Was als Gewalt zählt

Thursday, 29 April 2010, 6:00pm - 8:00pm, IWM library

Eröffnungsvortrag zur Konferenz Phänomenologie und Gewalt III

Der gegenwärtige Gewalt-Diskurs beschränkt sich längst nicht mehr auf sogenannte Gewalt-Taten, die als solche leicht erkennbar sind. Vielmehr hat er auch strukturelle und subtile Formen der Gewalt zum Vorschein gebracht. Daraus ergibt sich eine außerordentliche Ausweitung des Begriffs der Gewalt, wenn sie beispielsweise sogar in purem (Ver-) Schweigen, in bloßer Passivität und Gedankenlosigkeit liegen kann, die als rücksichtslos und insofern gewaltsam erfahren wird. Diese Ausweitung des Gewaltbegriffs lässt den Eindruck entstehen, die Gewalt durchdringe alles und ziehe alles in Mitleidenschaft. So gesehen kann die Gewalt nicht mehr als pathologische Ausnahme, Unterbrechung oder als Abbruch einer von ihr zunächst nicht betroffenen Normalität gelten. Vielmehr erscheint es nun als geradezu normal, dass man überall mit ihr zu rechnen hat. Die Ausweitung des Gewaltbegriffs wirft nun aber die Frage auf, was überhaupt als Ge¬walt „zählen“ soll.

Der Gewalt-Diskurs bringt Formen der Gewalt überhaupt erst als solche zur Sprache und konfrontiert uns mit dem Problem, wie man sich zu subtilen oder strukturellen Phänomenen der Gewalt verhalten soll, die zuvor noch gar nicht als solche gegolten haben. Wenn uns im Verhältnis zu solchen Phänomenen der Gewalt keine Verhaltensoptionen offen stehen sollten, so könnte gelten, was bereits Merleau-Ponty in seinem Buch über Die Abenteuer der Dialektik scharfsichtig feststellte: „Man bedient sich der Gewalt mit um so weniger Skrupeln, als sie, wie man sagt, den Dingen innewohnt.“ Spielt also gerade der Diskurs über die Gewalt, der diesem Phänomen in immer neuen Hinsichten auf die Spur gekommen ist, insofern der Gewalt zugleich in die Hände?

So gesehen würde es in der Verantwortung des Diskurses über die Gewalt liegen, Phänomene der Gewalt so zur Sprache zu bringen, dass sie nicht als unvermeidlicher Bestandteil des sogenannten Laufs der Dinge (oder der Welt) erscheinen, son¬dern so, dass Spielräume des Verhaltens erkennbar werden, die vielleicht auch dann noch offen bleiben, wenn es zutreffen sollte, dass selbst unser Dasein in der Welt nicht ganz und gar vom Verdacht einer ihm anzulastenden Gewaltsamkeit freizusprechen ist.

Burkhard Liebsch ist Professor für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum.