Das Unreduzierbare

Tuesday, 11 September 2012, 6:00pm - 7:30pm, IWM library

Eröffnungsvortrag der Konferenz Beyond Myth and Enlightment. Phenomenological Reconsiderations of Religion

In deutscher Sprache

Die Frage nach Gott ist deshalb schwierig, weil das, worum es geht, nämlich „Gott“, die Fragestellung und deren Begrifflichkeit notwendig zutiefst verändert. Das zeigt schon die ziemlich merkwürdige Tatsache, dass diejenigen, die Gott annehmen, mit denen, die dies nicht tun, die gemeinsame Überzeugung teilen, dass „niemand Gott gesehen hat“.

Die Metaphysik hat „Gott“ immer neu bestimmt entsprechend den a-priori-Bedingungen der Erkenntnis, d.h. der Fragestellung. Das postmetaphysische Denken hingegen versucht, die Begrifflichkeit der Frage entsprechend den Erfordernissen dessen, worum es geht, nämlich „Gott“, zu verändern. Daraus folgt, dass die in dieser Weise neu gestellte Frage nach Gott nicht reduzierbar wird und dass sie alle Leugnung „Gottes“ selbst überdauert.

Jean-Luc Marion ist Greeley Professor of Catholic Studies und Professor of the Philosophy of Religions and Theology an der University of Chicago, Professor emeritus an der Sorbonne (Paris IV), Professor am Institut catholique (Paris) und Mitglied der Académie Française.

Jean-Luc Marions Forschungsschwerpunkte sind die Philosophiegeschichte und die zeitgenössische Phänomenologie. Marion hat zahlreiche Publikationen zu Descartes‘ Ontologie, rationaler Theologie und Metaphysik, mit einem Fokus sowohl auf mittelalterliche Quellen sowie zeitgenössische Deutungsmuster (z.B. Sur le prisme métaphysique de Descartes, 1986), verfasst. Eine langfristige Untersuchung ist der Gottesfrage gewidmet, woraus L’idole et la distance (1977) und Dieu sans l’être (1982) hervorgingen. Marions phänomenologische Analyse der Gegebenheit fand in der Trilogie Réduction et donation (1989), Étant donné (1997) sowie De surcroît (2001) ihren Niederschlag und führte ihn zuletzt zu seiner Analyse Le phénomène érotique (2003). Neuere Buchpublikationen sind Au lieu de soi, l’approche de Saint Augustin (2008), Certitudes négatives (2010) und Figures de phénoménologie (2012). In deutscher Sprache erschienen sind u.a. Ruf und Gabe zum Verhältnis von Phänomenologie und Theologie (2000) und Das Erotische. Ein Phänomen (2010); Übersetzungen von Dieu sans l’être und De surcroît sind z.Z. in Vorbereitung. Gegenwärtig arbeitet Marion an einem Buch über die Dekonstruktion des Mythos des Cartesianischen Dualismus unter dem Titel Sur la pensée passive de Descartes.

Marion wurde unter anderem mit dem Karl-Jaspers-Preis (2008) der Stadt Heidelberg und Ruprecht-Karls-Universität sowie dem Grand Prix de philosophie de l’Académie française (1992) ausgezeichnet.

Mit Unterstützung des
Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF