasse" sei, fanden im Jahr 1995 72 Prozent[49] der
Ostdeutschen, im Jahr 2002 57 Prozent[50] und
im Jahr 2008 64 Prozent.[51]
Einer der Gründe dafür dürfte sein, dass sich in den letzten
zwanzig Jahren die Vermögensunterschiede zwischen den Westdeutschen und
den Ostdeutschen noch zu wenig eingeebnet haben. Das Nettovermögen pro
Person ging in Ostdeutschland von 2002 bis 2007 um zehn Prozent auf durchschnittlich
31.000 Euro zurück – in Westdeutschland stieg es in der
gleichen Zeit um etwa elf Prozent auf durchschnittlich 100.000 Euro pro Person.[52] Laut
Mikrozensus vom März 2004 verdienten nur 24,2 Prozent der ostdeutschen
Erwerbstätigen 1.500 Euro oder mehr im Monat – im Westen waren es
43,9 Prozent. Der Osten als „verlängerte Werkbank“, als kapitalistische
Region „ohne einheimisches Kapital und einheimische Eliten“[53] macht
den Westen reich – und der Westen macht den Osten stumm. Für eine Überwindung
der Spaltung fehlt eine einheimische Elite, welche ostdeutsche Erfahrungen,
Deutungen und Ansprüche artikuliert – und schließlich jene ökonomischen,
sozialen und kulturellen Ressourcen, die die entsprechende Selbstorganisation
der ostdeutschen Gesellschaft ermöglichen könnte.
Das bei den Ostdeutschen verbreitete Gefühl, „Bürger zweiter
Klasse zu sein, basiert also sowohl auf der handfesten materiellen Schlechterstellung
der Ostdeutschen wie auch auf der Tatsache, dass die besonderen Erinnerungen,
Bilanzen und Wertvorstellungen der ehemaligen DDR-Mehrheitsbevölkerung
in den Ost-Diskursen der Medien, der Bildung und Politik nicht integriert,
sondern ausgeblendet oder gar stigmatisiert werden.
Ausblick: Die DDR im Rücken – Erfahrungen als Ressourcen
Seit der deutschen Vereinigung dreht sich die Debatte in Ostdeutschland immer
wieder darum, wie viel Jahre es noch bis zur versprochenen vollständigen
Angleichung der Lebensverhältnisse im vereinigten Deutschland – was
natürlich meint: Angleichung des Ostens an den Westen – brauchen
würde.
Inzwischen, nach zwanzig Jahren, scheint sich jedoch abzuzeichnen, dass es
in den nächsten Dekaden nicht mehr um die vollständige Übernahme
der westdeutschen Konsumstandards in Ostdeutschland gehen wird.
Wenn die Landkreise der Bundesrepublik auf den aktuellen Karten farblich
markiert werden – beispielsweise nach dem durchschnittlichen jährlichen
Wanderungssaldo, nach der künftigen Entwicklung des Durchschnittsalters,
der Beschäftigtenzahl pro Betrieb, der Quote der erwerbsfähigen Frauen
oder der Dichte der de.-Domains – dann ersteht das Abbild der untergegangenen
DDR wieder. Das vereinte Deutschland zeigt sich als ein abermals geteiltes
Deutschland.[54]
Zwei Dekaden nach dem Mauerfall ähnelt die Situation Ostdeutschlands
jener, wie sie schon fünf Dekaden zuvor, kurz vor dem Mauerbau, bestanden
hatte: Damals wie heute waren die Erwerbsmöglichkeiten und die Lebensverhältnisse
im Westen besser, so dass vor allem jüngere und qualifiziertere Arbeitnehmer
in den Westen abwanderten. Im Unterschied zu den fünfziger und frühen
sechziger Jahren entsteht heute in Ostdeutschland allerdings kein Arbeitskräftemangel
mehr. Im Gegenteil. 2009 liegt die Arbeitslosenquote im Osten immer noch doppelt
so hoch wie im Westen, während der Druck auf Tarife und Löhne entsprechend
größer ist.
Die zurückliegende Kolonisierung Ostdeutschlands hat diesen Landstrich
um seine Zukunft gebracht. Junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich
etwas zutrauen, die sich verwirklichen, beweisen und Karriere machen wollen,
gehen zumeist – freilich nicht ohne Heimweh – in den Westen. Was
einer solchen Migration entgegensteht – Immobilienbesitz oder Firmeneigentum,
familiäre Bindungen, Freundesnetzwerke sowie gute Freizeit- und Arbeitsmöglichkeiten – fehlt
im Osten oder verliert gegenüber den Zwängen, die zur Abwanderung
drängen, als „Haltefaktor“ an Kraft. Bekanntermaßen
reagieren junge Frauen am sensibelsten darauf, wenn Regionen an Attraktivität
verlieren. Die Abwanderung der jungen Mütter verschärft wiederum
langfristig den Trend der Entleerung und Überalterung Ostdeutschlands.
Während in manchen ostdeutschen Metropolen und „Leuchtturm-Bereichen“ der
Bevölkerungsrückgang (auf Kosten der umliegenden Regionen) etwas
gebremster als in der Fläche verläuft, trifft es die ostdeutsche
Provinz um so härter. Das führt zu einem Rückzug staatlicher
Institutionen, beispielsweise durch das Zusammenlegen von Schulen und Verwaltungszentren,
der Einsparung von Kulturangeboten, sowie zu einer durch die wirtschaftlichen
Akteure zu verantwortenden Ausdünnung von Handels-, Dienstleistungs-,
und Freizeitangeboten.
Erfahrungen sind Ressourcen bei der Bewältigung von aktuellen Problemen.
Mit der Schrumpfung des staatlichen Institutionennetzes und dem partiellen
Rückzug wirtschaftlicher Akteure – sowohl in ihrer Eigenschaft als
Arbeitgeber wie auch als Anbieter – zeigen sich in Ostdeutschland Prozesse,
wie sie in Deutschland seit der Nachkriegswachstumsphase noch nicht zu beobachten
waren. Für den Umgang mit dieser Situation gibt es noch keine Rezepte
und Richtlinien. Was werden die in ihren Regionen verbliebenen Ostdeutschen
tun? Sie werden das tun, was ihnen ihre Mentalität und Sozialisation ermöglicht
und ihnen ihre Erfahrung nahe legt – das, was schon bei der Bewältigung
des problematischen DDR-Alltags dienlich war. Hierzu gehörten die Bildung
von partnerschaftlichen, familien- und betriebsorientierten Netzwerken sowie
die Pflege des – von westdeutschen Beobachtern einst als „Chaosqualifikation“ beschriebenen – Improvisationsvermögen.
Es ist jene „Kombination von Familialismus und Deinstitutionalisierung“,
die heute schon typisch ostdeutsche Muster sind, die Partner- und Elternschaft,
die Berufstätigkeit und den Familienkontext zu managen.[55]
Das alles sind apolitische, streng genommen, nicht einmal gesellschaftliche,
sondern privatistische Lösungsansätze – was den Ostdeutschen
auch immer wieder angekreidet wird. Doch diese Kritik aus der westdeutschen
Bürger-Gesellschaft, die im Gegensatz zur Ostdeutschen weiter ihren Wohlstand
steigern konnte, geht an den Realitäten in der verarmenden, arbeiterlich
und kleinbürgerlich geprägten Ost-Gesellschaft vorbei. Denn sie verkennt
die besonderen Transformationserfahrungen der Ostdeutschen. Jene hatten in
den letzten beiden Dekaden erlebt, dass familiäre und private Netzwerke
oft mehr zur Problembewältigung beigetragen hatten, als gesellschaftliche
Institutionen oder westdominierte Parteien. Insofern gehört für die
Ostdeutschen die Mitarbeit in Parteien, Vereinen, der Aufbau von Stiftungen
und ehrenamtliches, bürgerschaftliches Engagement nicht zum Arsenal der
erfahrungserprobten Instrumente. Während sich die bürgerliche Mitte
des Westens als selbstbewusste Gestalterin ,ihrer Gesellschaft’ versteht,
ist ,die Gesellschaft’ für die eher arbeiterlich und kleinbürgerlich
orientierten Ostdeutschen viel mehr eine Gegebenheit, über die man nicht
selbst verfügen, über dessen Verfasstheit „die da oben bestimmen.“ Deswegen
konzentriert man sich kräftesparend auf die eigenen Netzwerke. So hat
die ostdeutsche „Marktwirtschaft ohne einheimisches Kapital und einheimische
Eliten“, eine Gesellschaft mit zudem schwach ausgeprägter bürgerlicher
Mitte, die einst in der DDR geprägten Identitäten prolongiert und
reproduziert. Doch damit dürften die Ostdeutschen besser ,in die Zeit
passen’, als manche denken, – vor allem jene, die immer noch erwarten,
dass der Osten den Westen einholen könnte. Die kommende Phase der Schrumpfung,
Entleerung und Überalterung, die partiell auch über einige Regionen
des Westens kommt, ist etwas Neues, ein historisches Zwielicht, in
dem sich das ,Nicht Mehr’ mit dem ,Noch Nicht’ mischt. Hierfür
scheinen die zusammenbruchserfahrenen Ostdeutschen ganz gut disponiert zu sein.
Die Ostdeutschen sind somit gewissermaßen mit einer Situation konfrontiert,
die zur Zeit ihrer Eltern und Großeltern, während der Ulbricht-Periode,
in die Formel gekleidet wurde: „Überholen ohne Einzuholen“.
1. Edgar Wolfrum: Geschichtspolitik in
der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung
1948-1990. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 1999, S. 78.
2. Wolfrum 1999 (Anm. 1), S. 385.
3. Monika Gibas: „Bonner Ultras“, „Kriegstreiber“ und „Schlotbarone“.
Die Bundesrepublik als Feindbild der DDR in den fünfziger Jahren. In:
Silke Satjukow und Rainer Gries (Hrsg.): Unsere Feinde. Konstruktion des Anderen
im Sozialismus. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, S. 75-106.
4. Dirk Schindelbeck
und Volker Ilgen: „Haste
was, biste was!. Werbung für die Soziale Marktwirtschaft, Darmstadt: Wissenschaftliche
Buchgesellschaft, S. 147.
5. Das Foto aus dem
Archiv von Karl-Detlef Mai wurde veröffentlicht in: Monika Gibas: Propaganda in der DDR. Erfurt:
Landeszentrale für politische Bildung 2000, S. 16.
6. Rainer Geißler:
Die Sozialstruktur Deutschlands. Zur gesellschaftlichen Entwicklung mit einer
Zwischenbilanz zur Vereinigung. 2., neubearbeitete Auflage. Opladen: Westdeutscher
Verlag 1996, S. 240f.
7. Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen. Kunde
von einem verlorenen Land. Berlin 1999: Aufbau-Verlag, S. 200.
8. Engler 1999 (Anm. 7 ), S. 300f.
9. Irene Böhme:
Jugendbande oder der missbrauchte Idealismus. In: In Sachen Erich Honecker.
Kursbuch 111. Berlin: Rowohlt 1993, S. 13-23, hier S 18f.
10. Vgl. im Folgenden: Wolf Wagner: Kulturschock
Deutschland. Der zweite Blick. Hamburg: Rotbuch 1999, S. 127-146.
11. Werner Schmidt,
Klaus Schönberger: „Jeder
hat jetzt mit sich selbst zu tun“. Arbeit, Freizeit und politische Orientierungen
in Ostdeutschland. Konstanz: UVK 1999, S. 62f.
12. Schmidt/Schönberger
1999 (Anm. 11 ), S. 59.
13. Werner Schmidt:
Betriebliche Sozialordnung und ostdeutsches Arbeitsnehmerbewusstsein im Prozess
der Transformation. München,
Mehring: Hampp 1996, S. 79, siehe auch 301ff.
14. Gunnar Winkler
(Hrsg.): Sozialreport 2004. Daten und Fakten zur sozialen Lage in den neuen
Bundesländern. Berlin:
Trafo-Verlag, 2004, 69, 72.
15. Michael Hofmann:
Schwierige Suche nach gesicherten Verhältnissen. Von einer erwerbstätigen sozialen
Mitte kann kaum gesprochen werden. Was die Region prägt, ist eine neue
Armut. In: Das Parlament 38/2009 (14.09.) S. 6.
16. Friedrich-Ebert-Stiftung & TNS
Infratest Sozialforschung: Gesellschaft im Reformprozess. 2006. http://www.fes.de/inhalt/Dokumente/061017_Gesellschaft_im_Reformprozess_komplett.pdf S.
2, 83ff.
17. Evelyn Grünheid: Überblick über
die demographische Entwicklung in West- und Ostdeutschland von 1990-2004. In:
Insa Cassens, Marc Luy, Rembrandt Scholz (Hrsg.): Die Bevölkerung in Ost-
und Westdeutschland. Demographische und gesellschaftliche Entwicklungen seit
der Wende. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2009, S. 12-47,
hier S. 24f.
18. Jürgen Dorbritz; Kerstin Ruckdeschel:
Die langsame Annäherung - Demografisch relevante Einstellungsunterschiede
und der Wandel in den Lebensformen in West- und Ostdeutschland. In: Cassens/Luy/Scholz
(Anm. 17 ), S. 261-294, hier S. 279.
19. Dorbritz/Ruckdeschel (Anm. 18 ), S.
287.
20. Grünheid
2009 (Anm. 17 ) S. 24f.
21. Thomas Bulmahn:
Das vereinte Deutschland - Eine lebenswerte Gesellschaft? In: Kölner Zeitschrift für
Soziologie und Sozialpsychologie 52 (2000) H. 3, S. 405-427.
22. Gunnar Hinck: Ostdeutsche Marginalisierung.
In: Deutschland Archiv 40 (2007) H. 5, S. 808-814, hier S. 811.
23. Jörg Machatzke: Die Potsdamer
Elitestudie – Postionsauswahl und Ausschöpfung. In: Wilhelm Bürklin
und Hilke Rebenstorf (Hrsg.) Eliten in Deutschland. Rekrutierung und Integration.
Opladen 1997. S. 35-69.
24. Winkler 2004 (Anm. 14 ) S. 72.
25. Siegfried Jäger: Kritische Diskursanalyse.
Eine Einführung. 2., überarb. und erw. Aufl. Duisburg 1999, S. 143.
26. Vgl. Thomas
Ahbe: Ost-Diskurse. Das Bild von den Ostdeutschen in den Diskursen von vier überregional erscheinenden
Presseorganen 1989/1990 und 1995. In: Kersten Sven Roth und Markus Wienen (Hrsg.):
Diskursmauern. Aktuelle Aspekte der sprachlichen Verhältnisse zwischen
Ost und West. Bremen 2008, S. 21-53; sowie: Thomas Ahbe, Rainer Gries und Wolfgang
Schmale (Hrsg.): Die Ostdeutschen in den Medien. Das Bild von den Anderen nach
1990. Leipzig 2009.
27. Vgl. hierzu eine Studie des Mitteldeutschen
Rundfunks (MDR) und der Redaktion Umschau aus dem Jahr 2004, zitiert
bei: Peer Pasternak: Wissenschaftsumbau. Der Austausch der Deutungseliten.
In: Hannes Bahrmann und Christoph Links (Hrsg.): Am Ziel vorbei. Die deutsche
Einheit – Eine Zwischenbilanz. Berlin 2005. S. 221-236, hier S. 224-225.
28. Die Anzeige
wurde abgebildet in: Thomas Ahbe: Deutschland – vereintes, geteiltes Land. Zum Wandel sozialer Strukturen
und Meta-Erzählungen. In: Niels Beckenbach (Hrsg.): Fremde Brüder.
Berlin 2008, S. 55-97, S. 76.
29. Vgl. hierzu
Julia Belke: Das Bild der Ostdeutschen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Eine Diskursanalyse
des ARD-Politmagazins KONTRASTE in der Zeit von 1987 bis 2005. In Ahbe/Gries/Schmale
2009 (Anm. 26 ), S. 135-180 sowie Juliette Wedl: Ein Ossi ist ein Ossi ist
ein Ossi … Regeln der medialen Berichterstattung über „Ossis“ und „Wessis“ in
der Wochenzeitung Die Zeit seit Mitte der 1990er Jahre. In: ebenda,
S. 113-134.
30. Bettina Radeiski
und Gerd Antos: ,Markierter Osten’. Zur medialen Inszenierung der Vogelgrippe auf Rügen
und am Bodensee. In: Roth/Wienen (Anm. 26 ), S. 55-67.
31. Kersten Sven
Roth: Der Westen als ,Normal Null’. Zur Diskurssemantik von ,ostdeutsch’ und ,westdeutsch’.
In: Roth/Wienen (Anm. 26 ), S. 69-89.
32. Sabine Hark:
Feministische Theorie – Diskurs – Dekonkstruktion.
Produktive Verknüpfungen. In: Reiner Keller, Andreas Hirseland, Werner
Schneider und Willy Viehöver (Hrsg.): Handbuch Sozialwissenschaftliche
Diskursanalyse. (Bd. 1) Opladen 2001, S. 353-371, hier S. 362.
33. Thomas Ahbe : Du problème
de « l’unité intérieure » dans l’Allemagne
unifiée. In : Hans Stark et Michèle Weinachter (dir.): L’Allemagne
unifiée 20 ans après la chute du Mur. Lille 2009, S. 71-89, siehe
auch ders.: Deutschland – vereintes, geteiltes Land. (Anm. 28 ).
34. In diesem Zusammenhang
stellt das Bonner Institut Media Tenor mit unübersehbarer Erleichterung fest: „Die
Gedenkveranstaltungen und Rückblicke auf den Mauerfall und die Geschichte
der DDR rückten negative Aspekte wieder in den Vordergrund des DDR-Bildes.
In den vorangegangenen Jahren waren dagegen Stasi und Grenzregime seltener
ein Thema für die tonangebenden Fernsehnachrichten.“ Die Historisierung
des Gegenstandes DDR scheinen die Bonner Medienforscher – folgt man ihrer
Presseerklärung –direkt mit der „Verklärung“ des
Gegenstandes gleichzusetzen. So heißt es: „Je seltener die Berichterstattung
die vielen Schattenseiten der DDR erwähnt, desto stärker bricht der
nostalgische Rückblick der gut vernetzten Ex-Funktionäre und Erinnerungs-Propagandisten
von Gysi bis Thierse durch.“ Media Tenor, 29.09.2009: Gedenktage dämpfen
die Ostalgie, http://www.mediatenor.de/newsletters.php?id_news=668 (01.01.2010,
16:59)
35. Martin Sabrow:
Die DDR erinnern. In: Sabrow, Martin (Hrsg.): Erinnerungsorte der DDR. München:
C.H.Beck, 2009. S. 11-27, hier S. 18ff.
36. Jürgen Hofmann: Identifikation
und Distanz. In: Heiner Timmermann (Hrsg.): Deutsche Fragen von der Teilung
bis zur Einheit. Berlin: Duncker & Humblot, 200, S. 431-449, hier S. 435.
37. Datenbasis:
Elisabeth Noelle-Neumann, Renate Köcher (Hrsg.): Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie. 1993-1997
(Bd. 10). München: K.G. Saur, 1997, S. 584.
38. SUPER Illu 13/2009 (19.03.) S. 23.
39. Thomas Ahbe: Die Ost-Diskurse als
Strukturen der Nobilitierung und Marginalisierung von Wissen. Eine Diskursanalyse
zur Konstruktion der Ostdeutschen in den westdeutschen Medien-Diskursen 1989/90
und 1995. In: Thomas Ahbe, Rainer Gries, Wolfgang Schmale (Hrsg.): Die Ostdeutschen
in den Medien. Das Bild von den Anderen nach 1990. Leipzig: Leipziger
Universitätsverlag, 2009. S. 59-112.
40. Jenaer Zentrum
für empirische
Sozial- & Kulturforschung: Zur sozialen Lage der Opfer des SED-Regimes
in Thüringern. Forschungsbericht im Auftrag des Thüringer Ministeriums
für Soziales, Familie und Gesundheit. Erfurt 2008 S. 52.
41. Gunnar Winkler
(Hrsg.): Sozialreport 2002. Daten und Fakten zur sozialen Lage in den neuen
Bundesländern. Berlin:
Trafo-Verlag 2002, S. 54.
42. Klaus Schroeder:
Die veränderte
Republik. Deutschland nach der Wiedervereinigung. Stamsried: Vögel-Verlag
2006, S. 725.
43. Thomas Gensicke:
Die neuen Bundesbürger.
Eine Transformation ohne Integration. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1998,
S. 186.
44. Schroeder 2006 (Anm. 42 ), S. 324.
45. Forsa-Umfrage In: Berliner Zeitung,
02.01.2009, Online.
46. Michael Vester u.a.: Soziale Milieus
im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung.
Frankfurt/M: Suhrkamp 2001, S. 533.
47. Siehe oben sowie Anm. 16 .
48. Forsa-Umfrage In: Berliner Zeitung,
02.01.2009, Online.
49. Stolz aufs
eigene Leben. SPIEGEL-Umfrage – Viele
Ostdeutsche trauern der alten Zeit nach. In: DER SPIEGEL, H. 27/1995 (3. Juli),
S. 40-42, hier S. 49.
50. Elisabeth Noelle-Neumann,
Renate Köcher
(Hrsg.): Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie. 1998-2002 (Bd. 11). München:
K.G. Saur, 2002, S. 521.
51. GMF-Survey
2008. Institut für
Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld:
Presseinformation GMF-Survey 2008, S. 17. ( www.uni-bielefeld.de/ikg/download/Pressemappe2008.doc).
52. Michael Hofmann:
Schwierige Suche nach gesicherten Verhältnissen. Von einer erwerbstätigen sozialen
Mitte kann kaum gesprochen werden. Was die Region prägt, ist eine neue
Armut. In: Das Parlament 38/2009 (14.09.) S. 6.
53. Winkler 2004 (Anm. 24 ) S. 69, 72.
54. Steffen Maretzke:
Die Bevölkerungsentwicklung
in den Regionen Deutschlands. Ein Spiegelbild der vielfältigen ökonomischen
Disparitäten. In: Cassens/Luy/Scholz (Anm. 17 ), S. 223-260, hier S. 240-247.
55. Dorbritz/Ruckdeschel (Anm. 18 ), S.
287.
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