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Transit - Europäische Revue, Nr. 36/2009

Editorial
Die Umweltbewegung hat in ihrer relativ jungen Geschichte viel
erreicht. Grün ist Mainstream geworden, und die Qualität der Umwelt hat sich signifikant
verbessert. Doch gilt diese Bilanz nur für unsere Region. Global gesehen steuert die Umwelt
und mit ihr die Menschheit auf eine Katastrophe zu. Dass diese Prognose nicht mehr als Alarmismus
abgetan werden kann, zeigt sich an der Karriere des Themas Klimawandel. Inzwischen hat es einen
festen Platz in der öffentlichen Diskussion, und die Politiker quer durch das politische
Spektrum müssen sich ihm stellen.
Spätestens der Report des früheren Weltbank-Chefökonomen
Nicholas Stern hat den Gemeinplatz vom Widerspruch zwischen Ökologie und Ökonomie
obsolet werden lassen: Eine Klimakatastrophe würde enorme Kosten für die Volkswirtschaften
bedeuten, während Klimaschutz sie durch die Entwicklung energiesparender Technologien kräftig
beleben könnte. Klimaschutz scheint nicht mehr ›nur‹ eine moralische Verpflichtung,
sondern auch eine wirtschaftliche Chance.
Diese Entwicklung kann als Bestätigung des ursprünglichen
Programms der grünen Politik gelesen werden. Zugleich zwingt sie die grünen Parteien
dazu, sich neu zu positionieren, den Stellenwert der Ökologie in ihrer Politik neu zu bestimmen
und ihren Führungsanspruch in Sachen Umwelt zurückzuerobern. Denn die Grünen sind
mit ihrem »Kerngeschäft« schon lange nicht mehr allein: Nicht nur haben
so gut wie alle Parteien Umweltpolitik in ihre Programme geschrieben, sondern es sind zahlreiche,
oft politisch bewegte Ökologie-Institute und mächtige nationale und transnationale
Umwelt-Verbände entstanden.
Die schiere Dimension des zu erwartenden Klimawandels und des damit
verbundenen gesellschaftlichen und politischen Konfl iktpotentials sprengt allerdings den
Rahmen dessen, was man bisher gemeinhin unter Umweltpolitik verstanden hat. Der Klimawandel stellt
die bestehenden demokratischen Institutionen und das Instrumentarium herkömmlicher Politik
vor nie gekannte Herausforderungen. Zum einen in räumlicher und zeitlicher Hinsicht: der Klimawandel ist ein globales, ebenso
akutes wie langfristiges Phänomen, dem nur mit Maßnahmen beizukommen ist, die die
nationalen Grenzen und den nur bis zu den nächsten Wahlen reichenden Horizont von Parteipolitik überschreiten;
zugleich wirft er die Frage nach globaler Gerechtigkeit und Generationengerechtigkeit auf. Zum
andern in struktureller Hinsicht: der Klimawandel macht Denken in politischen Ressorts obsolet,
denn er hat nicht nur ökologische, sondern untrennbar davon auch ökonomische, soziale
und sicherheitspolitische Konsequenzen.
Die Beiträge im vorliegenden Heft setzen sich mit diesen Herausforderungen
auseinander.
Während Anthony Giddens meint, dass es bis heute keine schlagkräftige
Politik gegen den Klimawandel gebe, und für eine Erneuerung staatlicher Planung plädiert,
setzen Claus Leggewie und Harald Welzer dagegen, dass die Zukunft der westlichen Demokratie
in der Revitalisierung von Teilhabe und Mitsprache der Bürger liege: nicht mehr Planung,
sondern mehr Demokratie sei gefordert. Welche Rolle dabei dem Einzelnen zukommt, diskutieren
Nadine Pratt und Oliver Geden: Kann man Klimapolitik auf die wachsende Macht des aufgeklärten
Verbrauchers gründen? Oder würde ein zum Konsumenten geschrumpfter Bürger
nicht eine weitere Aushöhlung institutionalisierten Politik bedeuten, die gerade angesichts
der gegenwärtigen Krisen unverzichtbar ist? Ingolfur Blühdorn sieht in der demokratiepolitischen
Debatte eine Illusion am Werk: Weder haben die westlichen Gesellschaften die strukturelle Fähigkeit
noch den politischen Willen zu der von ihnen so lauthals geforderten Wende zur Nachhaltigkeit.
Von einem vorsichtigen Optimismus getragen ist hingegen der Beitrag
von Wolfgang Sachs, der in dem Aufstieg der Idee der Menschenrechte eine Chance für jene
sieht, die am wenigsten für die Klimakrise verantwortlich sind und am meisten unter
ihr leiden: die Armen. Ihr Überleben muss Vorrang haben vor unserem Besserleben. Über
die Folgen unseres Handelns für die in der Zukunft lebenden Menschen denkt Lukas Meyer nach.
Auch er kommt in seinen gerechtigkeitstheoretischen Überlegungen zu dem Schluss, dass Klimaschutz
Einschränkungen verlangt, und zwar von jenen heute Lebenden, die sich durch ihre umweltbelastenden
Aktivitäten Begünstigungen verschaffen.
Die Frage der Klimagerechtigkeit ist nicht abstrakt. Der Klimawandel
kann Verteilungskonfl ikte in und zwischen Ländern auslösen und damit neue Spannungslinien
erzeugen. Die Implikationen des Klimawandels für die internationale Politik untersucht Dirk
Messner. Worin besteht in diesem Szenario die Verantwortung Europas?
Wie kaum ein anderes politisches Gebilde heute verfügt die
Europäische Union über Instrumente und Mittel zur Entwicklung, Durchsetzung
und Finanzierung nachhaltiger klimapolitischer Lösungen. Sie hat hier bereits eine internationale
Vorreiterrolle übernommen. Wird sie ihr weiterhin gerecht werden? Werden ihre Mitglieder
den notwendigen politischen Willen und ihre Bürger die notwendige Solidarität
aufbringen?
Inzwischen überschattet die Finanzkrise die Debatte um das
ehrgeizige EU-Klimaschutzpaket. Der Widerspruch zwischen Ökologie und Ökonomie
wird neuerlich beschworen: Angesichts der Reparaturkosten für das kollabierte Finanzsystem
und die in Mitleidenschaft gezogene Wirtschaft können wir uns Klimapolitik angeblich nicht
mehr leisten. Dies wäre ein fataler Fehlschluss. Messner schreibt: »Die Klimapolitik
sollte (…) eine zentrale Arena werden, in der Europa eine wichtige Rolle als global mitgestaltende
Macht des 21. Jahrhunderts spielen kann. Diese Strategie sollte trotz – oder gerade wegen – der
globalen Finanzmarktkrise 2008 zielstrebig verfolgt werden, um nach dem Scheitern kurzfristigen
Denkens auf den Finanzmärkten denselben Fehler in der Klimapolitik zu vermeiden.« Und
warum, fragen Leggewie und Welzer, soll der darniederliegende Markt nicht eben durch Klimainvestitionen
zu beleben sein?
Der britische Außenminister David Miliband hat die Europäische
Union kürzlich aufgefordert, sich ihrer Verantwortung für die Lösung des
Klimaproblems zu stellen. » Diese Organisation, der es mit ihrer Zusammenarbeit im
Kohle- und Stahlsektor gelang, Frieden in Europa zu garantieren, muss zu ihren Wurzeln zurückkehren.
Heute sollte sie das gesamte ihr zur Verfügung stehende Instrumentarium einsetzen, um globale
Standards festzulegen. (…) Die EU wird sich daran messen lassen müssen, ob es
ihr gelingt, die für das Jahr 2020 gegebenen Zusagen einzuhalten. Alles andere würde
ihren globalen Führungsanspruch untergraben. Wir können uns die Abhängigkeit von
CO2-Energieträgern unter wirtschaftlichen, ökologischen und geopolitischen Gesichtspunkten
nicht länger leisten. Die Finanzkrise ist kein Argument, um den Übergang zur CO2armen
Energiewirtschaft zu verzögern, sondern ein Grund mehr,
ihn voranzutreiben.« ( Süddeutsche Zeitung vom 18.12.2008)
Ein Teil der genannten Beiträge ist hervorgegangen aus der
Vortragsreihe »Umweltpolitik und Solidarität – eine Herausforderung für
Europa«, die das Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Zusammenarbeit
mit der Grünen Bildungswerkstatt veranstaltet. Wir danken für die Unterstützung.
Am 13. Juli 2008 verunglückte der polnische Historiker und
Politiker Bronislaw Geremek tödlich. Er war ein Freund des IWM und Mitglied des Redaktionskomitees
von Transit . Im Gedenken an diesen großen Europäer publizieren wir
hier seine Antrittsvorlesung am Collège de France.
Stefan Troebst setzt die Diskussion über europäische
Gedächtnispolitik im vorigen Heft fort mit einem Kapitel europäischer Erfolgsgeschichte,
das die Entwicklung von der Vertreibung als weithin akzeptiertem Instrument staatlicher
Politik zu deren internationaler Ächtung nachzeichnet.
Den Photoessay über die polnische Halbinsel Hel hat der in
Warschau lebende Photograph Chris Niedenthal beigetragen, der den Stil von Transit seit
den ersten Jahren mitgeprägt hat.
Wien im Dezember 2008
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