Unparteilichkeit: Anmerkungen zu Ursprung und Reichweite eines Wissenschaftsideals

Wednesday, 9 April 2014, 4:00pm - 5:30pm, IWM library
Traninger_eventObwohl ‚Unparteilichkeit‘ eine Kerntugend moderner Wissenschaft ist, spielte der Begriff in der Geschichte der Gelehrsamkeit bis in das 17. Jahrhundert keine Rolle. Daraus folgt, dass Unparteilichkeit keine ‚natürliche‘ und anthropologisch konstante Grundhaltung ist, sondern ein erlernter und codierter Habitus. Die Wurzeln des Konzepts finden sich freilich, anders als gemeinhin in der Wissenschaftsgeschichte angenommen wird, nicht im Beobachtungsparadigma der aufstrebenden Naturwissenschaften. Vielmehr infizierte die Faszination mit der Unparteilichkeit eine Reihe von Disziplinen und Diskursen, von der theologischen Debatte über das im Entstehen begriffene Nachrichtenwesen bis zu Ästhetik.

In meinem Vortrag wird es zum einen um die Entstehungsbedingungen des Begriffs der Unparteilichkeit im 17. und 18. Jahrhundert gehen; zum anderen werde ich das semantische Profil von ‚Unparteilichkeit‘ gegenüber Begriffen wie Neutralität, Fairness oder Objektivität herausarbeiten und zeigen, dass das unparteiische Urteil etwas fundamental anderes ist als ein Blick auf die Welt ‚so wie sie ist‘.

Anita Traninger ist Fellow der Einstein Stiftung Berlin am Institut für Romanische Philologie der Freien Universität Berlin und Visiting Fellow am IWM. Sie hat breit zu Fragen von Rhetorik und Wissensgeschichte vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert publiziert. Ihr jüngstes Buch, zugleich ihre Habilitationsschrift an der Freien Universität Berlin, befasst sich mit Konfliktpraktiken und Debattenformaten, die Scholastik und Humanismus gleichermaßen zugrunde lagen (Disputation, Deklamation, Dialog. Medien und Gattungen europäischer Wissensverhandlungen zwischen Scholastik und Humanismus, Stuttgart 2012). An der Freien Universität leitet sie zwei mehrjährige Forschungsprojekte zur Genealogie des Begriffs der Unparteilichkeit sowie zur ‚Frage‘ als epistemischer Gattung.

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