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Rainer Gries
Kommt das „Vierte Reich“?
Erwartungen in Österreich im Wendeherbst 1989
Im November 1989, als die deutschen Medien nach der Öffnung der deutsch-deutschen
Grenze „kilometerlange Trabi-Staus“ feierten, als das deutsche
Fernsehen Tag für Tag in Reportagen von den Grenzübergangsstellen überglückliche
Menschen auf dem Weg in den Westen zeigten, als zur Freude über das schier
unfassbare Geschehen Überlegungen aufkamen, wie diese mirakulöse
Geschichte weitergehen würde, in jenen Novemberwochen informierten auch
die österreichischen Medien über das Jahrhundertereignis. Auch hier
berichteten die Journalisten in jenem feierlich-sensationellen Duktus, der
ein singuläres und säkulares Großereignis verkündet.
In der hiesigen Presse fanden sich aber auch ganz andere Töne. Befragt,
was die deutschen Ereignisse für die Alpenrepublik und für Europa
bedeuten würden, befürchtete der weltberühmte Romancier Johannes
Mario Simmel Mitte November 1989, die „Wiedervereinigung“ des großen
Nachbarvolkes führe unweigerlich binnen eines Dezenniums zum Krieg auf
dem alten Kontinent: „Eine Wiedervereinigung würde eine große
Katastrophe und einen gewaltigen Schock für die vier Siegermächte
bedeuten. Deutschland würde damit zur größten Industrienation
werden, und spätestens in zehn Jahren könnten wir den nächsten
Krieg haben, weiß der Himmel, gegen wen.“ Namhafte Historiker pflichteten
dem Bestsellerautor bei und bezeichneten die sich abzeichnende Vereinigung
ebenfalls als eine politische Katastrophe für Österreich und nicht
zuletzt für ganz Europa. „Selbst das Reden davon kann schon gefährlich
sein“, konstatierte ein Geschichtswissenschaftler im November 1989.
Elf Monate später, am 3. Oktober 1990, war die deutsche Einheit politische
Wirklichkeit geworden und Europa hatte sein Antlitz vollends verändert.
Seither sind zwanzig Jahre vergangen – und der Kontinent blieb von dem
prophezeiten Krieg gottseidank verschont.
Auch österreichische Ökonomen glaubten an eine düstere Zukunft.
Sie prophezeiten ein wirtschaftliches Desaster für das kleine Land und
sahen die Zinsen in schwindelnde Höhen steigen. Österreich, so Hellmuth
Klauhs, der damalige Präsident der Nationalbank, im Frühjahr 1990,
werde unter der kommenden deutschen Währungsunion besonders leiden. Hugo
Portisch („Mr. Österreich“) fürchtete die künftig
enge wirtschaftliche Zusammenarbeit der beiden deutschen Staaten. Der Journalist
und Fernsehhistoriker erwartete, dass die Ostdeutschen nunmehr huckepack in
die Europäische Gemeinschaft mitgenommen werden würden – und
damit auch deren Wirtschaftskraft. Eine ökonomisch völlig haltlose
Befürchtung, denn die DDR war durch den begünstigten innerdeutschen
Handel ohnehin längst ein stilles Mitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft
gewesen. Das wussten die politisch Verantwortlichen in Europa – und hatten
es bis dato beschwiegen. Nun richteten zahlreiche österreichische Autoren
das Schreckbild einer unüberschaubaren und einer unbezähmbaren gesamtdeutschen
Wirtschaftspotenz auch deshalb auf, weil man in Österreich die Sorge hegte,
die Neuordnung der beiden deutschen Staaten könnte einen negativen Einfluss
auf die eigenen ökonomischen Ambitionen als Drehscheibe im West-Ost-Handel
haben.
Erwartungsgeschichte: Archäologie der Zukunft
Ob in Berlin oder in Bonn, ob in Budapest oder in Warschau, in Leipzig oder
in London, in Prag oder Paris, in Washington oder in Moskau, in London oder
in Wien, in Ost und West: Spätestens im Herbst des Jahres 1989 eröffnete
sich weltweit eine ganz außergewöhnliche Herausforderung. Politiker
und Publizisten, Partei- und Kirchenleute, Diplomaten und Demonstranten, Intellektuelle,
Bürgerrechtler und einfache Bürger – in unterschiedlichen Zusammenhängen
spürten die Menschen die machtvolle Dynamik weit reichender Veränderungen.
Doch die Wege dieses Wandels zeichneten sich noch nicht ab, die Zukunft war
in diesen Wochen und Monaten noch nicht vorhersehbar.
Das schuf Raum für neues Denken und für neues Fühlen. Der
Herbst 1989 gerann zum Frühling der Erwartungen.
Erwartungen sind als Kategorie historischen Denkens seit langem bekannt.
Schon der Theologe, Philosoph und Kirchenvater Augustinus, der das mittelalterliche
Geschichtsdenken maßgeblich prägte, wies in seinen Confessiones
darauf hin, dass Erwartungen eine von drei Zeitformen im menschlichen Bewusstsein
darstellen:
„Denn es sind diese Zeiten als eine Art Dreiheit in der Seele (...)
und zwar die Gegenwart von Vergangenem, nämlich Erinnerung (memoria);
die Gegenwart von Gegenwärtigem, nämlich Augenschein (contuitus),
die Gegenwart von Künftigem, nämlich Erwartung (expectatio) .“ Gegenwart
und Zukunft spiegeln sich in Erwartungshorizonten; im Modus der Erwartung
verbindet der Mensch zwei Zeitdimensionen, indem er in einer bestimmten Gegenwart
Bilder von der Zukunft entwirft. Erwartungen werden gewöhnlich von Erfahrungen überlagert.
Einstige Erwartungen versinken daher bald in der Vergessenheit. Wer sich
also auf eine Archäologie der Erwartungsschichtungen einlässt,
hat die Chance, zugleich auch eine verborgene und vielleicht auch eine verdrängte
Geschichte zu entdecken.
„Soviel wie in diesen Wochen ist in unserem Land noch
nie geredet worden, miteinander geredet worden, noch nie mit dieser Leidenschaft,
mit soviel viel Zorn und Trauer und mit soviel Hoffnung. Wir wollen jeden
Tag nutzen, wir schlafen nicht oder wenig, wir befreunden uns mit neuen Menschen
und wir zerstreiten uns schmerzhaft mit anderen.“ So die ostdeutsche
Schriftstellerin Christa Wolf am 4. November 1989 vor rund einer Million
ostdeutscher Demonstranten auf dem Berliner Alexanderplatz. In den Wochen
und Monaten jenes Herbstes wurden überall auf der Welt nicht nur Visionen
und Utopien, sondern auch Ängste und Sorgen geboren. In den Gesichtern
der Menschen im Osten spiegelten sich sowohl die Stimmung eines hoffnungsfrohen
Aufbruchs wie die Befürchtungen vor einem kommenden Umbruch.
Fremdbilder spiegeln Selbstbilder
„Droht das IV. Reich?“ „Wer fürchtet sich vorm Vierten
Reich?“ Schlagzeilen wie diese, die an das nationalsozialistische „Dritte
Reich“ gemahnten, waren in österreichischen Medien in jenem Herbst
1989 zu lesen. Kommentatoren beschworen jetzt eindringlich den seit 1945 mühsam
aufgebauten und emotional abgesicherten nationalen Konsens der Alpenrepublik.
Spätestens seit den siebziger Jahren empfand eine gesicherte Mehrheit Österreich
als eigene Nation, betrachtete sich eine Mehrheit als ein Volk, das nicht mit
den Deutschen in eins zu setzen ist. Würde dieses nach dem Zweiten Weltkrieg
mühsam erarbeitete Wir-Gefühl halten? Würde es einem Sog standhalten,
der sich durch ein sich vereinigendes Deutschland ergab? Wenn die Leute in
Ostdeutschland nicht mehr nur „Wir sind das Volk!“, sondern – wie
seit der Öffnung der Mauer – „Wir sind ein Volk!“ skandierten,
könnte das ja womöglich ein Vorbild für „deutsch“ denkende
Landsleute abgeben: Die Angst war groß, das Geschehen auf dem Leipziger
Ring werde sich alsbald auf der Wiener Ringstraße wiederholen: Bestand
nicht die Gefahr, dass an der Donau und in den Alpen ebenfalls der Ruf „Wir
sind ein Volk“ erschallte?
Aber nicht nur eine innere, sondern auch eine äußere Bedrohung
durch das vereinte Deutschland wurde in Österreich diskutiert. Der Wiener
Psychoanalytiker und Psychiater Erwin Ringel, Spezialist für die österreichische
Gemütsverfassung („ Die österreichische Seele“), formulierte
im März 1990 in der Neuen Arbeiterzeitung: „Wenn man gesehen
hat, wie der deutsche Bundeskanzler, kaum dass sein Land eine Spur von Selbständigkeit
erreicht hat, mit den ,Ostdeutschen’, Polen und sogar auch mit den Russen
umgegangen ist, wer seine Forderungen und Bedingungen gehört hat, dem
kann es doch nicht entgangen sein, dass hier ein Machtreich zu entstehen droht,
vor dem sich alle Nachbarn (und nicht nur sie) fürchten müssen. Bereits
zweimal in diesem Jahrhundert gingen Weltkriege von Deutschland aus, einer
davon ein ‚Ausrottungsfeldzug’. Wie groß ist dann die Gefahr,
wenn nun dieses Land zur längst erreichten Weltwirtschaftsmacht auch noch
die militärische dazugewinnt?“ „Principiis obsta“ rief
das „Gewissen der Nation“ erregt der Bundesregierung in Wien zu.

Bundeskanzler Helmut Kohl und Ministerpräsident Lothar de Maizière – ein
ungleiches Paar als politisches Symbol
Das „Machtreich“ und der Machtmensch: Nicht nur in Österreich
wurde das künftige Deutschland gerne mit der Physiognomie von Helmut Kohl
in eins gesetzt: „massig, beharrlich, unsensibel“ galten als Attribute
des deutschen Bundeskanzlers – und gleichermaßen als Attribute
des ganzen Landes. Fotos vom großen westdeutschen Regierungschef Kohl
und von seinem kleinen Pendant aus Ostdeutschland Lothar de Maizière
wurden auch in Deutschland symbolisch gedeutet: Hier „umarmte“ ein
mächtiges und gewaltiges West-Deutschland einen schmächtigen und
nahezu hilflosen Verwandten. Der frühere Ministerpräsident der DDR
kommentierte diese Pressebilder später so: „Zwischen Kohl und mir
ist wahrlich keine Männerfreundschaft entstanden. Er – der rheinische
Katholik, der machtbewusste, auch vierschrötige Mann, ich dagegen ein
wenig protestantisch-musisch angehaucht. Kohl hat in seinen Erinnerungen geschrieben,
zwischen uns hätte die Chemie nicht gestimmt. Wo er Recht hat, hat er
Recht.“ Die beiden deutschen Regierungschefs gaben schon zur Zeit der
friedlichen Revolutionen ein Bild ab, das all die Erwartungen, all die Befürchtungen
und Bedrohungen aus österreichischer Perspektive geradezu mustergültig
zu verdichten schien.
Die Ängste bei zahlreichen namhaften Kommentatoren des Zeitgeschehens
waren groß. Nicht sosehr die Tatsache, dass Johannes Mario Simmel und
viele andere Opinion Leader so dachten ist heute interessant – vielmehr
die Tatsache, dass diese Vorstellungen und Visionen in Medien aufgegriffen
und abgedruckt wurden. Vor allem politisch denkende und fühlende Schichten
in Österreich zeigten sich Ende 1989 stark verunsichert. Unter der vielsagenden
Headline „Deutschland – Na und?“ veröffentlichte ein
Wochenblatt Umfrageergebnisse vom Dezember 1989, denen zufolge nur eine knappe
Mehrheit der Österreicher die deutsche Wiedervereinigung für wünschenswert
hielt, wobei deutlich mehr Frauen als Männer für den Umbruch votierten.
Mehr als die Hälfte der Maturanten und Akademiker äußerten
sich negativ.
Solche Zuschreibungen formulierten und formatierten drängende eigene
politisch-kulturelle Problemlagen des kleinen Landes inmitten Europas, das,
in historischen Zeitläufen gerechnet, eben erst zu sich selbst gekommenen
war. Die verbalen und visuellen Bilder, die österreichische Interpreten
im Herbst des Jahres 1989 von „den Deutschen“ ausmalten und beschworen,
waren Ausdruck des eigenen Gefühlshaushalts – einer Gemengelage
aus Angst und Achtung vor dem großen Nachbarn und der Befürchtung,
der eigene nationale Konsens könne im Strudel des deutschen Einheits-Postulates
plötzlich auf- und untergehen. Die Freude und Begeisterung über die Öffnung
des Eisernen Vorhanges zuerst an der ungarisch-österreichischen, dann
an der deutsch-deutschen Grenze hatte also eine ernstzunehmende Kehrseite:
die Furcht vor einem künftig überdimensionalen Nachbarn und die Sorge
um die psychosoziale und damit um die politische Stabilität des eigenen
Landes.
Bilder von den anderen, Fremdbilder, widerspiegeln stets
auch die eigenen Selbstbilder; Alteritäts-Diskurse sind immer auch Identitäts-Diskurse.
Freilich fehlten es auch nicht an Ermahnungen, geduldig und besonnen zu bleiben.
Otto von Habsburg attestierte die Wochenpresse eine gesamteuropäische
Perspektive – denn er konnte für die bedrohte österreichische
Seele auch ein gewichtiges Plus aus der Öffnung der deutsch-deutschen
Grenze herauslesen. Er knüpfte subtil an die gute alte Zeit der k. und
k. Monarchie an, indem er kurz und bündig postulierte: „Die Österreicher
und Ungarn haben den Preußen den Weg in die Freiheit gezeigt.“ Dass
man die vereinten Deutschen auch künftig unter europäischer, vielleicht
sogar unter österreichischer „Kontrolle“ halten könne,
schwang durchaus in manchen Äußerungen mit. Der Theaterkritiker
und Schriftsteller Hans Weigel bekundete ebenfalls im November ’89 seine
Freude über die Ereignisse in Deutschland und er erklärte demonstrativ,
vielleicht sogar etwas provokativ, seine Liebe zu Berlin. Hinsichtlich der
neuen Gefahrenherde plädierte er für ein gesundes österreichisches
Selbstbewusstsein: „Wir hier sind stark im Nehmen.“ Und, bezogen
auf die Ostdeutschen, die nun auch Wien näher rücken würden:
Sie seien in Not, also werde man ihnen wie dereinst den Ungarn in Not helfen.
Und ansonsten gelte für alle Fälle die alte Wiener Weisheit: „Wir
wer’n s’schon demoralisieren.“
Buchveröffentlichung zum Thema:
Thomas Ahbe/Rainer Gries/Wolfgang Schmale (Hg.), Die Ostdeutschen in
den Medien. Das Bild von den Anderen nach 1990, Leipziger Universitätsverlag
2009.
http://www.univerlag-leipzig.de/article.html;article_id,938
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