Was bleibt vom Mythos Galizien?

Tuesday, 24 March 2015, 6:00pm - 7:30pm, IWM library
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Włodko Kostyrko, „Der Hl. Lucas malt Lemberg“, 2005

Galizien, einst Provinz der österreichisch-ungarischen Monarchie,  verschwand nach 1918 von der politischen Landschaft Europas. Heute gehört der westliche Teil Galiziens zu Polen, der östliche Teil mit Lemberg zur Ukraine.

Seit Jahrzehnten war eine renommierte Riege ukrainischer Intellektueller und Schriftsteller bemüht, die drei Landesteile der Ukraine, die durch ihre frühere Zugehörigkeit zur Doppelmonarchie Anspruch auf ihre Zugehörigkeit zu “Mitteleuropa” erheben konnten – also Ostgalizien, die Bukowina und Transkarpatien –, in ihrem Status festzuschreiben.

Dies versprach den Zugang zu und die Teilhabe an dem großen Mitteleuropa-Narrativ der Nachkriegszeit, schien aber auch zusätzliche Argumente für die Legitimierung einer ukrainischen EU-Perspektive zu liefern. Besonders Galizien kam in dieser Strategie die Funktion einer “Brücke aus Papier” zu, um mit Zygmunt Haupt zu sprechen, eines argumentativen Trumpfes, um “unsere Zugehörigkeit zu Europa” herüberzuretten und zu sichern.

Vor dem Hintergrund des Verblassens der Mitteleuropa-Idee infolge des EU-Beitritts der “genuin” mitteleuropäischen Länder erschien das ukrainische Festhalten an dieser Idee am Ende besonders einsam und verzweifelt.

Doch erlebte die Idee ganz unverhofft eine Renaissance: Die Maidan-Revolution machte all das, was wir mit „Mitteleuropa“ verbinden, plötzlich im gesamten Lande manifest, ganz unabhängig von den traditionellen geographischen Zuschreibungen: Pluralismus und Toleranz, Empathie und Solidarität, die klassischen mitteleuropäischen Tugenden, allen voran die Ablehnung der Großmachtidee, sind heute zu gelebter Praxis in der Ukraine geworden. Dabei war Galizien vielleicht zum ersten Mal nicht federführend und ideengebend.

Fast hätte man glauben können, dass die Idee Mitteleuropas obsolet geworden sei, weil in der Idee der Europäischen Union aufgegangen. Doch scheint diese Annahme verfrüht: erstens weil gerade die Unverträglichkeit mit dem Großmachtdenken ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen der Europa- und der Mitteleuropa-Idee bleibt. Und zweitens, weil letztere im Begriff ist, sich von ihrem ursprünglichen, geographischen Kontext zu emanzipieren und eine neue Dynamik erlebt. Es gibt allerdings noch einen dritten Grund: die Mitteleuropa-Idee ist einfach viel zu schön, um sie für ausgedient zu erklären.

 

Martin Pollack studierte Slawistik und osteuropäischen Geschichte in Wien und Warschau. Er lebt als Autor und Übersetzer im Südburgenland und in Wien. Werke (Auswahl): Galizien. Eine Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina (1984, 2001); Kaiser von Amerika. Die große Flucht aus Galizien (2010). Zuletzt erschien Kontaminierte Landschaften (2014).

Jurko Prochasko ist ein ukrainischer Autor, Übersetzer und Psychoanalytiker. Derzeit ist er als Visiting Fellow zu Gast am IWM. Seine zahlreichen Essays gelten insbesondere den Themenkreisen Mitteleuropa, Galizien und Lemberg. Seine letzte Buchpublikation auf Deutsch ist Galizien-Bukowina-Express, eine Geschichte der Eisenbahn am Rande Europas (zusammen mit Magdalena Blaszczuk und Taras Prochasko, Wien 2007).

Ausstellungshinweis:
Mythos Galizien
26. März 2015 bis 30. August 2015
Wien Museum Karlsplatz