Realismus heute

Tuesday, 5 October 2010, 6:00pm - 7:30pm, IWM library
„Realismus“ – als Haltung, als Projekt, als Produktion – verlangt Treue; Treue nämlich gegenüber der Wirklichkeit, der es in ethischer, politischer und epistemischer Hinsicht gerecht zu werden gilt. Realismus bezeugt Wirklichkeit, erzeugt sie aber nicht. Das impliziert die Zeitgenossenschaft derjenigen, die sich auf das realistische Projekt und damit auf Wirklichkeitstreue verpflichten. Realismus ist daher immer zeitgenössischer Realismus. Allerdings geht das realistische Projekt nicht im positivistischen Registrieren des Gegebenen auf. Realismus gibt vielmehr ein Bild der Wirklichkeit und das Verhältnis des Realismus zur Wirklichkeit ist ein dialektisches: Das Bild entsteht erst durch die realistische Darstellung, aber das, was dargestellt wird, gilt als ein wie auch immer latent Gegebenes, sonst handelte es sich nicht um eine realistische Darstellung. Das realistische Projekt bringt also heraus, macht sichtbar – realisiert –, was als Wirklichkeit gegeben scheint.

Als kritisches Projekt ist diese generelle Bestimmung natürlich auf die soziale Wirklichkeit bezogen. Dadurch erhält das realistische Projekt einen potentiell interventionistischen Charakter: das realistische Bild der sozialen Wirklichkeit transformiert zwar nicht selbst schon die Welt – wie dies viele utopische Programme für die Kunst der Moderne vorsahen -, aber indem es den historisch kontingenten, den sozialen Charakter gerade dessen hervorhebt, was uns an ihr als unausweichlich, als quasi-natürlich erscheinen mag, bereitet es den Weg für ihre praktische Transformation. Die Wirklichkeitstreue erhält dadurch einen doppelten Charakter: sie ist auf das Gegebene verpflichtet, aber nicht um des Gegebenen selbst, sondern um der Möglichkeit seiner Transformation willen. Es ist die These dieses Vortrags, dass der kritische Realismus der Gegenwart diesen Zusammenhang als Kritik der Repräsentation formuliert. Die Wirklichkeit, die dieser Realismus ins Bewusstsein hebt, ist die politische Wirklichkeit der Repräsentation.

Juliane Rebentisch ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Exzellenzcluster “Die Herausbildung normativer Ordnungen”, Goethe-Universität Frankfurt / Main.

In Kooperation mit dem Renner Institut